Leitlinie zu Qualitätskennzahlen in der Pharmaindustrie Quality Metrics – Alles was Sie über Qualitätskennzahlen wissen sollten

Autor / Redakteur: Hasse Herlevsen, Gert Moelgaard* / Anke Geipel-Kern

Inspektionen ja, aber nur so viele wie nötig. Nach diesem Grundsatz agiert die FDA schon seit vielen Jahren. Mit der jüngsten FDA-Initiative zur Erhebung von Qualitätskennzahlen forciert die Behörde dieses Vorhaben und versucht die Pharmabranche zu mehr Eigenverantwortung zu erziehen.

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Mehr Eigenverantwortung ist das Ziel der FDA-Initiative zur Erhebung von Qualitätskennzahlen.
Mehr Eigenverantwortung ist das Ziel der FDA-Initiative zur Erhebung von Qualitätskennzahlen.
(Bild: gemeinfrei/geralt/Pixabay / CC0 )

Seit die FDA 2015 ihren Entwurf für eine Leitlinie zu Qualitätskennzahlen in der Pharmaindustrie vorgelegt hat, diskutiert die Branche heftig über die Konsequenzen und den Sinn dahinter. Der Entwurf ist im englischen Original als „Submission of Quality Metrics Data Guidance for Industry“ bekannt, umfasst etwas mehr als 30 Seiten und enthält eine Menge Zündstoff für die Qualitätssicherungsabteilungen der Branche. Die durch die Unternehmen erhobenen Qualitätskennzahlen, so die Erklärung der amerikanischen Gesundheitsbehörde, sollen mehreren Zielen dienen:

  • Die Arzneimittelqualität soll besser werden.
  • Arzneimittelknappheit soll verhindert werden.
  • Der Einsatz von State­-of-the-Art-Technologien in der Produktion soll gefördert werden
  • und die Implementierung moderner, risikobasierter Qualitätsbewertungen weiter vorgetrieben werden.
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Die Qualitätskennzahlen dienen also künftig nicht mehr nur internen Zwecken, sondern der Berichtspflicht gegenüber der Behörde. Erklärte Absicht ist es, nicht nur die Pharmaproduktion kontinuierlich zu modernisieren und für die Zukunft aufzustellen sondern auch die Inspektionspolitik. Die Pharmaunternehmen werden sich auf eine neue Form der GMP-Überwachung einstellen müssen. Im günstigen Fall reduziert sich die Frequenz der Inspektionen, bei Auffälligkeiten könnte es aber auch öfter Besuch vom Inspektor geben.

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Vision und Wirklichkeit

Das Ziel, die Qualitätssicherung auf Vordermann zu bringen, verfolgt die FDA schon seit einigen Jahren. Bereits 2002 formulierte die Behörde eine Vision unter dem Originaltitel „Pharmaceutical cGMPs for the 21st Century: A Risk-Based Approach”. Darin, so die Behörde, gehe es darum, durch Reviews, Compliance- und Inspektionsrichtlinien, die Weiterentwicklung der pharmazeutischen Produktion und den technologischen Fortschritt zu fördern. Schon damals sorgte der Begriff „Ohne umfassende Regulierungsaufsicht“ für Stirnrunzeln in der Branche, da er unterschiedlich interpretiert werden kann.

Die FDA will natürlich ihre Inspektionspflichten nicht vernachlässigen. In der Hauptsache geht es darum, das regulatorische Instrumentarium zu erweitern, beispielsweise durch risikobasierte Betrachtungen, den Austausch der Inspektionsergebnisse zwischen Behörden und deren gegenseitige Anerkennung. In den letzten Jahren versuchen z.B. die europäische EMA und die FDA ihre Richtlinien zu harmonisieren und sich einander anzunähern.

Jetzt kommt als weiteres Werkzeug das Set der Qualitätskennzahlen dazu. Der aktuelle Vertrag über die gegenseitige Anerkennung zwischen FDA und EMA ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung und wird durch weitere Trends ergänzt.

Vom Entwurf zur Richtlinie

Der erste FDA-Leitlinienentwurf stammt vom Juli 2015 und hat seitdem mehrere Runden durch die Gremien der Branchenverbände und Pharmaunternehmen gedreht. Aufgrund seiner Komplexität und der Implikationen dahinter ist dieser Leitfaden schwieriger zu bewerten und zu implementieren als andere Entwürfe. Eine endgültige Version wird wohl noch auf sich warten lassen und dann wohl auch in einer deutlich abgespeckten Variante münden. Auf jeden Fall wird es zunächst eine freiwillige Teilnahme an der Kennzahlenerhebung geben, ehe der Entwurf tatsächlich Richtliniencharakter erhält.

Zurzeit geht es der FDA hauptsächlich um folgende drei Kennzahlen:

  • Lot acceptance rate (LAR)
  • Product quality complaint rate (PQCR)
  • Invalidated out-of-specification Rate (IOOSR)

Da Arzneimittel und damit auch Herstellungsprozesse zunehmend komplexer werden, ist es aus regulatorischer Sicht schwierig, standardisierte Kennzahlen konsistent anzuwenden und über den Produktlebenszyklus, zwischen verschiedenen Arzneimittelprodukten sowie unterschiedlichen Produktkategorien zu vereinheitlichen. Internationale Unterschiede und technologische Herausforderungen erschweren die Implementierung von Qualitätskennzahlen. Trotz allem hat sich die Effizienz und Wirksamkeit von Qualitätsbewertungen deutlich verbessert, wobei der Schwerpunkt vor allem auf den spezifischen Risiken für Verbraucher und einzelnen Produkten liegt.

