Europäische Wasserstoff-Allianz Milliarden-Förderung für deutsche Wasserstoffprojekte

Redakteur: Alexander Stark

Mit acht Milliarden Euro will die Bundesregierung den Aufbau der Wasserstoffwirtschaft fördern. 62 deutsche Projekte sollen sich dafür an einer großen europäischen Wasserstoff-Allianz beteiligen. Stahlkonzerne spielen dabei eine wichtige Rolle, daneben geht es um Vorhaben in der Chemie- und Autoindustrie sowie um den Aufbau einer Infrastruktur.

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Mit insgesamt acht Milliarden Euro sollen deutsche Wasserstoffprojekte gefördert werden - der Fokus liegt dabei auf grünem Wasserstoff.
Mit insgesamt acht Milliarden Euro sollen deutsche Wasserstoffprojekte gefördert werden - der Fokus liegt dabei auf grünem Wasserstoff.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Berlin (dpa) - Die Europäische Union plant eine große Wasserstoff-Allianz und will bei der Wasserstofftechnologie weltweit die Nummer 1 werden. Geplant ist auf EU-Ebene dafür ein sogenanntes IPCEI-Projekt – das sind wichtige strategische Vorhaben. Ein solches gibt es etwa bereits zum Aufbau einer Batteriezellenfertigung. 62 deutsche Projekte werden nun an die EU gemeldet, die in der Allianz mit mehr als acht Milliarden Euro staatlich gefördert werden sollen. Ziel ist es laut Bundesministerien, dass die Projekte noch in diesem Jahr von der EU-Kommission beihilferechtlich genehmigt werden können. Die Bundesregierung hat bereits angekündigt, die Wasserstofftechnologie mit Milliardensummen zu fördern.

„Wir machen damit einen großen Schritt auf dem Weg hin zur Klimaneutralität unserer Wirtschaft“, sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am 28. Mai 2021 in Berlin. Besonders in der Stahl- und in der Chemieindustrie könnten durch die Wasserstoffprojekte jährlich mehrere Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Durch die europäische Initiative würden massive Investitionen auch von privaten Trägern in die Zukunftstechnologie angestoßen, insgesamt gehe es um 33 Milliarden Euro, davon mehr als 20 Milliarden Euro von privaten Investoren. Die Projekte bildeten die gesamte Wertschöpfungskette ab. Sie reichen von der Wasserstofferzeugung, über den Transport bis hin zur Anwendung in der Industrie und sind über ganz Deutschland verteilt.

Vor allem „grüner“ Wasserstoff, für dessen Herstellung Ökostrom eingesetzt wird, soll beim klimafreundlichen Umbau von Produktionsprozessen in der Wirtschaft eine große Rolle spielen – also bei der Energiewende weg von den fossilen Brennstoffen Kohle und Gas. Eingesetzt werden soll der „grüne“ Wasserstoff etwa zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe bei Autos, als Treibstoff in Brennstoffzellen-Fahrzeugen oder als Rohstoff in der Industrie.

Wasserstoff werde neben der direkten Elektrifizierung eine zentrale Rolle bei der Energiewende spielen, sagte die „Wirtschaftsweise“ Veronika Grimm der Deutschen Presse-Agentur. Sie ist auch im Nationalen Wasserstoffrat. „Man kann vom neuen Öl sprechen“, unterstrich sie die Bedeutung. Es sei sehr wichtig, die Wasserstofftechnologie europäisch voranzutreiben. Es werde eine europäische Infrastruktur benötigt etwa für den Schwerlastverkehr. Grimm sieht für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft aber noch dringenden Handlungsbedarf. Die Betreiber von Elektrolyseanlagen müssten konsequenter von der EEG-Umlage zur Förderung des Ökostroms befreit werden, als es die jetzigen Pläne vorsehen. Niedrigere Strompreise seien eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Förderbedarfe im Rahmen bleiben und die Technik sich durchsetzen könne. Zwar werde langfristig viel klimaneutraler Wasserstoff oder auch Strom importiert, aber in Deutschland müssten die erneuerbaren Energien deutlich zügiger ausgebaut werden, sagte Grimm. Dazu müsse mehr getan werden, um Planungsprozesse zu beschleunigen und die Akzeptanz in der Bevölkerung für neue Windräder zu erhöhen.“

