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Umweltschutz per Arzneimittelabgabe?

Nebenwirkungen für Gewässer reduzieren

| Autor / Redakteur: Susanne Hufe* / Christian Lüttmann

Umweltschutz: Hilft eine Arzneimittelabgabe für Medikamente mit gewässerschädigenden Stoffen? (Symbolbild)
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Umweltschutz: Hilft eine Arzneimittelabgabe für Medikamente mit gewässerschädigenden Stoffen? (Symbolbild) (Bild: UFZ / André Künzelmann)

Bei Risiken oder Nebenwirkungen fragen wir den Arzt oder Apotheker. Aber nicht nur wir selbst sind von ungewünschten Effekten mancher Medikamente betroffen: Bestimmte Wirkstoffe gelangen ins Abwasser und gefährden die Organismen dort. Um das Bewusstsein für dieses Problem zu stärken, haben Forscher des Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ) ein Gutachten erstellt, das Strategien zur Reduzierung solcher Schadstoffe im Wasserkreislauf vorschlägt, sowie mögliche Finanzierungsmodelle.

Leipzig – Medikamente wirken oftmals weit über die Grenzen unseres Körpers hinaus. Denn viele Arzneimittelrückstände wie beispielsweise Hormone oder das Schmerzmittel Diclofenac können in gängigen Kläranlagen nicht aus dem Abwasser entfernt werden. Sie überstehen das Reinigungsprozedere weitgehend unbeschadet und gelangen über das „geklärte“ Abwasser in die Umwelt. Auch Rückstände aus verabreichten Tierarzneimitteln in der Landwirtschaft sind problematisch. Sie werden über die Gülle auf den Feldern verteilt und mit dem Regen in Flüsse und Grundwasser gespült.

Solche Mikroschadstoffe können Gewässerorganismen schaden und stellen ein ernstzunehmendes Umweltproblem dar. Und nicht nur das: Sie können sogar die Aufbereitungsstufen der Trinkwassergewinnung passieren und sich womöglich negativ auf unsere Gesundheit auswirken. Was kann man also tun, um den Eintrag von Mikroschadstoffen in Gewässer einzudämmen?

Die vierte Reinigungsstufe

Prinzipiell wäre natürlich das Vermeiden von gewässerschädlichen Stoffen sinnvoll. Doch das ist nicht immer möglich - gerade im medizinischen Bereich. Technisch gibt es aber eine Lösung, zumindest für kommunales Abwasser: „Die so genannte vierte Reinigungsstufe ist ein probates Mittel, um einen Großteil der Mikroschadstoffe aus dem Abwasser zu entfernen. Sie schließt sich an die drei üblichen Reinigungsstufen einer Kläranlage an“, erklärt Prof. Erik Gawel vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ). „Die Techniken dazu sind bereits ausgereift und auch von den Kosten her vertretbar.“

Für die Ausstattung ausgewählter Kläranlagen mit der vierten Reinigungsstufe als Teil einer nationalen Mikroschadstoffstrategie bleibt die Frage offen: Wie soll diese Maßnahme finanziert werden? Die Kosten vollständig über die Abwassergebühren einzuholen würde nur die Verbraucher zusätzlich belasten. Um schon vor der eigentlichen Abwasserentstehung die Verursacher zur Verantwortung zu ziehen, wird hier die Einführung einer Arzneimittelabgabe diskutiert.

Juristisch möglich, ökonomisch sinnvoll, fair

Gawel und seine UFZ-Kollegen haben im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) ein Gutachten erstellt, in dem sie das Instrument einer Arzneimittelabgabe unter ökonomischen und juristischen Gesichtspunkten beleuchten. „Rechtlich wäre die Einführung einer Arzneimittelabgabe ohne Probleme möglich und auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll“, sagt der Umweltökonom. „Eine Finanzierung von Maßnahmen einer Mikroschadstoffstrategie wäre mit dem Abgabenaufkommen ebenfalls möglich.“

Steuern oder erhöhte Abwassergebühren an den entsprechenden Kläranlagen seien zwar auch zur Finanzierung denkbar, doch aus Sicht der Forscher nicht fair. „Durch Herstellung und Verwendung gewässerschädlicher Stoffe entstehen gesamtgesellschaftliche Kosten. Doch warum sollten alle Steuerzahler dafür aufkommen?“, fragt Gawel. „Ein Ausgleich nach dem Verursacherprinzip wäre aus unserer Sicht gerechter. Und die Abwassergebühren nur an den nachgerüsteten Anlagen steigen zu lassen, wäre willkürlich, wo doch Arzneimittelrückstände überall anfallen.“

Kleine Beiträge sollen ein Bewusstsein schaffen

Für die Abgabe schlagen die Forscher einen dreistufigen Tarif vor: Ist noch nicht sicher, ob ein Arzneimittel gewässerschädlich ist oder nicht, müssten Hersteller oder Abgabestellen (z.B. Apotheken) nach dem Vorsorgeprinzip eine Abgabe für mutmaßliche Gewässerrelevanz zahlen. Liegt eine eindeutige gewässerschädigende Wirkung vor, wäre eine erhöhte Abgabe fällig. Kann aber nachgewiesen werden, dass das Arzneimittel gewässerunschädlich ist, würde der Wirkstoff von der Abgabenzahlung befreit werden. „Die Nachweispflicht, dass keine Gewässerrelevanz vorliegt, läge bei den Arzneimittelherstellern selbst“, sagt Gawel. „Die anzuwendenden Testverfahren müssten aber natürlich gesetzlich festgeschrieben werden.“

Ergänzend halten die Forscher eine Zuzahlung für Humanarzneimittel mit Kassenerstattung für denkbar. „Der Beitrag könnte mit etwa 50 Cent durchaus klein sein“, findet Gawel. „In erster Linie ginge es darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Anwendung von Präparaten mit gewässerbelastenden Wirkstoffen zu gesellschaftlichen Zusatzkosten führt. Bei Zuzahlungsbefreiung sollte der Obolus natürlich nicht gezahlt werden müssen.“

Plädoyer für Arzneimittelabgabe

In ihrem Gutachten sprechen sich die UFZ-Forscher deutlich für die Einführung einer Arzneimittelabgabe aus. „Bislang wurde der Arzneimittelsektor hinsichtlich gewässerschädigender Wirkungen durch Arzneimittelrückstände nicht in die Verantwortung genommen“, kritisiert Gawel. „Eine Arzneimittelabgabe würde im Rahmen einer breit aufzustellenden Mikroschadstoffstrategie eine wichtige Ausgleichsfunktion übernehmen.“ Weitere Sektoren, wie etwa die Landwirtschaft, müssten dann ebenfalls in die Verantwortung genommen werden.

Originalpublikation: Gawel, E., Köck, W., Fischer, H., Möckel, S.: Arzneimittelabgabe - Inpflichtnahme des Arzneimittelsektors für Maßnahmen zur Reduktion von Mikroschadstoffen in Gewässern, im Auftrag des Umweltbundesamtes. UBA-Texte115/2017, 91 S. Texte Umweltbundesamt 115/2017. Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau.

* S. Hufe, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), 04318 Leipzig

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