Industrie-4.0 in der Pharmaproduktion Neues Konzept für Industrie 4.0 – Wie Excellence United die Branche aufmischt

Autor Anke Geipel-Kern

Auch die Pharmaproduktion wird zunehmend digitaler und vernetzter. Wer jetzt schlüssige Konzepte vorlegt, ist beim nächsten großen Industrie-4.0-Projekt mit dabei. Die fünf Mitglieder der Excellence United legen mit ihrem IoT-Hub ordentlich vor und präsentieren auf der Achema ein Konzept, das Maßstäbe setzt. Doch das ist erst der Anfang. Beim Round Table mit der PharmaTEC erklärten die fünf Geschäftsführer warum.

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Der Cube war ein begehrtes Besuchsziel auf der Achema.
Der Cube war ein begehrtes Besuchsziel auf der Achema.
(Bild: Excellence United)

Auf sieben Jahre blickt die Firmenallianz Excellence United jetzt zurück, doch vom verflixten siebten Jahr kann auf der diesjährigen Achema keine Rede sein. Die Fünf, gemeint sind Bausch+Ströbel, Glatt, Fette Compacting, Harro Höfliger und Uhlmann, haben sich mittlerweile gefunden und gemeinsame Projekte in den verschiedensten Konstellationen abgewickelt.

Mittelständler unter sich

Die installierte Basis der Allianz summiert sich auf 50 000 Anlagen weltweit – eine Zahl, die sich sehen lassen kann und die feste Verankerung in der Pharmabranche unterstreicht. Auch die Tatsache, dass alle Unternehmen familiengeführte, klassische Mittelständler sind, schweißt zusammen.

Und weil sich jeder als Technologieführer seiner jeweiligen Provenienz sieht, gibt es kein Kompetenzgerangel zwischen den Geschäftsführern und Eigentümern.

„Wir fühlen uns richtig wohl in der Truppe“, unterstreicht Thomas Weller, CEO bei Harro Höfliger beim Expertengespräch mit der PharmaTEC am dritten Messetag. Ein aus seiner Sicht gelungenes Gemeinschaftsprojekt ist die neue Darreichungsform XStraw: ein Trinkhalm mit vorportioniertem Medikament auf Pelletbasis, das besonders einfach einzunehmen ist.

Die Mikropx-Technologie – das kontinuierliche Wirbelschicht-Agglomerationsverfahren zur Herstellung der

Mikropellets – stammt von Glatt, die Fülltechnologie von Sondermaschinenbauer Harro Höfliger. Auch an der Abfüllung und Verpackung des Respimat-Inhalers von Boehringer Ingelheim sind Partner der Excellence United beteiligt.

Thomas Weller, CEO Harro Höfliger
Thomas Weller, CEO Harro Höfliger
(Bild: Fotografie Janine Kyofsky | www.janine-kyofsky.de | fotografie@janine-kyofsky.de)

Federführend für die Inhalertechnik war Harro Höfliger, für Verpackung und Etikettierung waren Uhlmann sowie Bausch+Ströbel bei Prozessentwicklung und Produktion mit an Bord. Und wichtiger Etappensieg in Sachen Kontiproduktion ist das Modcos-System zur kontinuierlichen OSD-Herstellung von der Pulvereinwaage bis zur Tablette.

Der Cube zeigt, was Excellence United alles kann

Aufgeräumt ist die Stimmung am Excellence United-Messestand auf der Achema, beflügelt durch die Menschenmassen, die über den Stand strömen und den Erfolg des gemeinsamen Auftritts. „Discover Digital Excellence“ heißt in diesem Jahr das Motto und viele Besucher pilgern zum Exponat „The Cube“, dem Mittelpunkt des gemeinsamen Messestandes.

Schon optisch kommt keiner an dem Blickfang in Halle 3 vorbei, der im Innern eine Smart Factory verbirgt. Ein Designerteam hat den transparenten Würfel entwickelt, der einem Kristall nachempfunden ist und für die Excellence der Gruppe steht.

