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Interview Dr. Kurt Wagemann Mit ProcessNet die Herausforderungen der Industriegesellschaft meistern

Redakteur: Gerd Kielburger

Wie gelingt es wissenschaftlich-technischen Institutionen in Deutschland, sich den derzeitigen globalen Herausforderungen zu stellen? Dechema und VDI-GVC wollen diese Aufgabe gemeinsam lösen. Dr. Kurt Wagemann, Geschäftsleiter der ProcessNet-Plattform, im PROCESS-Interview.

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Im Gespräch mit Dr. Kurt Wagemann, dem neuen Geschäftsleiter von ProcessNet.
Im Gespräch mit Dr. Kurt Wagemann, dem neuen Geschäftsleiter von ProcessNet.
( Archiv: Vogel Business Media )

Dr. Kurt Wagemann ist seit mehr als 15 Jahren bei der Dechema und seit rund 100 Tagen neuer Geschäftsleiter von ProcessNet, der gemeinsamen Plattform von Dechema und VDI-GVC, die seit Ende letzten Jahres existiert. Im PROCESS-Interview erklärt er, wie mit gebündelter Kompetenz der ProcessNet Problemlösungen an den Schnittstellen verschiedener Fachgebiete noch schneller und effizienter erarbeitet werden sollen.

Herr Dr. Wagemann, Gratulation zur neuen Position und zu einer äußerst anspruchsvollen Aufgabe. Wie wollen Sie die beiden Strukturen der GVC und Dechema so verzahnen, dass in den neuen Fachgemeinschaften mehr herauskommt als früher?

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Dr. Wagemann: Nun, zunächst versuche ich bei den Gesprächen in unseren Gremien immer wieder herüberzubringen, dass es eben nicht nur eine neue Organisationsform ist, die wir uns gegeben haben, sondern dass wir mit dieser ProcessNet-Plattform etwas Neues geschaffen haben. Mit dieser neuen und gebündelten Kompetenz können wir auch ganz neue Aktivitäten angehen, zum Beispiel zu chemischen Aspekten der Energieerzeugung, Medizinverfahrenstechnik oder auch zu den Herausforderungen für unsere Industriegesellschaft, die sich aus dem erwarteten Klimawandel ergeben. Jetzt lässt es sich ohne jegliche organisatorische Hürden und Grenzen wesentlich einfacher zusammenarbeiten. Wir spüren bereits in dieser Gründungsphase der Fachgemeinschaften, dass sich da etwas ganz Neues entwickelt, es herrscht Aufbruchstimmung.

Aber Dechema und GVC haben doch schon früher sehr eng zusammengearbeitet und sich auf den gemeinsamen Jahrestagungen ausgetauscht. Warum war das vorher nicht effizient?

Dr. Wagemann: Das lag einfach an organisatorischen Hürden und damit einhergehenden Behinderungen der Informationsflüsse an die ehrenamtlich aktiven Mitglieder unserer Gesellschaften und zwischen den verschiedenen Gremien. Bei den jetzt stattfindenden Strategiegesprächen der Fachgemeinschaften stellen wir fest, dass die Kollegen erst jetzt so richtig registrieren können, was an gegenseitigen Strukturen, Ausschüssen und Arbeitskreisen bereits existiert, auf denen man aufbauen oder die man zusammenführen kann, um Synergien zu nutzen. Daraus entstehen plötzlich völlig neue Ideen, obwohl oder weil man sich schon so lange über die gemeinsamen Jahrestagungen kennt.

Wo lagen die größten Stolpersteine, die es aus dem Weg zu räumen gab?

Dr. Wagemann: So viele gab es gar nicht. Momentan müssen wir noch einige Stolpersteine organisatorischer Art wegräumen. Adressentransfer zum Beispiel, Abstimmungsprozesse bezüglich des öffentlichen Auftritts. In der gemeinsamen neuen Geschäftsstelle verbindet uns bereits ein sehr gutes und freundschaftliches Arbeitsverhältnis. Das spielt eine ganz wichtige Rolle bei dem Prozess. Betonen möchte ich insbesondere auch das große Engagement der beteiligten Kollegen des VDI. Wir alle lösen derzeit anstehende Probleme sehr pragmatisch.

Wie kam der Name ProcessNet zustande?

Dr. Wagemann: Wir waren uns einig, dass wir kein artifizielles Akronym aus Dechema und VDI-GVC schaffen wollten. Unser Ziel war es, den Netzwerk-Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Darüber hinaus sollte bereits aus dem Namen erkennbar sein, dass wir uns nicht ausschließlich auf Chemie und Chemieverfahrenstechnik konzentrieren, sondern auch die Branchengrenzen z.B. zur Lebensmittelbiotechnologie oder Medizintechnik überschreiten. Dabei fassen wir ProcessNet als den deutschen Ansprechpartner im internationalen Kontext auf – insofern passt der Begriff ideal.

Was sind Ihre wichtigsten Aufgaben der kommenden sechs Monate?

Dr. Wagemann: Zu allererst müssen wir nach dem Strukturaufbau eine hervorragende Jahrestagung in Aachen auf die Beine stellen. Darüber hinaus gilt es, die derzeitige Aufbruchstimmung in die Fachgemeinschaften zu tragen und gleichzeitig nach neuen Themengebieten zu suchen. Vor allem müssen wir uns auch fragen, wo wir noch intensiver zusammenarbeiten können, gerade auch über die Fachgemeinschaftsgrenzen hinweg.

... um die Community zu vergrößern?