Projekte in NRW

Zehn NRW-Projekte sind Teil der 62 Vorhaben, die der Bund aus mehr als 230 eingereichten Projekten ausgewählt hat und nach Brüssel meldet. Aus NRW sind unter anderem die CO2-freie Stahlproduktion bei Thyssenkrupp sowie eine Wasserstoff-Pipeline aus dem Emsland ins Ruhrgebiet dabei. Die Unternehmen aus NRW hätten „eindrucksvoll ihr Innovationspotenzial an allen Punkten der Wertschöpfungskette Wasserstoff aufgezeigt“, kommentierte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) die Entscheidung in Berlin. Wasserstoff ebne „den Weg, um Wohlstand zu sichern, das Klima zu schützen und gleichzeitig Industrieführer zu bleiben“.

Die Auswahl der Projekte sei ein „ganz wichtiger Schritt“ für den Aufbau der Wasserstoffwirtschaft, sagte NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). Der Bund wolle für die NRW-Projekte 1,2 Milliarden Euro zur Verfügung stellen, das Land übernehme 500 Millionen Euro. Durch diese Anschubfinanzierung könnten Investitionen von insgesamt mehr als sieben Milliarden Euro in NRW ausgelöst werden. Die ersten Projekte sollten nach der Bewilligung durch die EU im kommenden Jahr mit der Umsetzung beginnen. Die Hilfen für den größten deutschen Stahlhersteller hätten wahrscheinlich „eine Größenordnung von mehr als einer halben Milliarde Euro“. Auch Thyssenkrupp müsse „seine Anstrengungen weiter erhöhen, um diesen Umbau voranzutreiben“, forderte Pinkwart. Aus dem Unternehmen hatte es zuletzt Kritik an einer schleppenden Umsetzung der mit dem Bund vereinbarten Stahlstrategie gegeben.

Gefördert werden soll auch eine Wasserstoff-Pipeline von Lingen nach Marl und Gelsenkirchen. In Lingen errichtet der Energiekonzern RWE eine 100-Megawatt-Elektrolyseanlage zur Umwandlung von Windstrom in Wasserstoff. Der Rohstoff soll dann über die Leitungen zu industriellen Abnehmern wie Raffinerien und Chemieparks transportiert werden. Für das Projekt sollen bereits vorhandene Gasleitungen auf den Transport von Wasserstoff umgestellt werden. Neben RWE sind unter anderem der Mineralölkonzern BP, der Chemiekonzern Evonik sowie die Netzbetreiber Nowega und OGE beteiligt.

Projekte in Mecklenburg-Vorpommern

Vier Projekte aus Mecklenburg-Vorpommern zur Nutzung von Wasserstoff in der Energiewirtschaft bekommen eine Millionen-Förderung des Bundes. Beworben hatten sich sieben Projekte, wie das Schweriner Wirtschaftsministerium am Montag mitteilte.

Drei der Projekte in MV wollen Wasserstoff mit Hilfe erneuerbarer Energien herstellen, beim vierten geht es um eine Pipeline in Richtung Süden. Der Überseehafen Rostock hat sich den Angaben zufolge um 303 Millionen Euro aus dem Programm beworben. Bis 2025 soll dort ein Elektrolyseur mit einer Leistung von zunächst 100 Megawatt errichtet werden. Er soll On- und Offshore-Windstrom vor allem in grünen Ammoniak für das Düngemittelwerk Yara bei Rostock sowie in Fernwärme für die Stadtwerke Rostock umwandeln.