Neue Qualitätskultur statt Reporting

Wann und wie die neuen regulatorischen Anforderungen umgesetzt werden ist noch unklar, insbesondere nachdem die Vereinbarung zur gegenseitigen Anerkennung (Mutual Recognition Agreement (MRA)) zwischen der EMA und der FDA bereits in diesem Jahr unterzeichnet wurde und nun eine weitere Harmonisierung von Richtlinien zu erwarten ist. Stattdessen wollen wir in diesem Text unter einem anderen Blickwinkel auf die neuen Vorschriften blicken. Spannend ist nämlich folgende Frage: Wie verändere ich das Bewusstsein im Unternehmen indem ich ein Quality Metrics Mindset schaffe, statt bei einem reinem Quality Metrics Reporting stehen zu bleiben.

Was können Kennzahlen?

Für einen Top-Manager in der Qualitätsorganisation eines Pharmakonzerns sind Qualitätsmetriken aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll. Die Organisation ist einfacher zu überwachen und er erhält einen Status der aktuellen Compliance-Situation im Unternehmen. Zahlreiche pharmazeutische Unternehmen besitzen mehrere Produktionsstandorte – oftmals in unterschiedlichen Ländern. Hier kann ein Standard-Satz von Qualitätsmetriken intern helfen, die Compliance-Situation zwischen den unterschiedlichen Produktionsstandorten besser zu beurteilen. Auch um Budgets zu planen sind die Kennzahlen hilfreich. Fehlen standardisierte Daten ist es für das Topmanagement schwieriger, zu erfahren, welcher Standort mehr ins Qualitätsmanagement investieren muss und welcher weniger. Als Topmanager auf hohem Niveau sind sie mit zahlreichen Wünschen nach mehr Geld konfrontiert, wenn die jährlichen Budgetplanungen anstehen.

Qualitätsmetriken können auch als Indikator dafür dienen, wo in der Organisation Probleme immer wieder auftreten und welcher Standort als Best-Practice-Beispiel dienen kann. Und nicht zuletzt gilt: Qualitätsmetrik liefert auch wertvolle Daten für die jährliche Qualitätsmanagement-Prüfung, die in Europa seit einigen Jahren vorgeschrieben ist.

In der Tabelle 1 haben wir beispielhafte Qualitätsmetriken zusammengestellt, mit deren Hilfe sich ein großes oder mittelgroßes Pharmaunternehmen einen Überblick und Vergleich über mehrere Produktionsstandorte verschaffen kann. Bei der Bewertung muss unbedingt darauf geachtet werden, dass die Anzahl der wiederkehrenden Abweichungen niedrig ist. Eine hohe Anzahl wiederkehrender Abweichungen ist ein schlechtes Signal. Es impliziert, dass die Organisation nicht genug aus Fehlern lernt. Dadurch ist sie ein Indikator für niedrige Compliance und mangelnde Qualitätskultur. Außerdem kosten wiederkehrende Abweichungen durch verschwendete Zeit und einen ineffizienten Produktfluss viel Geld.

Die Formel macht´s

Wichtig ist, eine spezifische und präzise Formel für die Berechnung jeder Qualitätsmetrik zu entwickeln. Das garantiert, dass alle Standorte die Daten für die Qualitätsmetriken auf gleiche Weise erstellen, ansonsten vergleichen Sie Äpfel mit Birnen.

In der vorgeschlagenen Tabelle sollten die Grenzwerte für jede Qualitätsmetrik festgelegt werden, um anzugeben, ob jede Anlage, jeder Standort oder jedes Produkt für jede Qualitätsmetrik bei „in Compliance/in Kontrolle“ berücksichtigt wird. Die Farbanzeigen für die aktuellen Daten unterstützen die Übersicht, z.B. grün/rot abhängig davon, ob die Grenzen eingehalten werden oder nicht. Dies ermöglicht eine einfache visuelle Darstellung, die viel über die Compliance-Situation der einzelnen Produktionsstandorte aussagt.

Aufbruchsstimmung erzeugen

Qualitätsmetriken sollten mindestens vierteljährlich und nicht nur jährlich berechnet werden. Die Daten müssen Bestandteil des Verfahrens der Product Quality Review (PQR) oder Annual Product Review (APR) sein und für die Qualitätsmanagement-Prüfung des gesamten Unternehmens mindestens einmal pro Jahr gemeldet werden. Dies kann an einem Beispiel eines mittelständischen Unternehmens veranschaulicht werden, bei dem die Implementierung von Qualitätsmetriken als Teil der Veränderung der Qualitätskultur des Unternehmens verwendet wurde.

In der Tat haben die Qualitätsmetriken nicht nur die Qualitätsleistung verbessert, sondern auch das Qualitätsbewusstsein in der gesamten Organisation, weil sie Qualität in eine regelmäßige Aktivität verwandelt haben, die häufig und mit vielen involvierten Personen innerhalb der Organisation wiederholt wird. Insgesamt verbessert sich das Prozessverständnis und somit kann das Management besser die richtigen Maßnahmen ergreifen.

Kennzahlen - eine gute Sache

Unternehmen werden auf jeden Fall von der Einführung eines Kennzahlensystems profitieren, das gilt sowohl für die Compliance als auch für die Qualitätskultur des Unternehmens.

Unabhängig davon, ob die FDA-Richtlinie in Kraft tritt und wie die Umsetzung aussehen wird, halten wir es für sinnvoll, Qualitätsmetriken zu erstellen. Einige Unternehmen haben es bereits getan und es gibt reichlich Erfahrung, auf die man aufbauen kann – aber es gibt immer noch viele Unternehmen, die es nur ungern umsetzen. Vielleicht gehören Sie zu den Vorreitern?

* * H. Herlevsen ist Leiter von rightQA.dk, Alleroed. G. Moelgaard ist Senior Consultant bei Moelgaard Consulting, Lyngby. Kontakt: Tel. +45-5379-2775

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