Biotechnologie Rote und weiße Biotechnologie wächst, Pflanzenbiotechnologie stagniert

Redakteur: Olaf Spörkel

Während Rechtsunsicherheit das Umfeld für Pflanzenbiotechnologie prägt, ist die medizinische und industrielle Biotechnologie in Deutschland auf Wachstumskurs.

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„Rote, weiße und grüne Biotechnologie bilden eine Einheit, die die Branche insgesamt innovativer und leistungsfähiger macht“, sagte Dr. Bernward Garthoff, Vorsitzender der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie.
„Rote, weiße und grüne Biotechnologie bilden eine Einheit, die die Branche insgesamt innovativer und leistungsfähiger macht“, sagte Dr. Bernward Garthoff, Vorsitzender der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie.
( Bild: LaborPraxis )

„Die Biotechnologie wächst beharrlich und zielstrebig“, sagte Dr. Bernward Garthoff, Vorsitzender der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) auf der DIB-Jahrespressekonferenz in Frankfurt. So steige nicht nur die Zahl der Arbeitsplätze in der Biotech-Branche. Auch die Entwicklungspipeline für neue Arzneimittel auf biotechnischer Basis umfasse mehr Wirkstoffkandidaten als je zuvor. Darüber hinaus zähle Deutschland mit seinem Know-how und den Produktionskapazitäten beim Einsatz für industrielle Zwecke laut DIB zu den führenden Nationen auf der Welt. Wo Licht ist, gäbe es nach den Worten von Garthoff allerdings auch Schatten. Nach seiner Meinung würden kleine und mittlere Biotech-Unternehmen in Deutschland gegenüber ihren Wettbewerbern in der EU und anderen Wirtschaftsräumen immer noch steuerlich benachteiligt.

Industrielle Biotechnologie auf Wachstumskurs

„Für die Zukunft der chemischen Industrie bietet die weiße Biotechnologie große Chancen und neue Möglichkeiten“, beurteilte Garthoff das Marktsegment. Enzyme aus Pilzen oder Mikroorganismen, die zusätzlich gentechnisch optimiert werden, gestalten Verfahren und Produkte wirtschaftlicher oder umweltschonender. Waschmittelenzyme sind ein Paradebeispiel für diese Entwicklung in der Branche. Mit biotechnischen Prozessen lassen sich auch nachwachsende Rohstoffe besser verarbeiten. In Deutschland werden heute etwa fünf Prozent der chemischen Produkte mithilfe von rund 100 verschiedenen Bakterienarten erzeugt. Mit einem Fermentervolumen von insgesamt 830 000 Litern haben deutsche Unternehmen nach den USA die weltweit größten Produktionskapazitäten auf diesem Gebiet installiert.

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Wie Garthoff darlegte, bezeichnen knapp acht Prozent der rund 500 Unternehmen in Deutschland, die ganz oder überwiegend mit modernen biotechnischen Verfahren arbeiten, die industrielle Biotechnologie zurzeit als ihren Tätigkeitsschwerpunkt. Der wirtschaftliche Erlös dürfte bei mindestens einer Milliarde Euro liegen, so Garthoff.

Das Weltmarktvolumen wird aktuell auf etwa 55 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Mehrere Studien erwarten, dass der Markt bis 2015 um ein Mehrfaches expandiert. „Herkömmliche chemische Verfahren verlieren dadurch nicht ihren Stellenwert. Es hängt vom Einzelfall ab, welches Verfahren sich am Ende durchsetzt“, betonte Garthoff.

Rote Biotechnologie schafft Arbeitsplätze

Ende 2007 waren in Deutschland 177 Biopharmazeutika zugelassen. Mit dieser Gruppe wurde 2007 ein Umsatz von über vier Milliarden Euro erzielt. Der Absatz stieg gegenüber 2006 um 28 Prozent. Arzneimittel auf biotechnischer Basis haben über alle Indikationen einen Anteil von 15 Prozent am gesamten Pharmamarkt in Deutschland erreicht. Die Liste der Wirkstoffkandidaten in der klinischen Entwicklung ist 2007 um weitere zehn Prozent auf über 350 gestiegen. Die Zahl der Hoffnungsträger, die es bis in die entscheidende Phase III geschafft haben, hat sich fast um ein Drittel auf 92 erhöht. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Arbeitsplätze in den 371 Unternehmen, die in Deutschland in der medizinischen Biotechnologie tätig sind, um rund 4000 Stellen. Das entspricht laut DIB einem Zuwachs von 14 Prozent auf insgesamt 34 000 Beschäftigte. Der Umsatz mit biotechnisch hergestellten Diagnostika erreichte 2007 rund eine Milliarde Euro. Damit deckt diese Gruppe jetzt rund 35 Prozent des gesamten deutschen Marktes für Reagenzien zu diagnostischen Zwecken ab.

Grüne Biotechnologie als Sorgenkind

Sorgenkind der Branche bleibt das Segment der Agrarwirtschaft. „In der Pflanzenbiotechnologie sind wir keinen Schritt weiter gekommen“, betonte der DIB-Vorsitzende Garthoff. „Das Umfeld in Deutschland und der EU ist weiterhin von Rechtsunsicherheit, politischer Willkür und Feldzerstörungen geprägt.“ Garthoff wies darauf hin, dass sich auch nach der Novellierung des Gentechnikgesetzes die Situation weder für die Entwicklung noch für den Anbau gentechnisch optimierter Pflanzen verbessert habe. So weise das Standortregister für Freisetzungsversuche einen Rückgang der Auspflanzungen von 78 (2007) auf 38 im laufenden Jahr aus.

Mehrere Universitäten und Fachhochschulen mussten ihre Versuche aufgrund von Feldbesetzungen aufgeben.

Steuerliche Förderung der Forschung

Venture Capital als Instrument zur Finanzierung der Biotech-Unternehmen erreichte 2007 fast 300 Millionen Euro. Fördermittel der öffentlichen Hand spielten dagegen eine untergeordnete Rolle. Biotech-Unternehmen erhielten vom Staat lediglich ca. 52 Millionen Euro, was einem Anteil von elf Prozent an der gesamten Außenfinanzierung der Firmen entspricht. Damit habe sich das Niveau gegenüber 2005 und 2006 nicht verändert.

Garthoff forderte eine verstärkte steuerliche Förderung der Forschungsarbeiten. Steuerliche FuE-Förderung werde von der Mehrzahl der EU-Staaten und allen großen außereuropäischen Staaten praktiziert. Sie ist sowohl aus innovations- wie auch aus standortpolitischen Gesichtspunkten sinnvoll. Vor diesem Hintergrund ist die Einführung indirekter Instrumente der Forschungsförderung in Deutschland ergänzend zur derzeit ausschließlich praktizierten Projektförderung längst überfällig. Mittelfristig sollten direkte (Projekt-)Förderung und indirekte Förderung gleichberechtigte Säulen der Forschungsförderung werden.

„Die deutschen Unternehmen sind ausgezeichnet aufgestellt und für die Zukunft gut gerüstet – wenn die Politik auch der Pflanzenbiotechnologie endlich den Stellenwert einräumt, der ihr gebührt. Denn rote, weiße und grüne Biotechnologie bilden eine Einheit, die die Branche insgesamt innovativer und leistungsfähiger macht“, resümierte Garthoff.

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