Der Pipelinebauer und -betreiber Gascade will eine Wasserstoffleitung zwischen Rostock und Güstrow bauen und eine bestehende Erdgaspipeline für den Wasserstofftransport bis Berlin, Brandenburg und Sachsen umwidmen. Der Wasserstoffproduzent Apex Energy in Teterow (Landkreis Rostock) will in seinem Werk in Rostock-Laage ein weiteres Elektrolyse-System errichten, das ab 2026 Wasserstoff vor allem für diese Pipeline produzieren soll. In Rostock-Süd ist der Bau eines 55-Megawatt-Elektrolyseurs inklusive einer Wasserstoff-Tankstelle geplant.

Projekte in Schleswig-Holstein

Unter den vom Bund ausgewählten deutschen Projekten einer europäischen Wasserstoff-Allianz sind drei aus Schleswig-Holstein. Die Entscheidung unterstreiche die Rolle des nördlichsten Bundeslandes als Energiewendeland, teilte der zuständige Minister Jan Philipp Albrecht (Grüne) am 28. Mai mit. „Schleswig-Holstein ist voll auf Kurs, Vorreiter für grünen Wasserstoff zu werden.“ Auf der Liste stehen die drei Wasserstoff-Projekte „Hyscale100“, „Aquaventus“ und „Hyperlink“.

Projekte in Sachsen

In die Auswahl der geförderten Projekte kamen auch mehrere Vorhaben aus Sachsen Anhalt. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sprach am Freitag von einem großen Erfolg. „Damit kann auch aus Sachsen heraus ein aktiver Beitrag zur Dekarbonisierung der deutschen Industrie geleistet werden“, erklärte er. „Nur gemeinsam können wir diesen Transformationsprozess meistern.“

Zu den ausgewählten Projekten aus Sachsen gehört der Verbund „H2-Sara“. Dessen Ziel ist es, Fertigungskapazitäten für sogenannte Elektrolyseure-Anlagen, in denen aus Wasser und Strom Wasserstoff erzeugt wird, von jährlich 6,5 Gigawatt zu schaffen sowie Produktionsanlagen für Brennstoffzellen. Im Vorhaben „Lhyve“ soll in der Region Leipzig eine gesamte Wertschöpfungskette von der Produktion über Speicherung und Transport bis hin zum Endverbrauch von „grünem Wasserstoff“ umgesetzt und mit anderen europäischen Projekten vernetzt werden. Dabei geht es um Bau und Betrieb einer Anlage für synthetischen Flugkraftstoff sowie „grünen Wasserstoff“.

Projekte in Hamburg

Die Bundesregierung hat auch Hamburg im nationalen Vorentscheid des Förderprogramms für den Notifizierungsprozess bei der Europäischen Kommission ausgewählt, teilte der Senat der Hansestadt mit. Betroffen seien Projekte mit einer Investitionslücke in Höhe von rund 520 Millionen Euro. Die Stadt werde über eine auf 30 % festgelegte Kofinanzierung ebenfalls eingebunden.

Projekte im Saarland

Drei Projekte aus dem Saarland haben den Zuschlag im Interessenbekundungsverfahren erhalten. Das Bundeswirtschaftsministerium spricht dabei von einer förderfähigen Investition von rund 400 Millionen Euro – mit einem dreimal so hohen Gesamtinvest.

Im Saarland ist bei den Projekten die Stahlholding Saar dabei, die auch durch den Einsatz von Wasserstoff den Weg zur CO2-neutralen Stahlproduktion gehen will. Oder das Unternehmen Creos, das eine bestehende Gasinfrastruktur nutzen will, um ein grenzüberschreitendes Hochdrucknetz für den Transport von Wasserstoff aufzubauen. Ziel ist ein 100 Kilometer lange Infrastruktur im deutsch-französischen Raum.

Das dritte Projekt stammt von Steag/Siemens Energy: Hierbei soll eine Anlage Strom aus erneuerbaren Energien für die Elektrolyse einsetzen und so grünen Sauerstoff und Wasserstoff erzeugen.

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