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China Market Insider Milliardeninvest soll Tianjin zum Zentrum der Petrochemie im Norden Chinas machen

| Autor / Redakteur: Henrik Bork / Dipl.-Medienwirt (FH) Matthias Back

Chinas viertgrösste Stadt Tianjin setzt für seine wirtschaftliche Entwicklung immer stärker auf die petrochemische Industrie. Die Stadtregierung und Sinopec, Chinas größter staatseigener Chemiekonzern, haben ein neues Rahmenabkommen unterzeichnet, demzufolge weitere 70 Milliarden Yuan (rund 8,8 Milliarden Euro) an Investitionen in Schlüsselprojekte in Tianjin fliessen sollen.

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Mit dem Format „China Market Insider“ berichtet PROCESS regelmäßig über den chinesischen Chemie- und Pharmamarkt.
Mit dem Format „China Market Insider“ berichtet PROCESS regelmäßig über den chinesischen Chemie- und Pharmamarkt.
(Bild: ©sezerozger - stock.adobe.com)

Tianjin/China – Sinopec und die lokalen Behörden in Tianjin wollen im Rahmen eines Fünf-Jahres-Plans gemeinsam petrochemische Anlagen, aber auch Naturgas- und Wasserstoffprojekte im Verwaltungsbereich fördern. Ziel sei insbesondere der Aufbau eines „petrochemischen Standortes der Weltklasse” in der “Tianjin Nangang Industrial Zone”.

Der Industriepark Tianjin Nangang, auf Deutsch „Tianjin Südhafen”, ist ein 200 km² großes Industriegebiet, welches seit 2009 überwiegend auf aus dem Meer gewonnenem Land entstanden ist und nun wie eine schwimmende Retortenstadt in die Bucht von Bohai ragt. Bisher sind die führenden Petrochemie-Standorte Chinas eher in Südprovinzen wie Guangdong und Fujian oder in der Ostprovinz Zhejiang angesiedelt.

Tianjin will Jahre der Misswirtschaft und Korruptionsskandel hinter sich lassen

Für Tianjin sind Erfolg oder Misserfolg dieses industriepolitischen Schachzugs von großer Bedeutung, war das wirtschaftliche Wachstum der Stadt doch noch vor zwei Jahren aufgrund von Missmanagement und Korruptionsskandalen weit hinter das anderer Ballungszentren in China zurückgefallen. Auch eine gewaltige Explosion von Chemikalien in der Entwicklungszone Binhai, zu der der Industriepark Tianjin Nangang gehört, bei der 173 Menschen ums Leben gekommen waren, hatte die Reputation des Standortes im Jahr 2015 schwer beschädigt.

Nun aber greifen führende Staatsbetriebe wie Sinopec, aber auch dessen staatliche Konkurrenten Petro China und CNOOC der Stadt massiv unter die Arme. Zusammen mit 120 Unternehmen verschiedener Größe soll der Standort in den kommenden fünf Jahre massiv ausgebaut werden.

Am Ende des 14. Fünf-Jahres-Planes, der in 2021 beginnt, soll Tianjin Nangang auch Ethylen-Propylen-Anlagen, Polyurethan- und Schmierstoff-Fabriken, Produktionsanlagen für Powerbatterien und zur Nutzung alternativer, sauberer Energiequellen wie etwa Erdgas besitzen, berichtet Process in China. Allein durch den Rahmenvertrag von Sinopec werden die bisherigen Investitionen des Konzerns in Tianjin verdoppelt.

Das Projekt wirft jedoch auch einige Fragen auf. So hat sich beispielsweise der Altersdurchschnitt in Tianjin in den vergangenen Jahren deutlich erhöht und auch das Lohnniveau wird durch die räumliche Nähe zu Peking in den nächsten Jahren weiter deutlich ansteigen.

Dennoch scheint es so, als wolle die kommunistische Staats- und Parteiführung in Peking dem Mega-City-Cluster “Beijing-Tianjin-Hebei” auf jeden Fall zum Erfolg verhelfen, handelt es sich doch um ein Lieblingsprojekt des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping. Auch soll die chemische Industrie langfristig in wenigen, besser kontrollierbaren Industrieparks konzentriert werden, um Unfälle wie die katastrophale Explosion im August 2015 besser zu verhindern. Tianjin Nangang und die Petrochemie spielen bei all diesen planwirtschaftlichen Überlegungen ein zentrale Rolle.

Infrastruktur muss weiter ausgebaut werden

Zu den konkreten Projekten, die nun von der Lokalregierung und Sinopec gemeinsam gefördert werden sollen, gehört ein Ethylen-Verbundstandort mit einer Jahreskapazität von 1,2 Millionen Tonnen und entsprechenden nachgeordneten Industrien. Auch die dritte Phase des Projektes „Sinopec Tianjin LNG” soll erweitert werden.

Während die geografische Lage des Industrieparks nicht schlecht ist - zwischen den Ballungszentren Tianjin und Peking und der Bucht von Bohai im Gelben Meer - müsse an der örtlichen Infrastruktur noch gearbeitet werden, ist chinesischen Medienberichten zu entnehmen. Die „Tianjin-Nangang-Eisenbahn” soll erst Ende dieses Jahres in Betrieb genommen werden, und vom nötigen Straßennetz ist bislang nur die erste Phase fertiggestellt. Signale wie der nun unterzeichnete Rahmenvertrag mit Sinopec legen aber nahe, dass dieser Ausbau nun zügig vonstatten gehen wird.

* Der Autor ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.

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