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Über 400 Besucher pro Tag zählen die Besatzung am Cube-Counter. Und das spricht für sich, denn das Projekt soll die Leistungsfähigkeit des Verbundes dokumentieren und – in aller Bescheidenheit – die Zukunft der Pharmaproduktion revolutionieren.

Olaf J. Müller, Geschäftsführer Fette Compacting
Olaf J. Müller, Geschäftsführer Fette Compacting
(Bild: Ernst Fesseler, Berlin (ernst.fesseler@web.de))

„Wir senden mit diesem Auftritt eine ganz klare Nachricht an den Markt“, erklärt Olaf J. Müller, CEO der LMT Group und Geschäftsführer von Fette Compacting.

Ein schlüssiges Konzept für Industrie 4.0

Tatsächlich wagt sich die Firmenallianz beim Thema Pharmaproduktion 4.0 in die Offensive und legt ordentlich vor. Ergebnis eines zweijährigen gemeinsamen Entwicklungsprozesses ist eine IoT-Plattform. Auf deren Basis können Anwender sowohl Maschinen der Excellence-United-Partner als auch Fremdmaschinen miteinander vernetzen, wo sinnvoll, sind Schnittstellen nach OPC-UA standardisiert.

Thomas Hofmaier, Geschäftsführer Technologie Glatt
Thomas Hofmaier, Geschäftsführer Technologie Glatt
(Bild: Glatt)

„Von der Einwaage bis zur Blisterverpackung decken wir die gesamte Prozesskette ab und zwar sowohl für Batch- als auch Kontiprozesse“, erklärt Excellence United Sprecher Thomas Hofmaier, bei Glatt Geschäftsbereichsleiter Pharma. Integriert werden können alle Technologien der Partner, umsetzbar sind also OSD-Linien und Linien zur Herstellung flüssiger Arzneimittel.

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Im Cube sehen die Besucher z.B. eine kontinuierliche Tablettenproduktion von der Einwaage über Mischen, Granulation, Trocknen, Tablettieren, Entstauben und Coaten mit anschließender Verpackung in Blister und Faltschachtel.

Der Clou dabei: Alle Lots vom Pulver über die Tablette bis zum Blister und zur Verpackung werden digital zurückverfolgt – ein Ansatz, der sowohl für Batch, Semi-Batch als auch Voll-Konti anwendbar ist. Auch PAT-Technologien sind in die Anwendung implementiert: Die Wirkstoffkonzentration pro Tablette werden inline exakt überwacht.

Damit ist das IoT-Hub eine zentrale Schnittstelle über die Anwender Maschinen- und Prozessparameter erfassen und weltweit verfügbar machen können – sowohl in der Cloud als auch im Firmennetzwerk. Condition Monitoring in Echtzeit und Predictive Maintenance sind die nächsten Ziele.

Wettbewerb belebt das Geschäft

Die Idee von der digitalen Integration verfolgen momentan viele, vor allem Software- aber auch Pharmazulieferer, schließlich steht der Suffix 4.0 für einen Technologievorsprung und verspricht Gewinne – wenn nicht sofort, dann doch in Zukunft. Der Wettbewerb schläft also nicht, und auf der Achema gab es weitere interessante

Industrie-4.0-Ansätze zu sehen, u.a. von Bosch Packaging und IMA.

Die Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal des EXU-IoT-Hubs drängt sich daher förmlich auf. Womit also punktet Excellence United? „Unsere Plattform ist nicht aus anderen Branchen adaptiert, sondern ist von Grund auf für pharmaspezifische Anforderungen konzipiert“, betont Müller. Hofmaier wirft vier weitere Argumente in die Waagschale, die seiner Meinung nach essenziell für den Erfolg bei den Pharmazeuten sind: Kunden- und Anwendungsverständnis, Erfahrung in der Integration von Pharmaapplikationen, offene technische Systeme und die Kooperationsfähigkeit der beteiligten Akteure.

