Industrie 4.0 und die Rolle der Namur Standards haben Priorität

Autor / Redakteur: Dr. Wilhelm Otten* / Wolfgang Ernhofer

Die Namur ist ein internationaler Verband der Nutzer der Automatisierungstechnik in der Prozessindustrie mit dem Ziel, einen Wertbeitrag in Form von sichereren, effizienteren, ressourcenschonenden und flexibleren Produktionsprozessen und Anlagen zu liefern. Darüber hinaus versucht der Verband, die Entwicklungen im Rahmen von Industrie 4.0 zu steuern, Impulse zu setzen und gemeinsame Entwicklungen zu starten.

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Namur-Vorsitzender Dr. Wilhelm Otten mit seinem Grußwort zum Sonderheft „PROCESS Sezial Prozessindustrie 4.0“.
Namur-Vorsitzender Dr. Wilhelm Otten mit seinem Grußwort zum Sonderheft „PROCESS Sezial Prozessindustrie 4.0“.
(Bild: PROCESS)

Seit 2012 beschäftigt sich der Namur-Vorstand in seiner Strategie mit dem Thema und ist im Austausch mit den verschiedenen Verbänden, insbesondere mit dem ZVEI. Da wir in der Prozessindustrie mit Fluiden und Feststoffen umgehen, die wir nicht zu „Cyber Physical Systems“ aufrüsten werden, bedeutet Industrie 4.0 für die Prozessindustrie die Nutzung der Kommunikationstechnologien zur Schaffung von Transparenz, Effizienzsteigerung und Flexibilisierung in den schon im Abschlussbericht des acatech-Arbeitskreises 2012 definierten drei Dimensionen bzw. Kernprozessen:

  • Horizontale Integration / Supply Chain,
  • Asset Lifecycle und
  • Vertikale Integration von der Feldebene bis in die Cloud (Automatisierungspyramide).

Die Erreichung dieses Ziels verlangt universelle, herstellerunabhängige Kommunikationsstrukturen und Schnittstellen, deren Entwicklung wir vorantreiben. In der vertikalen Integration haben wir die Harmonisierung der beiden Methoden zur Geräteintegration, EDDL und FDT, zum FDI (Field Device Integration) gefordert, initiiert und unterstützt. Damit haben wir jetzt einen herstellerunabhängigen Standard für die automatisierte Integration von Feldgeräten in Automatisierungssysteme, der mittlerweile schon Einzug in die Fertigungstechnik gefunden hat.

Mit der Initiative der dezentralen Intelligenz, dessen Kern der „Modul Typ Package“ (MTP) ist, gehen wir noch einen Schritt weiter und integrieren komplette Module/Package Units automatisiert und unabhängig vom Hersteller in übergeordnete Systeme. Gemeinsam mit den Herstellern erarbeiten wir darüber hinaus einen Standard für Ethernet-in-the-field.

Auf der Namur-Hauptsitzung werden wir einen Vorschlag für eine Open-Architecture machen. 2015 haben wir einen Arbeitskreis Logistik gegründet, der sich mit der Nutzung der Automatisierung in der Supply Chain beschäftigt.

Im Asset Lifecycle geht es um einheitliche, herstellerunabhängige Datenstrukturen und Schnittstellen. Hier haben wir mit der NE150 die Grundlage für einen herstellerunabhängige Schnittstelle zwischen CAE-Tools und Prozessleitsystemen geschaffen, die wir jetzt mit der DEXPI-Initiative zu einem vollständigen, durchgängigen Datenmodell für den Lebenszyklus der Anlagen der Prozessindustrie weiterentwickeln. Dieses ist die Basis für die digitale Fabrik und ermöglicht damit unter anderem die Nutzung von Augmented Reality. Ich glaube, dass die Namur mit diesen Aktivitäten der Prozessindustrie die Vorteile von Industrie 4.0 eröffnet, und dieses in enger Zusammenarbeit mit den Herstellern, die in allen Projekten mitarbeiten. Wir haben in den letzten drei Jahren mehr in Richtung nutzbringender Standardisierung geschafft als in den zehn Jahren davor.

* * Der Autor ist Vorsitzender der Namur und Head of Process Technology & Engineering bei Evonik Technology & Infrastructure GmbH. Kontakt: Tel. +49-6181-59-2476

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