Handelsblatt-Jahrestagung Chemie 2014 Schiefergas – Heiland oder Hirngespinst für Deutschlands Chemieindustrie?

Autor / Redakteur: Anke Geipel-Kern* / Wolfgang Ernhofer

Ist die geplante Methan-World-Scale-Anlage der BASF der Anfang vom Ende der deutschen Chemieindustrie? Die Szenarien, die momentan in den Köpfen deutscher Chemievorstände entstehen, gemahnen an den Untergang der deutschen Chemie. Brächte die Schiefergasförderung wirklich die Rettung?

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Lebhafte Podiumsdiskussion auf der Handelsblatttagung Chemie 2014: BASF-Vorstand Dr. Harald Schwager, links daneben VCI-Geschäftsführer Dr. Utz Tillmann.
Lebhafte Podiumsdiskussion auf der Handelsblatttagung Chemie 2014: BASF-Vorstand Dr. Harald Schwager, links daneben VCI-Geschäftsführer Dr. Utz Tillmann.
(Bild: PROCESS / Geipel-Kern)

Keine Zweifel, der Mann hat eine Mission und das dazugehörige Temperament, seine Sache zu vertreten. Eine halbe Stunde lang hämmert BASF-Vorstandsmitglied Dr. Harald Schwager mit konzentriert zusammengezogenen Augenbrauen den im Publikum sitzenden Managern seine Botschaft ein: Amerikanisches Schiefergas ist der Game-Changer und „die Karten werden nicht nur einfach neu gemischt, sondern es gibt ein komplett neues Blatt.“

Als er das Podium verlässt, nicht ohne auf die Milliardeninvestition in die Methan-World-Scale-Anlage hinzuweisen, die der Chemieriese auf seiner letzten Jahreshauptversammlung verkündete, hat vermutlich der ein oder andere Manager bereits das Ende der deutschen Chemieindustrie vor seinem geistigen Auge und sieht verödete Landschaften, desillusionierte Menschen und Chemiebranchen in Hessen, Rheinland-Pfalz, NRW und Ostdeutschland an sich vorüber ziehen.

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Durch Schiefergas und Kohle in die Zange genommen

Das Thema der Handelsblatt-Jahrestagung Chemie 2014 in Köln hatte es in sich: Amerikanisches Schiefergas und was es für heimischen Energiepreise und die deutsche Chemieproduktion bedeutet, ist momentan für manche Klage unter Deutschlands Industriegranden gut. Vor allem das deutsche Frackingverbot bringt einen Teil der Öl- und Gasunternehmen auf die Barrikaden. „Wir haben wegen der Genehmigungssituation in den letzten drei Jahren eine Milliarde Euro in Niedersachsen nicht investiert,“ betont Dr. Gernot Kalkoffen, Geschäftsführer von Exxonmobile Central Europe.

Doch betroffen ist vor allem die Chemiebranche, die doppelt leidet und deren Manager deshalb zunehmend dünnhäutiger werden: Nicht nur die Energie ist in Amerika momentan konkurrenzlos billig, Sorgen bereiten die Crackerkapazitäten, die gerade in Nordamerika in den Himmel wachsen. Die großen Kohlevorkommen Asiens muntern auch nicht gerade auf. „Wir werden in Europa von Westen aus durch billige Energie und vom Osten durch günstige Kohle in die Zange genommen“, klagt Schwager, der bei der BASF für Öl und Gas zuständig ist.

Mit dieser Einschätzung steht er beileibe nicht allein, unterstreicht eine Befragung der Strategieberatung Stratley, deren Kernaussagen Managing Partner Dr. Walter Bürger-Kley in Köln präsentierte:

