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Digitalisierung Treffen der Transformatoren: BASF-Chef Bock beim ZVEI-Jahreskongress

| Autor / Redakteur: Gerd Kielburger / Dipl.-Medienwirt (FH) Matthias Back

Mensch, Maschine, Miteinander – Leben in der digitalen Welt. Das war das Motto beim diesjährigen ZVEI-Jahreskongress. In Berlin hatten sich mehr als 700 Unternehmenslenker und Experten der Elektrotechnik- und Automatisierungsbranche zusammengefunden, um über die Herausforderungen der Digitalisierung zu diskutieren. Neben Politik und Wissenschaft machte auch BASF-Chef Kurt Bock seine Aufwartung und gab Einblicke zu den Chancen von Chemie 4.0.Die Kernbotschaft aus Berlin: Mangelndes Fachwissen behindert die schnelle Implementierung von Industrie 4.0.

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BASF-Chef Dr. Kurt Bock: "Moderne chemische Produkte kann man ohne Digitalisierung zukünftig nicht mehr fahren". Bock will mit den Mitarbeitern auch die Diskussionen um Leitwarten vs. Remote Rooms weiter führen.
BASF-Chef Dr. Kurt Bock: "Moderne chemische Produkte kann man ohne Digitalisierung zukünftig nicht mehr fahren". Bock will mit den Mitarbeitern auch die Diskussionen um Leitwarten vs. Remote Rooms weiter führen.
(Bild: ZVEI; Flickr; CC BY-NC 2.0)

Berlin – Die gute Botschaft vorweg: Die Ideen der digitalen Vernetzung sind längst in allen Zweigen der Industrie angekommen – auch in der als konservativ geltenden Prozessindustrie. Kein Wunder, könnte – Berechnungen des Branchenverbands Bitkom zufolge – die deutsche Industrie mit der vernetzten Produktion bis 2025 doch Produktivitätssteigerungen in Höhe von fast 80 Milliarden Euro erzielen. Zahlen, die viele Unternehmensführer antreiben.

Hemmnis-Dreiklang: Ängste, Ausbildung, Geschwindigkeit

Doch bei der Umsetzung geht es vielen Managern und Experten nicht schnell genug. Vor allem die Politik musste sich auf dem Berliner Jahrestreffen der Elektrotechnik- und Automatisierungsbranche beim Thema Netzausbau harsche Kritik anhören. Doch hapert es nicht nur an Umsetzungsgeschwindigkeit, sondern auch an fehlenden neuen Geschäftsmodellen sowie in noch viel höherem Maße an mangelndem Fachwissen der Mitarbeiter im Umgang mit den neuen Technologien und Konzepten.

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Wo bleibt der Mensch beim Einsatz von kollaborierende Robotern, sogenannten Cobots, Big Data und Co.? Eine der Kernfragen des diesjährigen ZVEI-Jahreskongresses, denn die Entwicklung begeistert und ängstigt viele Mitarbeiter in der produzierenden Industrie zugleich. Aufklärung tue Not, so die einmütige Erkenntnis. Bildungsinitiativen in Schulen, Hochschulen aber auch in den Betrieben müssen deutlich schneller als bisher vorangetrieben werden. „Industrie 4.0 ist ohne gut ausgebildete Mitarbeiter nicht möglich“, so der alte und neue ZVEI-Präsident Michael Ziesmer. Ziesemer, der im Verwaltungsrat bei Endress+Hauser sitzt und die Automatisierungsbranche aber auch die Prozessindustrie wie kaum ein anderer kennt, verweist dabei auf eine eigene aktuelle Verbandsumfrage, wonach mangelndes Fachwissen der Mitarbeiter als Haupt-Hinderungsgrund für die Implementierung von Industrie 4.0 in Deutschland genannt wird.

Digitalisierung sei weltumspannend, irreversible und disruptiv, so die harte Dreiklang-Botschaft, die keinen der anwesenden Manager beängstigen mag – auch wenn die hier vertretenen Unternehmen Treiber und Getriebene der vernetzten Produktion gleichermaßen sind. Dabei ist Deutschland nach Aussagen vieler Sprecher trotz allem noch digitales Entwicklungsland. Einer, der das sagt ist Dr. Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Robert Bosch, einem der größten deutschen Industriekonzerne.

Sein Unternehmen sieht Denner in der größten Transformation seiner Unternehmensgeschichte. Bis 2020 will man 20 Milliarden Geräte miteinander vernetzen. 2016 hat der Konzern mit seinen fast 390.000 Mitarbeitern immerhin schon 27 Millionen IoT-fähige Produkte produziert. Der Bosch-Chef treibt sein Unternehmen mächtig an und richtet den Blick dabei nicht nur ins gelobte Digitalisierungsmekka des Silicon Valley, sondern zunehmend auch gen Osten. Denn, so Denner: „Die digitale Leistungskraft hat sich längst auch in China gespiegelt, mit deutlich zunehmender Geschwindigkeit“. Auch Denner präsentiert eine Studie (D21), die Menschen hierzulande in drei Kategorien einteilt: digitale Vorreiter (31%), digitale Mithaltende (43%) und digitale Abseitsstehende (26%). „Für letztere Gruppe wird es in der Welt, in die wir hinein wollen, nicht mehr ausreichen“, prognostiziert er und untermauert seine These mit einer Forderung nach deutlich größeren Kraftanstrengungen für den Ausbau der IT-Kompetenz an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen sowie beim Breitbandausbau. Forderungen, die allen anwesenden Experten des ZVEI-Kongresses deutlich unter den Nägeln brennen. Da kann auch Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) nur nickend zustimmen, um den Ball für den Netzausbau ins Spielfeld von Alexander Dobrindt (CSU), Minister für Verkehr und digitale Infrastruktur, zu spielen. Zypries verweist in dem Kontext auf das Beispiel des Prozessbeschleunigers zwischen BASF und dem Land Rheinland-Pfalz, wie gut Politik, Behörden und Wirtschaft zusammenarbeiten können.

Hintergrund: In Ludwigshafen ist es gelungen, die Genehmigungszeiten für Anlagenbauprojekte auf nur wenige Tage zu verkürzen. Vorbild auch für den Bund und andere Bundesländer, so die nur halb versteckte Botschaft. Dass dies auch bitter notwendig ist, weiß auch Phoenix Contact-Chef Frank Stührenberg zu berichten. Seiner Erfahrung nach ist China bereits dabei einen Teil der Wertschöpfungsketten zu dominieren. Wer in diesem harten Wettbewerb bestehen will, muss die Transformation ernst nehmen und auf allen Ebenen aufs Tempo drücken. Redner wie Siemens-Vorstandsmitglied Klaus Helmrich sehen die Transformation klar als Chefsache an: Nur Top Down könne man die Rahmenbedingungen für die Ausbildung und die damit verbundenen finanziellen Ressourcen bereitstellen. Unternehmenschefs sieht Helmrich vor allem in der Verantwortung, wenn es um die Klärung der Budgetverteilung eines Transformationsprozesses und bei der Mitarbeiterausbildung geht, und welche Wertschöpfung aus dem Big-Data-Rohstoff für die Kunden entstehen soll.

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