Letzteres hat die Allianz mit dem Cube erneut unter Beweis gestellt. Bis zum Ende des Projektes waren insgesamt rund 60 Mitarbeiter eingebunden, jeder mit den Erfahrungen aus seinem Unternehmensumfeld und der jeweiligen digitalen Vorgeschichte.

Dr. Hagen Gehringer, Geschäftsführer Technik Bausch+Ströbel
Dr. Hagen Gehringer, Geschäftsführer Technik Bausch+Ströbel
(Bild: Bausch+Ströbel)

Zwei Teil-Projekte habe es gegeben, erklärt Dr. Hagen Gehringer, Geschäftsführer Technik bei Bausch+Ströbel: ein klassisches Maschinenbau-Projekt für die Apparatetechnik und ein IT-­Projekt mit der softwaretechnischen Abbildung des IoT-Hub als Kernaufgabe. Beides ist eng mit einander verschränkt, denn moderne Hightech-Maschinen sind ohne Software und Sensorik heute gar nicht mehr denkbar.

In knapp neun Monaten hat das Projektteam zusätzlich noch eine weitere digitale Infrastruktur aus dem Boden gestampft. Denn was man dem Cube von außen nicht ansieht, ist die Vernetzung des gesamten Messestandes. An jedem der Einzelstände gibt es Indus­trie-4.0-Applikationen, sodass sich das Thema als roter Faden über alle Auftritte zieht. Man pusche sich in der Entwicklung gegenseitig, sagt Siegfried Drost, Geschäftsführer Vertrieb von Uhlmann und vergleicht die Akteure mit Schnellbooten, deren Kielwasser sich ständig überkreuzen.

Und was sagt die Branche zum Thema Industrie 4.0?

Bleibt die Frage, ob die Pharma­produktion bereit ist für den digitalen Wandel, dem die Allianz mit ihrem Vorstoß den Weg bereiten will. Cloud oder nicht? Wie geht man mit sensiblen Daten um? Spielen die Behörden mit? Offene Fragen gibt es gerade jede Menge.

Claußnitzer, Geschäftsführer Technik bei Harro Höfliger
Claußnitzer, Geschäftsführer Technik bei Harro Höfliger
(Bild: Janine Kyofsky)

„Wir sind momentan alle auf der Reise“, sagt Peter Claußnitzer, CTO bei Harro Höfliger. Ein Weg, den Maschinenbauer und Arznei­mittelunternehmen gemeinsam gehen müssen. „Wir können den Kunden nur dann digitale Lösungen anbieten, wenn wir über entsprechende digitalisierte Wertschöpfungsketten verfügen“, betont Claußnitzer.

Auf der anderen Seite können die angedachten Serviceleistungen über das Hub nur dann umgesetzt werden, wenn sich die Kunden öffnen und Daten zur Verfügung stellen. Fest steht, die Branche verändere sich, sagen die Geschäftsführer einhellig. Pharmaunternehmen kaufen zunehmend technologische Lösungen und weniger Einzelmaschinen.

Das bedeutet zusätzliche Aufgaben und mehr Verantwortung für Zulieferer. Projekte werden dyna­mischer und agiler, der Spezifikationsprozess bleibe im Entstehungsprozess einer Linie immer häufiger dem Maschinenbauer überlassen, so Hofmaier. Und genau hier sehen die Geschäftsführer eine weitere Stärke der Partnerunternehmen: Projekterfahrung und vertrauensvolle Kundenbeziehungen schaffen die Basis, auf der gemeinsame Aufträge entstehen.

Zwar steht die Pharmabranche nicht im Ruf Speerspitze neuer Technologien zu sein – aber erste Ansätze zeigen: Die Digitalisierung kommt und die Excellence-United-Partner haben jetzt erst einmal vorgelegt. „Wenn das erste Unternehmen mit der Idee einer 4.0-Fabrik der Zukunft kommt, dann können wir eine Lösung anbieten“, betont Hofmaier.

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