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Energiewende

Schaden die Energiewendepläne dem Chemiestandort Deutschland?

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Stolpersteine für die Energieintensiven

Die Reaktion auf die Ankündigungen folgten denn auch prompt und waren harsch. Der Eigenstrom werde zum Stolpersein der EEG-Reform hieß es in einer Mitteilung der Energieintensiven Industrie, eines Zusammenschlusses, der die Interessen der Branchen Baustoffe, Chemie, Glas, Nichteisen-Metalle, Papier und Stahl bündelt. Der Plan sei ein energiepolitischer Schuss in den Ofen, ließ sich EID-Sprecher Dr. Utz Tillmann zitieren.

Wenn sich auch ein Teil der Reaktionen unter das Stichwort Lobbyarbeit abhaken lässt, ganz unbegründet ist der Aufschrei der Branche nicht. Denn tatsächlich könnte die Schere bei den Stromkosten zwischen deutschen Unternehmen und ihren ausländischen Konkurrenten noch weiter aufgehen.

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BASF sieht durch die Neuregelung pro Jahr zusätzliche Kosten im mittleren bis hohen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich auf sich zukommen und kritisiert die Bevorzugung der regenerativen Energien. Unverständlich sei, dass für die Vergütung erneuerbarer Energien weiterhin Bestandsschutz gelten soll, für die Stromversorgung der Industrie aus bereits bestehenden eigenen Anlagen dagegen nicht, sagte ein BASF-Sprecher auf PROCESS-Anfrage.

Erhebliche Mehrkosten für den Industrieparks Höchst befürchtet auch Infraserv Höchst-Geschäftsführer Dr. Roland Mohr: „Ich gehe von einem zweistelligen Millionenbetrag aus – falls die gegenwärtig in dem Eckpunktepapier zur EEG-Reform diskutierten Vorgaben umgesetzt werden.“ Eine ähnliche Summe sieht auch Günther Hilken, der Currenta-Geschäftsführer, auf die Standorte Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen, zukommen, der außerdem davor warnt, dass neue Kraftwerksprojekte künftig nicht mehr realisierbar seien.

Hohe Zusatzkosten

Was zusätzliche Kosten unter Umständen bedeuten können, illustriert das Beispiel Infraserv Höchst besonders drastisch. Jahrelang haben die beiden Geschäftsführer darauf hingearbeitet, den Standort unabhängig von Fremdenergie zu machen und gleichzeitig den Energiehandel als weiteres Geschäftsfeld aufzubauen. Seit 2007 hat die Standortgesellschaft fast 400 Millionen Euro in die Hand genommen, um neue Kraftwerke zu bauen, bestehende zu erweitern und kleinere Effizienzmaßnahmen durchzuführen. Allein 300 Millionen Euro hat die Ersatzbrennstoffanlage, die bislang größte Einzelinvestition des Industrieparks Höchst, gekostet. 70 Megawatt Strom bzw. 250 Tonnen Dampf pro Stunde kann das Werk liefern, das jetzt nach einigen Startschwierigkeiten in Betrieb gegangen ist und nun endlich Geld in die Kasse spülen soll. Das gleiche gilt für die Investition in die beiden Gasturbinen, für die Infraserv Höchst 70 000 Euro berappt hat und bislang eine „unbefriedigende Ergebnissituation aufweist“, wie Mohr auf einer Pressekonferenz im Dezember letzten Jahres ernüchtert mitteilte.

Die Pläne des Energieministeriums drohen nun, die Kalkulationen vollends über den Haufen zu werfen. Mohr fürchtet dabei nicht nur um die Attraktivität des Standortes, wenn er die Kosten für die Öko-Abgabe auf die Energiepreise umschlagen muss, sondern sieht auch die Standortfirmen in Gefahr. „Unsere Kunden am Standort Höchst, die Produktionsanlagen betreiben und für die Energiekosten ein wichtiger Faktor sind, haben schon heute erhebliche Wettbewerbsnachteile im Vergleich zu Unternehmen, die in anderen Regionen der Welt produzieren.“

* Die Autorin ist Leitende Redakteurin der PROCESS.

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