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Exklusiv-Interview: Pumpen Pumpen und Systeme – Warum eine gewisse Kernkompetenz beim Betreiber wichtig ist

Autor / Redakteur: Hans-Jürgen Bittermann / Dr. Jörg Kempf

Effiziente Einzel-Komponenten sind kein Garant für eine insgesamt wirtschaftlich arbeitende Anlage. Deshalb ist der Systemansatz auch bei der Planung von Pumpensystemen so eminent wichtig, wie Stefan Leuchtenberger von Pumpentechnik Bass, Programmbeirat des PROCESS Pumpen-Forums (Termin 2017: 16./17. November), betont.

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Stefan Leuchtenberger, Pumpentechnik Bass, mahnte auf dem Pumpen-Forum 2016: „Vielen Leuten in den Anlagen ist gar nicht bewusst, welche Schäden durch den falschen Umgang mit Pumpen entstehen können. Die wenigsten sind im Umgang mit Pumpen geschult.“
Stefan Leuchtenberger, Pumpentechnik Bass, mahnte auf dem Pumpen-Forum 2016: „Vielen Leuten in den Anlagen ist gar nicht bewusst, welche Schäden durch den falschen Umgang mit Pumpen entstehen können. Die wenigsten sind im Umgang mit Pumpen geschult.“
(Bild: Kempf/PROCESS)

PROCESS: Herr Leuchtenberger – Sie sind gefragter Referent, kennen andere Veranstaltungen rund um die Pumpe und gehören dem Programmbeirat des PROCESS Pumpen-Forums an. Was unterscheidet dieses Event von anderen?

Leuchtenberger: Mit der wichtigste Unterschied zu anderen Veranstaltungen dieser Art ist, dass bei den Förderprozess-Foren die praktischen Aspekte immer im Mittelpunkt stehen. In aller Regel ist es bei herkömmlichen Veranstaltungen ja so, dass die Vorträge viel zu theoretisch sind – man hat oft den Eindruck, da will jemand mit Detailwissen imponieren. Bei den Förderprozess-Foren geht es deutlich ungezwungener und praxisorientierter zu. Deshalb können die Teilnehmer immer nützliche Erfahrungen und umsetzbare Tipps mit nach Hause nehmen. Ein aus meiner Sicht ganz wesentlicher Punkt: Die Pausen zwischen den einzelnen Vorträgen sind lang genug, um sich im persönlichen Gespräch mit anderen Teilnehmern auszutauschen. Das empfinde ich auch regelmäßig als Vortragender so, dass man in der Pause nach dem Vortrag sehr viel und auch gutes Feedback von den Teilnehmern erhält.

Förderprozess-Foren 2016: Die Referenten des 14. Pumpen-Forums
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PROCESS: Das Pumpen-Forum ist Teil der Förderprozess-Foren. Hier treffen sich Vortragende und Teilnehmer mit einem besonderen Interesse an Schüttgut- und Pumpentechnik – wo sehen Sie da die Schnittstellen?

Leuchtenberger: Die Kombination des Themas Pumpen mit dem Thema Schüttgut passt deshalb perfekt, weil es in der Praxis tatsächlich so ist, dass beide Bereiche zusammen gesehen werden: Wenn irgend ein Medium, sei es eine Flüssigkeit, ein Gas oder ein Schüttgut von A nach B zu fördern ist, fällt diese Aufgabe vielfach den gleichen Mitarbeitern zu. Hinzu kommt: Es ist ja in der Tat zum Teil die gleiche Technik, die zum Einsatz kommt, beispielsweise eignet sich eine Druckluftmembranpumpe zum Fördern von Pulvern genauso wie von Flüssigkeiten.

PROCESS: Sie werden tagtäglich zu Problemfällen rund um den Einsatz von Pumpen gerufen. Was treibt Hersteller wie Betreiber derzeit besonders um?

Leuchtenberger: Als Dienstleister kommen wir in sehr viele Unternehmen und stellen zunehmend gravierende Defizite beim Wissen um die Pumpentechnik fest. Das hat natürlich seine Gründe – einer der wichtigsten ist: Die früher fast überall vorhandenen Pumpen-Stabsstellen wurden und werden abgeschafft bzw. nur noch halbherzig betrieben. Dadurch entstehen natürlich massive Know-how-Verluste. Weil es die zentralen Stellen und Zuständigkeiten für den Bereich Pumpen immer weniger gibt, fällt diese Aufgabe oft dem einzelnen Betriebsingenieur zu – und im schlimmsten Fall verfolgt dann jeder Betriebsingenieur seine eigene Pumpen-Philosophie. Immer wieder kommt es zu dieser Situation: Wenn ein Engineering-Unternehmen heute den Auftrag zur Planung einer Anlage erhält, gibt es Vorgaben bezüglich der Länge der Rohrleitungen und natürlich auch darüber, welche technische Peripherie unterzubringen ist – dem gemäß ordert das Engineering-Unternehmen dann auch die Pumpe. Das Problem ist, dass nach dem Bestellvorgang der Pumpe die Anlage häufig noch erheblich verändert wird. Wenn dann nicht auch die Auslegung der Pumpe angepasst wird, sind beim späteren Betrieb Probleme vorgezeichnet.

