Vierteilige Strategie für die Zukunft Quo vadis Chemie 2030?

Redakteur: Wolfgang Ernhofer

Der VCI hat vor kurzem eine neue Studie zur Zukunft der Chemieindustrie vorgestellt. „Chemie 2030“ wurde im Auftrag des VCI mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos erarbeitet und prognostiziert verschiedene Szenarien für die chemische Industrie Deutschlands. Dabei spielen die Verschiebung wirtschaftlicher Wachstumszentren Richtung China und die Reindustrialisierung der USA durch den Shale-Gas-Boom eine wichtige Rolle.

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Ex-VCI-Präsident Dr. Klaus Engel stellte die Ergebnisse der Studie auf der Mitgliederversammlung in Essen vor.
Ex-VCI-Präsident Dr. Klaus Engel stellte die Ergebnisse der Studie auf der Mitgliederversammlung in Essen vor.
(Bild: Ernhofer)

Die Chemie kann positiv in die Zukunft blicken. Ihre Produkte und Leistungen spielen für globale Trends, hinter denen das Bevölkerungswachstum als treibende Kraft wirkt, eine zentrale Rolle. Eine Steigerung der Produktion am Standort Deutschland um 40 Prozent bis 2030 scheint möglich. Zu diesem Ergebnis kommt das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos, das im Auftrag des VCI in einer Studie Entwicklungspfade der Branche analysiert und sich dabei auf Expertenwissen aus Mitgliedsunternehmen und Fachverbänden des VCI sowie aus Kundenindustrien der Chemie gestützt hat.

„Wenn die Politik die richtigen Entscheidungen fällt, wird die deutsche Chemie in den kommenden Jahrzehnten wachsen, wirtschaftlich erfolgreich sein und in vielfältiger Hinsicht dazu beitragen, Lebensqualität und Wohlstand unserer Gesellschaft zu mehren“, sagte der scheidende VCI-Präsident Dr. Klaus Engel bei der Vorstellung der Studie. Der Produktionsverbund innerhalb der Branche und der starke industrielle Kern der deutschen Volkswirtschaft mit vernetzten Wertschöpfungsketten, in denen die Chemie eine wichtige Rolle spiele, seien Garant für solides Wachstum.

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Die Verschiebung der wirtschaftlichen Wachstumszentren von Europa nach Asien mit China als Gravitationszentrum führe zu stärkerem Wettbewerbsdruck für die Chemie in Deutschland, die, so die Studie, mit einer mehrschichtigen Anpassungsstrategie reagieren wird.

Investitionen erhöhen: Bis 2030 wird die Branche ihr jährliches Forschungsbudget um weitere neun Milliarden auf dann fast 18 Milliarden Euro aufstocken. Das entspricht einem Zuwachs von vier Prozent pro Jahr. „Der globale Wettbewerb um neue Produkte erfordert ein noch höheres Innovationstempo“, erklärte Engel.

Fokus auf Spezialchemikalien: Forschungsintensive und höherwertige Spezialchemikalien für Farben, Pflanzenschutzmittel, Spezialkunststoffe und Konsumprodukte werden Produktionsanteile hinzugewinnen. Schon heute nimmt dieses Segment mit 43 Prozent den größten Anteil in den Sparten der deutschen Chemie ein. Der Wissensvorsprung auf diesem Gebiet macht auch in Zukunft den Unterschied im Wettbewerb gegenüber anderen Chemienationen aus.

Effizientere Produktion: Globaler Wettbewerb und steigende Energie- und Rohstoffkosten sorgen dafür, so die Berechnungen von Prognos, dass die Unternehmen die Messlatte für Ressourceneffizienz noch höher hängen. Obwohl die Produktion bis 2030 um 40 Prozent zulegt, soll der absolute Rohstoffverbrauch um 15 Prozent, der Energieverbrauch nur um acht Prozent ansteigen. Eine vollständige Entkopplung von Wachstum und Primärenergieeinsatz sei aber nicht länger machbar, stellte Engel klar: „Das Ziel der EU, den Energieverbrauch absolut zu begrenzen, ist in der chemischen Industrie nicht mit künftigem Wachstum vereinbar.“ Deshalb müsse in Brüssel bei der Diskussion über die Ziele zur Energieeffizienz der Wirtschaft wieder Realismus statt Wunschdenken die Oberhand gewinnen.

Rohstoffbasis optimieren: Bis 2030 werden die Chemieunternehmen in Deutschland 50 Prozent mehr nachwachsende Rohstoffe als heute für ihre Verfahren verwenden. Der qualitative Wandel der Rohstoffbasis, der die Abhängigkeit der Branche von fossilen Ressourcen verringert, hält an.

Die Politik soll’s richten

Die politischen Rahmenbedingungen können die Situation verändern – im Positiven wie im Negativen. Das zeigt die Studie in zwei alternativen Entwicklungspfaden: Im Szenario „zerrissene Wertschöpfungsketten“ wird eine restriktive Industriepolitik zu Grunde gelegt, die vor allem in Bezug auf die Energieversorgung zu massiven wirtschaftlichen Einschnitten führen würde. Für dieses Szenario hat Prognos einen volkswirtschaftlichen Gesamtschaden von 440 Milliarden Euro errechnet.

Dagegen zeigt das Szenario „innovationsfreundliches Umfeld“, dass die Politik mit richtigen Maßnahmen zusätzliche Wachstumskräfte mobilisieren und einen positiven Schub für die deutsche Volkswirtschaft bis 2030 auslösen könnte: Er lässt sich nach den Berechnungen auf rund 190 Milliarden Euro beziffern.

Aus Sicht der Branche lassen sich aus der Studie folgende Punkte für die Politik ableiten: Der demografisch bedingten Verknappung von Arbeitskräften muss entgegengewirkt und das Bildungssystem verbessert werden. Darüber hinaus gilt es, die Einwanderungsmöglichkeiten für Fachkräfte zu verbessern. Durch staatliche Forschungsförderung, eine bessere Qualifizierung der Arbeitnehmer und eine höhere Technologieakzeptanz in der Gesellschaft lässt sich das Innovationspotenzial verbessern. Politisch festgelegte Forschungsfelder sowie Förderung einzelner Industriezweige zulasten anderer dämpften hingegen das Wachstum. Sinnvoller sei es, das Industrieland Deutschland insgesamt zu stärken. Die Energiewende müsse kosteneffizient vorangetrieben werden. Solange es in Deutschland keine international wettbewerbsfähigen Energiepreise gebe, müssten die Entlastungsregelungen für die energieintensive Produktion erhalten bleiben, so der VCI.

Kurfassung der Studie Chemie 2030

Artikel über die VCI-Mitgliederversammlung

Bildergalerie der VCI-Mitgliederversammlung und der Vorstellung der Studie

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