  • Viele Manager sehen besonders die Petrochemie und energieintensive Chemie bedroht, aber auch Teile der Spezialchemie.
  • Über 80 % erwarten eine Restrukturierung der chemischen Industrie, angefangen bei der Basis- und Petrochemie.
  • Obwohl die Notwendigkeit, auf den nordamerikanischen Schiefergasboom zu reagieren, erkannt ist, beschäftigt sich trotzdem ein Großteil der Befragten noch damit, die Auswirkungen des Schiefergases zu analysieren.
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Im Gegensatz zu mittelständischen Chemieunternehmen mit einer dünnen Finanzdecke, die nicht mit Investionen auf den amerikanischen Schiefergaszug aufspringen können, hat die BASF die Analysephase bereits hinter sich und reagiert. Dafür sprechen die Produktionserweiterungen der letzten zwei Jahren, in denen die Ameisensäure und die Methylaminherstellung in Geismar ausgebaut wurde sowie der Aus- und Umbau des Crackers in Port Arthur auf den Rohstoff Ethan. In Freeport soll in einem Joint Venture mit Yara eine Ammoniak-Anlage mit einer Jahreskapazität von 750.000 t entstehen.

Paradigmenwechsel hin zum Shalegas-basierten Propylen

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: „BASF wird in den nächsten fünf Jahren mehr in Amerika und Asien investieren, als in Europa“, sagt Schwager. Darunter wird wohl die bereits erwähnte milliardenschwere Methan-zu-Propylen-Anlage sein, die bisher geprüft wird und die größte BASF-Investion in eine Einzelanlage überhaupt wäre.

Wenn die Anlage kommt, und Schwager lässt keinen Zweifel zu, dass er daran glaubt, bedeutet das einen Paradigmenwechsel weg vom Naphta-basierten Propylen hin zum Shalegas-basierten – eine Entscheidung, die womöglich einem Dammbruch gleichkäme, mit weitreichenden Folgen für die europäische Basischemikalienherstellung.

Schon jetzt führen die in den USA entstehenden Gas-Crackerkapazitäten zu einer Veränderung der auf Ethylen basierenden Wertschöpfungsketten, da weniger Propylen und Butadien entsteht. „Die Verknappung von Butadien in den USA ist schon Realität“, sagt Lanxess-CEO Matthias Zachert. Die Stratley-Experten erwarten bis zum Jahr 2017 Überkapazitäten von sechs Millionen Tonnen Ethylen, was Europa zwingen würde, mindestens zwei Millionen Tonnen vom Markt zu nehmen. Das Resultat wäre eine weitere Verknappung im Downstreaming der C3- und C4-Rohstoffe Propylenoxyd und Butadien und in der Folge auch erhöhte Rohmaterialkosten für die Basischemie.

In Deutschland wird immer weniger Erdgas gefördert

Befeuert werden die Schiefergas-Diskussionen durch Studien, wie sie der, vom VCI beauftragte US-Informationsdienst IHS im Februar veröffentlicht hat. Die Wettbewerbsvorteile der USA – bedingt durch die günstigen Energiepreise – seien kaum aufzuholen, darum müsse Deutschland die Energiewende so wettbewerbsfähig wie möglich gestalten, lautet eine Erkenntnis, die IHS-Vize Wirtschaftswissenschaftler Daniel Yergin auf einer VCI-Veranstaltung in Berlin, zum Besten gab.

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Ein Einstieg in die Schiefergasförderung könne bis zum Jahr 2030 den Anteil von selbst produzierten Erdgas in Deutschland auf 35 % steigern und den Großhandelspreis für Erdgas um 20 % senken, prognostiziert die Studie und legt damit den Finger in die Wunde. Denn es besteht durchaus Handlungsbedarf.

„Wir haben in den letzten Jahren systematisch Gas durch Kohle verdrängt“, kritisierte Dr. Roland Mohr, Infraserv-Geschäftsführer, auf einer Tagung der Vereinigung für Chemie & Wirtschaft (VCW), die wenige Tage vor der Handelsblatttagung stattgefunden hat. Eine schizophrene Situation, denn Erdgas ist mit einer weitaus besseren CO2-Bilanz gesegnet als Kohle und wäre damit die ideale Brücke ins Zeitalter der Regenerativen Energien.