Wer ist heutzutage in der Prozessindustrie eigentlich für die Pumpen verantwortlich? Wie sieht es mit kompetenten Ansprechpartnern aus? Antworten gibt es auf der nächsten Seite.

Wenn in 20 Anlagen 20 Ingenieure unterschiedliche Ansichten haben ...

PROCESS: Wer ist in der Prozessindustrie heute verantwortlich für den Einkauf und den Einsatz bzw. die Instandhaltung von Pumpen?

Leuchtenberger: Vielfach fällt diese Aufgabe dem einzelnen Betriebsingenieur zu. Das wird dann für den Betrieb schief laufen, wenn in den 20 Anlagen des Unternehmens 20 Ingenieure unterschiedliche Ansichten über die geeignete Pumpe haben. Das Thema Standardisierung fällt dann komplett unter den Tisch. Zwar laufen die Bestellungen der Betriebsingenieure letztlich bei einem zentralen Einkauf zusammen, doch der entscheidet ja nicht mehr über die Technik, der verhandelt nur mehr die Preise. Selbst als Dienstleister sage ich ganz klar, dass eine gewisse Kernkompetenz beim Betreiber vorhanden sein sollte. Denn wenn ich als Dienstleister in den Betrieb komme, sollte ich dort einen kompetenten Ansprechpartner vor Ort haben. Wenn wir Vorschläge für verbesserte Abläufe machen, muss jemand vor Ort sein, der diese Vorschläge dann im betrieblichen Alltag umsetzt.

PROCESS: Ob es um die Energieeffizienz geht, um die Auslegung oder den sicheren Betrieb von Pumpen: In Ihren Vorträgen unterstreichen Sie die Bedeutung des Systemansatzes. Gibt es bei der praktischen Umsetzung in dieser Hinsicht Unterschiede zwischen Herstellern und Betreibern?

Leuchtenberger: Den Systemansatz formuliere ich so: Die Pumpe ist stets im Zusammenhang mit der Anlage auszulegen und zu betreiben. Dieser so verstandene Systemansatz braucht zum einen eine kontinuierliche Kommunikation zwischen allen an der Anlagenplanung beteiligten Abteilungen und Unternehmen. Unabdingbar ist zudem, dass die verschiedenen Fachleute auch auf dem gleichen technischen Niveau miteinander diskutieren – wenn beim Planungsprozess Gesprächspartner ohne jegliches Wissen um die Pumpentechnik beteiligt sind, wird das Ergebnis eher nicht optimal sein. Für den Hersteller ist die Frage des Systemansatzes oft genug nicht wirklich interessant: Die Vertriebsleute wollen ihre Pumpe verkaufen, das Wissen um die verfahrenstechnischen Abläufe beim Kunden ist nicht immer vorhanden. Um es klar zu formulieren: Der Saug- und Druckstutzen ist für Hersteller in vielen Fällen eine Schnittstelle, die sie ungern überschreiten. Deshalb ist ja die früher übliche Pumpen-Stabsstelle so wichtig – sie verknüpft die unterschiedlichen Interessen von Pumpenhersteller und Anlagenbetreiber.

Impressionen von den Förderprozess-Foren 2016
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PROCESS: Dienstleister kennen die Auswirkungen einer falschen Auslegung, eines falschen Betriebs von Pumpen. Was sind typische Auswirkungen und Probleme, wenn der Systemansatz unterbleibt?

Leuchtenberger: Die Folge sind höhere Reparaturkosten, weil Probleme weder bei der Planung noch im Betrieb frühzeitig erkannt werden. Dann werden z.B. Rohrleitungen von 50 auf 100 Meter verlängert und niemand macht sich Gedanken über die Auswirkungen auf die Pumpe. Es fehlt schlicht und ergreifend die Einsicht, dass Veränderungen in der Anlagentechnik in aller Regel auch Auswirkungen auf die Pumpentechnik haben. Wenn die Pumpe an sich falsch ausgelegt ist, nutzt auch der beste Hocheffizienzmotor nichts: Die eingesparte Energie wird dann um ein Mehrfaches in der Rohrleitung vergeudet. Aus unserer Sicht ist es deshalb nicht nur wichtig, Pumpeningenieure und Pumpentechniker auszubilden und einzubinden, es besteht auch Bedarf für einen Pumpenschlosser – das sind sozusagen die Indianer, die hinterher vor Ort die Pumpe in Betrieb nehmen. Um den früheren Moderator des Pumpen-Forums Dr. Friedrich Hennecke zu zitieren: „Die Pumpe ist in Ordnung, sie wird nur falsch betrieben!“

Wie kann man das Denken in Systemen in der Praxis befördern? Der Experte weiß Rat – auf der nächsten Seite ...

