Suchen

Kooperation So wollen Siemens und Bentley die Interoperabilität vorantreiben

Redakteur: Anke Geipel-Kern

Versetzt die neue Kooperation von Siemens Industry Automation und Bentley Systems der Idee der digitalen Anlage den entscheidenden Schub? Andreas Geiss, Vice President Comos Industry Solutions bei Siemens, und Carsten Gerke, Vice President Professional Services bei Bentley, planen Comos und Openplant für den bidirektionalen Datenaustausch zu öffnen.

Firmen zum Thema

Andreas Geiss, Vice President Comos Industry Solutions, und Carsten Gerke, Vice President Professional Services Bentley, auf der Hannover Messe am Siemens-Stand.
Andreas Geiss, Vice President Comos Industry Solutions, und Carsten Gerke, Vice President Professional Services Bentley, auf der Hannover Messe am Siemens-Stand.
(Bild Kielburger)

Der Zeitpunkt war gut gewählt: Auf der Hannover Messe haben Siemens Industry Automation und Bentley Systems ihre strategische Zusammenarbeit für die Prozessindustrie bekannt gegeben. Ziel beider Unternehmen ist, die Interoperabilität zwischen der Engineering-Softwarelösung Comos von Siemens und Openplant von Bentley auszubauen. Daten und Informationen sollen künftig über den gesamten Anlagenlebenszyklus vom Engineering bis zum Anlagenbetrieb gewerkeübergreifend erfasst, ausgetauscht und weiter verwendet werden können.

PROCESS: Herr Geiss, Herr Gerke, die durchgängige Digitalisierung von Anlagen scheint ein langer und steiniger Weg zu sein. In der Chemieindustrie zählen vor allem die großen Player wie BASF, Evonik oder Bayer zu den Treibern. Wann erwarten Sie den Durchbruch für die digitalisierte Anlage?

Geiss: Die Beobachtung ist sicherlich korrekt, wenn man die rein deutsche Prozessindustrie betrachtet. Aber wenn wir uns anschauen, was in der Öl- und Gasindustrie außerhalb Deutschlands passiert, dann ist Offenheit, Datenintegrität, Datenaustausch über nicht proprietäre Formate wie ISO 15926 ein Trend, der von der Branche schon lange vorgelebt wird. Die Öl-/Gasindustrie ist sicherlich die letzten fünf bis sieben Jahre in einer Vorreiterrolle gewesen, weil dort das digitale Abbild einer Anlage helfen kann umweltrelevante Einflüsse besser und sicherer bewerten zu können. Öl- und Gasbetreiber wollen ihr Personal so gut wie es irgend geht ausbilden und ihre Anlagen nach bestem Standard managen. Sie haben recht, wenn Sie sagen, in der deutschen Prozessindustrie muss sich das noch etablieren. Wir wollen dabei aber nicht auf Arbeitsergebnisse von Processnet oder Dechema warten, sondern proaktiv das, was wir aus anderen Industrie-Applikationen kennen, auch hier etablieren.

PROCESS: Digitalisierung ist hier auf der Hannover Messe ein zentrales Thema. Wo sehen Sie Siemens Comos im Vergleich zu den Marktbegleitern?

Geiss: Ich glaube unser Vorsprung ist signifikant. Wenn man sich auf der Hannover Messe umschaut, dann sprechen wir nicht von einer Generation Vorsprung, sondern von Generationen. Wir haben die Möglichkeit Durchgängigkeit aus der Planung heraus bis zur Automatisierungsebene zu schaffen. Mit der Kooperation mit Bentley gehen wir jetzt einen weiteren entscheidenden Schritt. Das wird eine durchgestochene Prozesskette sein.

So schließen Sie die Lücke zwischen Capex und Opex.

Die Lücke zwischen Capex und Opex schließen

PROCESS: Markiert die Interoperabilität zwischen Comos und Openplant den Start für einen One Stop-Shop für die digitale Anlage?

Gerke: Nein, es wird kurzfristig kein One Stop-Shop geben, bei dem die Hersteller sich gegenseitig vertreten. Wir glauben, dass One Stop-Shops so auch nicht in der Prozessindustrie funktionieren. Das haben wir auch auf dem Digital Plant Kongress so diskutiert. Es muss eine Interoperabilität zwischen Systemanbietern geben und das treiben wir in der Zusammenarbeit exemplarisch voran und setzen damit ein Zeichen.

Geiss: Wir werden sicherlich den Trend im Markt setzen und ganz klar das Thema Offenheit unseren Kunden bieten. Wir haben im Vorgriff auf die Hannover Messe mit zwei Kunden als Sparings-Partner ganz offen und konstruktiv diskutiert. Unsere Vision und die Vorteile für den Kunden in der Kooperation mit Bentley wurden uns dabei von Kunden bestätigt.

Der Trend zur Durchgängigkeit ist einfach unverkennbar und in der Zusammenarbeit mit Bentley wollen wir diesem Trend noch besser entsprechen. Offenheit ist heute ein Muss, um Dateninkonsistenzen zu vermeiden. Damit jede Anlage so profitabel wie möglich ist, müssen Hand-over-Phasen zwischen Capex und Opex geschlossen werden. Natürlich haben wir uns genau unsere Kundenklientel angesehen und dabei gemeinsame Kunden identifiziert.