Tatsächlich ist aber die Gasfördermenge seit Jahren rückläufig. Momentan liegt laut Exxonmobile der Anteil des inländisch geförderten Erdgases lediglich bei 12 %, ein Drittel wird hydraulisch aus dem Boden gepresst – Ein rein physikalisches Verfahren, das dem hydraulischen Fracking ähnelt, aber ohne die Frackchemikalien auskommt. Der Löwenanteil von 88 % stammt aus Norwegen, Niederlanden und Russland – die Importabhängigkeit ist also hoch und die Möglichkeit, die Preise zu beeinflussen entsprechend gering.

Der Ruf nach einer Erlaubnis des umstrittenen Frackings kommt deshalb nicht von ungefähr, denn dann, so das Kalkül der Befürworter, würden die Energiepreise sinken und Deutschland wieder konkurrenzfähiger.

Ist heimisches Gas wirklich die Rettung?

Doch ob das wirklich eintritt und die Effekte dann ausreichen, um den amerikanischen Vorsprung aufzuholen, bezweifeln sogar Vertreter der Öl- und Gasbranche. Dazu gehört beispielsweise Michael Schmidt, der als Europachef von BP sagt, Fracking habe in Europa für BP keine Bedeutung. Dr. Ludwig Möhring, Mitglied der Geschäftsführung bei Wingas, erwartet angesichts der internationalen Verschiebungen im Gasmarkt, keine nennenswerten Preiseffekte durch eine heimische Shalegasförderung. Dennoch, so seine optimistische Vorausschau, werde der Gaspreis langfristig eher sinken. Für Preisdruck werden seiner Meinung nach vor allem die globaler werdenden Erdgasströme sorgen. „Wir sind auf dem Weg in einen globalen Gasmarkt“, präzisierte er auf der VCW-Tagung. Neben Schiefergas ist deshalb für ihn LNG der zweite Gamechanger – Gas, das auf minus 160 °C abgekühlt und damit flüssig wird. In isolierte Lagertanks abgefüllt, kann das stark volumenreduzierte Erdgas dann weltweit verschifft werden. Nicht wenige hoffen, das wenigstens ein Teil des amerikanischen Schiefergases auf diese Weise in Europa ankommt.

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Eine Hoffnung, die möglicherweise vergebens ist, denn sowohl auf der Handelsblatt- als auch auf der VCW-Tagung waren sich die Manager bemerkenswert einig. Asien sei bevorzugter Shipping-Partner für US-LNG, sagt Möhring und BASF-Vorstand Schwager teilt die Einschätzung: „Selbst, wenn alle in den USA angekündigten Terminals kommen, wird das billige Gas nach Asien gehen.“ Fest steht jedenfalls, das die USA sich für die Shalegas-Ausfuhr rüsten und neben den sieben bereits bestehenden LNG-Terminals der Bau von noch 14 weiteren im Gespräch ist. Zudem stapeln sich beim Department of Energy (DOE) 25 Genehmigungsanträge von Unternehmen, die gerne LNG verschiffen würden (Stand 18. April 2014).

Innovation und Spezialisierung

Was also ist zu tun? Wie soll die deutsche Chemie reagieren? Welche Handlungsoptionen gibt es überhaupt? In der Stratley-Befragung belegen Innovation und Spezialisierung Platz 1 der anvisierten Maßnahmen. „Alternative Rohstoffe und Routen bieten eine Möglichkeit langfristig einen Wettbewerbsvorteil zu erreichen“, sagt Stratley-Vorstand Bürger-Kley.

Olefine gibt es nicht nur aus dem Cracker, auch biomassebasierte Fermentationsprozesse und/oder die oxidative Kupplung von Methan sind mögliche Routen. Fest steht, den Königsweg kennt zurzeit niemand. Dem Schiefergasboom wird man nur mit einem Maßnahmenbündel entgegen treten können. Vielleicht hat die europäische Chemie noch das ein oder andere Ass im Ärmel.

Viele Anlagenbauprojekte in Folge des Schiefergasbooms finden Sie in GROAB, der Datenbank für den internationalen Großanlagenbau.

* Die Autorin ist leitende Redakteurin der PROCESS Kontakt: anke.geipel-kern@vogel.de

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