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Chemieunfall und was zu tun ist Schrecksekunde nach Mitternacht: Wo gibt es Hilfe beim Chemieunfall?

| Autor: Dominik Stephan

Seit vier Jahrzehnten unterstützen Chemieparks und -Betriebe Einsatzkräfte bei Unfällen mit Gefahrgütern – Jedes Jahr werden in Deutschland 230 Millionen Tonnen Chemikalien transportiert. Doch während an den Produktionsstandorten Know-How im Umgang mit Gefahrgütern ein Muss ist, sind Helfer vor Ort im Falle eines Unfalls schnell überfordert.

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Auf Know-How, Erfahrung und Spezialgerät der TUIS-Werkfeuerwehren können die öffentlichen Einsatzkräfte bauen. 2018 waren die Experten aus der Chemie in 712 Fällen im Einsatz.
Auf Know-How, Erfahrung und Spezialgerät der TUIS-Werkfeuerwehren können die öffentlichen Einsatzkräfte bauen. 2018 waren die Experten aus der Chemie in 712 Fällen im Einsatz.
(Bild: PROCESS, Quelle: TUIS/VCI)

Es geschah nach Mitternacht am Verschiebebahnhof: Was wie der Anfang einer Kriminalgeschichte klingt, bescherte zumindest den Einsatzkräften des Gefahrgutzuges der Stadtfeuerwehr Seelze im April 2020 eine schlaflose Nacht. Beim nächtlichen Kontrollrundgang hatte ein Wagenmeister Gasaustritt auf dem Gelände festgestellt und um 01:22 Uhr Alarm geschlagen. Beim Eintreffen der Feuerwehr zeigte sich im Schein der Handlampen ein undichtes Mannloch auf der Stirnseite eines mit flüssigem Methylamin beladenen Kesselwagens. Kleine Mengen des ätzenden Gases waren bereits entwichen.

Gefahrgut-Übung: TUIS im Einsatz (Bildergalerie)
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Mit einer schnell herbeigeholten Rangierlokomotive wurde der Wagen, wie in solchen Fällen üblich, abgekoppelt und auf ein Abstell­gleis geschoben. Damit war die unmittelbare Gefahr für den Rest des Zuges und die Mitarbeiter am Bahnhof erst einmal gebannt – doch an einen Weitertransport war nicht mehr zu denken. Ewig konnte der Wagen mit brennbarem Gas natürlich nicht in Seelze stehen bleiben. Das Methylamin musste also umgefüllt werden – doch wie? Städtische Feuerwehren sind keine Chemielogistik-Experten. Brände löschen, Verkehrsopfer bergen oder Hilfe bei Überschwemmungen – damit kennen sich die Floriansjünger aus. Aber Gefahrgüter und Chemieunfälle?

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Gemeinsam klappt’s! Chemieparks und Feuerwehren ziehen beim Chemieunfall an einem Strang

Jedes Jahr gehen in Deutschland hunderte Millionen Tonnen Chemikalien auf Reisen: Per Lkw, Zug oder Schiff werden Gefahrgüter zwischen Industriestandorten oder vom Hersteller zum Nutzer transportiert. Sicherheit spielt dabei eine wesentliche Rolle – doch der Umgang mit den häufig giftigen, brennbaren, ätzenden oder umweltgefährdenden Stoffe erfordert Fachwissen.

Chemiestandorte haben das nötige Know-How aus zum Teil Jahrzehnten der Erfahrung. Und: sie sind bereit zu teilen. Im Falle eines Chemieunfalles unterstützen seit 1982 die Werksfeuerwehren der Chemieparks Helfer wie Notärzte, die Polizei oder öffentliche Feuerwehren mit Rat und Tat, wenn es zum Unfall mit Gefahrstoffen kommt.

Seminar: Risikoermittlung in der Anlagensicherheit

In unserem Seminar „Risikoermittlung in der Anlagensicherheit“ lernen Sie mit welchen Methoden die Risiko- und Gefährdungsermittlung bei Prozess- und Chemieanlagen erfolgen kann und welche Tools dazu geeignet sind. Anhand eines konkreten Beispiels der Risikoanalyse einer Betriebsvorlage (Behälter) wird mit den vorgestellten Tools unter Anwendung der Methode PAAG-/LOPA eine Risikoanalyse durchgeführt. Aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie ist diese Veranstaltung auch als Live-Webinar buchbar.

So auch in Seelze: Nach einem Anruf bei der TUIS-Leitstelle wurde in Absprache mit der Versenderfirma, den beteiligten Hilfsorganisationen und der Bahn die Werksfeuerwehr des Chemieparks Marl im Ruhrgebiet verständigt. Die Spezialisten waren bereits 2018 bei einem entgleisten Kesselwagen in Seelze im Einsatz und sollten zusammen mit den Kollegen der städtischen Brandwehr vor Ort das sichere Umfüllen der Chemikalie übernehmen. So gelang es auch diesmal den 60 Einsatzkräften (davon 14 Werksfeuerwehrleute aus der Chemieindustrie), den Einsatz sicher, ohne Gefährdung von Mensch und Umwelt, abzuschließen.

Zweimal am Tag eine gute Tat: So oft wird TUIS-Hilfe beansprucht

Damit gehörte der Notfall zur Mitternacht mit Vorort-Einsatz der Spezialisten aus dem Chemiepark zu den eher dramatischen Ereignissen im TUIS-Jahr. In den meisten Fällen benötigen die Einsatzkräfte vor Ort „lediglich“ Experten-Know-how und Unterstützung beim Umgang mit gefährlichen Stoffen – etwa zwei Mal am Tag unterstützen die Werkfeuerwehren aus der Chemie ihre öffentlichen „Kollegen“. Auffällig: Besonders Berufs- und Freiwillige Feuerwehren sowie die Polizei setzten auf telefonischen Rat der Chemiewerksfeuerwehren (ca. 60 Prozent der Anfragen). Bei etwa einem Viertel der Stufe-1-Einsätze ging es um Transportunfälle.

Seit 2017 arbeiten die Unternehmen daran, auch die Rettungskräfte nicht aus den Augen zu verlieren: Wer bei einem Chemieunfall im Einsatz war, soll sich werksärztlich beraten und untersuchen lassen können, damit keiner der Beteiligten mehr davon trägt als den Schreck einer schlaflosen Nacht.

* * Der Autor ist Redakteur bei PROCESS. Internationale TUIS-Einsätze koordiniert die Leitstelle der BASF-Werksfeuerwehr in Ludwigshafen: Tel. +49-621-6043333

(ID:46860760)

Über den Autor

 Dominik Stephan

Dominik Stephan

Redakteur, PROCESS - Chemie | Pharma | Verfahrenstechnik