Unser Ziel ist es, einen Bedarf im Markt zu wecken, der sicherlich über das heutige Maß hinaus geht, in dem wir vertrieblich zusammenarbeiten werden. Die Schnittstelle, die wir jetzt geschaffen haben, wird von beiden Seiten unterstützt. Aber sowohl Bentley mit Openplant als auch Siemens mit Comos werden aber weiter ihre eigenen Portfolio-Einheiten weiterentwickeln.

Es ist nicht angedacht, eine Gemeinschaftssoftware zu entwickeln. Basierend auf dem, was beide Partner zur Verfügung stellen, möchten wir nunmehr Kunden erlauben, Daten von Comos zu Openplant und in etwa einem halben Jahr als bidirektionales Interface auch von Openplant zu Comos zu bringen.

Warum die Partner zuversichtlich sind, dass das Angebot einschlägt.

Erste Rückmeldungen stimmen zuversichtlich

PROCESS: Welche Dimensionen meinen Sie, wenn Sie von identifizierten Kunden sprechen?

Gerke: Der Blick auf die bestehende Kundenbasis zeigt, das zahlreiche Kunden sowohl Produkte von Bentley als auch von Comos einsetzen. Von diesen erhalten wir ein sehr positives Feedback. Die Interoperabilität zwischen Comos und Openplant wird allgemein begrüßt. Die Quantitäten sind offen gestanden schwer zu beziffern. Wir haben derzeit in etwa zwei Hand voll Kunden, die uns in diese Richtung drücken.

Geiss: Nochmals, das Feedback unserer Kunden zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wenn erste Leuchtturm-Projekte fertig sind, werden wir Ihnen diese selbstverständlich zur Validierung vorstellen. Ein Kunde hat seine IT-Architektur auf genau diese Portfolio-Elemente abgestimmt. Darauf sind wir natürlich sehr stolz.

PROCESS: Beim Übergang vom Design- und Engineering-Prozess in die Produktion gibt es immer wieder Systembrüche. Wie schafft es die Koppelung von Open Plant und Comos diese zu verhindern?

Geiss: Wir leisten einen entscheidenden Beitrag durch die enge Integration zwischen Comos 2D-Engineering-Daten hin zu 3D-Anlagenplanungsdaten von Bentley, um ein elektronisches Abbild der Anlage aktuell zu halten. Heute ist es so, wenn eine Anlage gebaut wurde: Man erfasst vielleicht noch einen As-Built-Status. Man übergibt diese Daten dann zur Operation bzw. Betrieb der Anlage und dann ist es nur eine Frage, wie lange es dauert bis diese Daten verstaubt sind – meist sind das nur wenige Monate oder ein bis zwei Jahre.

Man packt sie erst wieder an, wenn es um eine Erweiterung geht und der Betreiber gefordert ist, sich damit zu beschäftigen. Wir sehen den zukünftigen Trend dahingehend, dass Anlagenbetreiber kontinuierlich immer ein aktuelles Abbild der Anlage haben möchten, um Prozess- oder Anlagenoptimierungen durchführen zu können. Diesem Wunsch der Betreiber werden wir durch die Integration von 2D und 3D nachkommen können.

Gerke: Auf der 3D-Seite spielen da weitere Trends mit rein, wie beispielsweise Laserscanning, die man in intelligente Modelle umsetzen kann. Da kommt dann unser gesamtes Portfolio zum Einsatz. Auf der Comos-Seite wie auch bei Bentley gibt es dazu einige betriebsunterstützende Tools, die komplett komplementär sind. Sie sehen, das ganze Potenzial ist noch gar nicht ausgearbeitet. Wir werden uns in der Zusammenarbeit zunächst auf den 2D-/3D-Bereich konzentrieren.

PROCESS: Sie können sich also doch vorstellen in Zukunft gemeinsam 2D-Tools weiterzuentwickeln?

Geiss/Gerke: definitiv.

In welchen Prozessbranchen sehen Sie die größten Hebel für Ihre Angebote?

Gerke: Die Chemie- und Pharmaindustrie werden sicher den beschriebenen Trend aus der Öl- und Gasindustrie am schnellsten aufgreifen.

Was sind die nächsten Schritte?

Geiss: Get-it-going mit den zwei Hand voll Kunden, die wir identifiziert haben. Wir werden das, was wir jetzt vorgestellt haben als bidirektionales Interface bis Ende des Kalenderjahres produktiv haben und dann gemeinsam mit Kunden neue Handlungsfelder identifizieren. Wir haben eine Reihe von Ideen, die wir in eine Roadmap bringen müssen.

Gerke: Da bieten sich noch viele spannende Ansätze, etwa bei der Global Collaboration oder auch beim Asset Performance Management und der Frage, Wie man im Engineering Prozess bereits die Performance des verwendeten Equipments einbringen kann, und welche Auswirkungen das auf das Engineering der Anlage haben kann.

* Das Interview führte Gerd Kielburger, Chefredakteur PROCESS.

(ID:39089800)