Unternehmen ab 1000 bis 2000 installierten Pumpen sollten eine Pumpen-Stabsstelle vorhalten

PROCESS: Wie könnte man das Denken in Systemen in der Praxis befördern?

Leuchtenberger: In Systemen zu denken, ist nicht allein die Aufgabe des Planers, des Herstellers oder des Betriebsingenieurs. Aus meiner Sicht ist das eine Management-Aufgabe, muss sozusagen Top-down erfolgen. Wenn der Geschäftsführer oder der Vorstand eines Unternehmens den Sinn des Systemansatzes oder einer vorbeugenden Instandhaltung nicht sieht, sondern nur an die Kosten denkt, wird dafür kein Budget genehmigt. Mein Rat ist: Unternehmen ab 1000 bis 2000 installierten Pumpen sollten dafür eine Pumpen-Stabsstelle vorhalten. Eine solche Stabsstelle wird für das Unternehmen massiv Kosten einsparen: Weil sofort auf Schäden reagiert werden kann, weil diese Stabsstelle eine Schadensstatistik führt, weil hier Pumpen Know-how gesammelt wird.

PROCESS: Ein Lösungsvorschlag für eine höhere Verfügbarkeit von Pumpen lautet, mehr auf Standards zu setzen und die Zahl der Lieferanten zu reduzieren. Bedeutet das nicht Verzicht auf Innovationen?

Leuchtenberger: Das Gegenteil ist der Fall! Wer als Betreiber seine Pumpen gezielt standardisiert, also nur eine gewisse Zahl unterschiedlicher Pumpentypen, Laufräder und Antriebstechnik zulässt, der hat ganz einfach viel mehr Zeit, sich mit der Frage einer weiteren Optimierung des Pumpenbestandes zu beschäftigen, also sich über bewährte Technik klar zu werden oder neue Entwicklungen zu erproben. Genau hinschauen muss man als Betreiber, wenn der Hersteller anfängt zu standardisieren – denn der macht das nicht immer zum Nutzen des Kunden! Hier steht eher im Vordergrund, durch Standardisierung ein möglichst günstiges Angebot machen zu können. Beispiel: Um optisch günstiger zu sein, offeriert mancher Hersteller eine kleinere Pumpentype, die auf einer höheren Drehzahl zu betreiben ist – der Instandhalter freut sich dann über mehr Arbeit. Denn dann spart der Betreiber bei der Investition und bezahlt mit höheren Reparaturkosten.

PROCESS: Industrie 4.0 entwickelt sich auch zur Pumpe 4.0. Macht die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung den Betrieb von Pumpen einfacher und sicherer?

Leuchtenberger: Diese Entwicklung ist sicher nicht verkehrt. Wir sollten uns aber dennoch nicht in Zukunft auf eine App auf dem Smartphone oder dem Tablet verlassen. Digitalisierung und Elektronik sollten begleitende Komponenten einer Pumpe sein, aber nicht der zentrale Bestandteil. Ein qualifizierter Mitarbeiter vor Ort, der sieht, hört und riecht ist allemal wichtiger als jede elektronische Überwachung – das ist auch unter Kostengesichtspunkten zu sehen. Dazu muss man im Übrigen auch nicht den letzten Schrei der technischen Entwicklung im Blick haben. Auch schon seit Jahren verfügbare Technik ist sehr nützlich: Man nehme eine Mengenregelung (IDM) und einen drehzahlregelbaren Antrieb – das ist aus meiner Sicht eine narrensichere Ausrüstung. Beim Thema Digitalisierung muss man übrigens auch lernen, die generierten Daten richtig zu interpretieren. Dazu braucht man ein tiefgreifendes Verständnis der Pumpentechnik, wobei wir also wieder beim Thema Know-how sind.

PROCESS: Was darf der Teilnehmer des Pumpen-Forums am 16. und 17. November 2017 erwarten?

Leuchtenberger: Es wird wie immer eine gute Mischung aus Referenten der Anwender- und Herstellerseite sein, und Betreiber dürfen auf fundierte Antworten auf offene Fragen vertrauen. Übrigens werden auch Vakuumpumpen und Kompressoren behandelt – eben das gesamte Rotating Equipment zum Fördern von Flüssigkeiten, Gasen und Schüttgütern. Der Systemansatz steht klar im Mittelpunkt!

Sie interessieren sich für die Förderprozess-Foren 2017? Alle Infos finden Sie aufwww.foerderprozess-foren.de.

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