Dr. Wagemann: Ja, der intensive Austausch innerhalb der Fachgemeinschaften ist notwendig, kann aber auch ein Risiko werden, wenn er zur Abschottung führt. Unser Anspruch ist eine noch stärkere Zusammenarbeit über die Grenzen zwischen Fachgemeinschaften hinweg und auch die Chemiker und Verfahrensingenieure anzusprechen, die in einer Vielzahl von anderen Branchen, beispielsweise im Automobilbau tätig sind.

Welche Rolle kann ProcessNet als Bewahrer oder Erweiterer des Know-hows deutscher Chemie- und Ingenieurinteressen spielen? Wenn man den Ingenieurmangel hierzulande mit den Ambitionen in Asien ins Verhältnis setzt, könnte einem perspektivisch Angst und Bange werden!

Dr. Wagemann: Da sprechen Sie ein Hauptproblem an, das auch nach meiner Einschätzung in den nächsten Jahren immer gravierender wird. Das ist auch der Grund, warum wir – jenseits der rein fachlich definierten Fachgemeinschaften – zwei weitere Fachgemeinschaften etabliert haben. Eine, die das Innovationsmanagement vorantreiben soll und eine andere, die sich mit der Aus- und Weiterbildung auseinandersetzt.

Welche der neuen Fachgemeinschaften hat das größte Potenzial, am schnellsten Innovationsschübe hervorzubringen?

Dr. Wagemann: Wir werden von allen Fachgemeinschaften sehen, dass dort die wichtigen und aktuellen Themen aufgriffen werden. Es hängt natürlich von unser aller Engagement ab, ob wir das hinkriegen. Aber ich gebe Ihnen ein Beispiel dazu: Die Fachgemeinschaft Reaktionstechnik hat sich im Gründungsprozess stark mit dem Thema der zukünftigen Versorgung unserer Gesellschaft mit Energie beschäftigt und dazu ein aktuelles Positionspapier herausgebracht. Generell schauen wir uns derzeit an, welche Beiträge die Chemie und Verfahrenstechnik zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen leisten können.

Dafür müssen Sie noch enger mit der Politik zusammenwirken...

Dr. Wagemann: Hier können wir uns aber sehr stark auf die hervorragenden Kompetenzen der Dechema abstützen. Nicht umsonst hat die Dechema seit Jahrzehnten eine eigene Abteilung Forschungsförderung, die sehr gut vernetzt ist mit anderen Förderorganisationen und den zuständigen Ministerien auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene. Die Parallelität der SusChem-Initiative, an der die Dechema maßgeblich mitwirkt, mit der High-Tech-Offensive der Bundesregierung bietet für uns derzeit natürlich ausgezeichnete Perspektiven.

In welchem Maße kann ProcessNet sich auch als internationale Plattform etablieren?

Dr. Wagemann: Uns ist jeder Kollege aus dem näheren und ferneren Ausland zur Mitarbeit willkommen. Schließlich müssen wir noch viel stärker über unsere fachlichen aber auch nationalen Grenzen hinweg kooperieren.

Ist da nicht die Sprache immer noch ein Hemmnis?

Dr. Wagemann: Da gebe ich Ihnen recht, die Sprache ist ein Problem. Wir hoffen da natürlich, dass wir auf Kollegen treffen, die Deutsch sprechen oder verstehen. Denn auf absehbare Zeit wird in der Ausschussarbeit Deutsch die erste Sprache sein. Trotzdem haben wir bereits jetzt eine Vielzahl von Kollegen aus dem Ausland dabei.

Blick in die Zukunft: Was wollen Sie in fünf Jahren mit ProcessNet erreicht haben?

Dr. Wagemann: Als wichtigste Aufgabe steht klar die Etablierung einer ProcessNet-Jahrestagung, auf der jeder Fachkollege die Beduetung für sich sieht, anwesend zu sein, um über die neuesten und wichtigsten Entwicklungen auf dem Laufenden zu sein und sich darüber mit fachkompetenten Kollegen auszutauschen. Damit einher geht natürlich unser Anspruch, mit ProcessNet immer an vorderster Front der technologischen Entwicklung zu sein. Wir wollen Treiber von Entwicklungen sein und nicht Getriebene, auch was neue Themen anbelangt. ProcessNet soll das anerkannte Sprachrohr Deutschlands im europäischen und internationalen Raum werden. Und last but not least müssen wir bis dahin in noch viel stärkerem Maße die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses vorantreiben. Innerhalb der Dechema haben wir das längst erkannt und z.B. mit dem Dechemax-Schülerwettbewerb gute Ansätze dafür auf den Weg gebracht. Gleiches gilt für die Aktivitäten der KjVIs, die „kreativen jungen Verfahrensingenieure“ innerhalb der GVC. Wir müssen früh ansetzen, damit wir wirklich die besten Leute für unsere Fachgebiete bekommen. Und ich betone hier Fachgebiete, weil wir mit ProcessNet jetzt ein breites Spektrum abdecken, das tendenziell in den nächsten Jahren eher breiter statt schmäler wird.

Das Gros der Mitglieder ist ehrenamtlich aktiv. Bei zunehmendem Arbeitsdruck in den Unternehmen fehlt mehr und mehr die Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren. Wie soll das gehen?

Dr. Wagemann: Klar. Jedes Gremium und jedes Treffen eines Gremiums muss sich rechtfertigen können. Jeder Teilnehmer, ob aus der Industrie, aus Behörden oder aus der Forschung muss aus einer solchen Sitzung herauskommen und sagen können: Das hat sich gelohnt. Hierzu müssen wir als Geschäftsstelle den ehrenamtlich Tätigen eine organisatorisch perfekte Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung anbieten.

Wird es einen großen ProcessNet-Kongress auf der Achema 2009 geben?

Dr. Wagemann: Interessante Anregung!

Herr Dr. Wagemann, wir danken für das Gespräch.

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