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Kennzeichnungsmodell bei Lebensmitteln Lebensmittelampel: Verbraucherfalle oder Aufklärungsmodell

| Redakteur: Nadine Oesterwind

Wird es die Farbskala bald auch in deutschen Supermärkten geben? – Die Kennzeichnung auf der Produktvorderseite soll Verbrauchern den Konsum von gesunden Lebensmitteln erleichtern. Doch Politik, Verbraucherverbände und Lebensmittelindustrie streiten, wie Fertigprodukte gekennzeichnet werden sollen.

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Französische Lebensmittelampel Nutri-Score teilt Produkte in fünf Kategorien ein.
Französische Lebensmittelampel Nutri-Score teilt Produkte in fünf Kategorien ein.
(Bild: ©Lia Aramburu - stock.adobe.com)

Fett, Zucker, Salz – zu viel davon ist schädlich für die Gesundheit des Menschen. Das belegen nicht nur zahlreiche Studien der Weltgesundheitsorganisation, sondern kann jeder mit Blick auf die Waage feststellen. Deshalb soll der Verbraucher mit einem Blick auf die Verpackung erkennen können, wie gesund ein Produkt ist.

Doch wie soll diese Kennzeichnung aussehen? Bislang konnten sich Politik, Verbraucherverbände und Lebensmittelindustrie noch auf keine allgemeingültige Kennzeichnung einigen. Aber alle sind sich einig, dass es eine Lebensmittelkennzeichnung geben soll.

Politik steht unter Zugzwang

Im Koalitionsvertrag haben sich CDU/CSU und SPD drauf geeinigt, dass die Kennzeichnung von Lebensmitteln noch in dieser Legislaturperiode transparenter werden soll. Die Politiker wollen dem Verbraucher möglichst schnell und unkompliziert vermitteln, wie gesund ein Produkt ist. Ernährungswissenschaftler predigen schon seit langem, dass bewusstere Ernährung Diabetes oder Herz-Kreislauf-Krankheiten vorbeugen kann.

Nachbarländer zeigen, wie es gehen kann

Vorreiter Frankreich hat bereits ein Beurteilungssystem auf Fertigprodukte etabliert. Belgien hat diesen Nutri-Score mittlerweile übernommen und beide Länder haben gute Erfahrungen damit gemacht. Jetzt wollen Spanien, Portugal und Luxemburg nachziehen und die französische Farbskala übernehmen.

Den Nutri-Score, den auch deutsche Ernährungswissenschaftler und Institute favorisieren, haben unabhängige Wissenschaftler als fünfstufige Skala entwickelt. Die farbliche Kennzeichnung zeigt dem Verbraucher schnell, wie gesund ein Produkt ist. Deutschland hinkt noch hinterher, obwohl Ernährungswissenschaftler und Verbraucherverbände schon seit Jahren ein vergleichbares Modell fordern.

Jetzt sind einige Lebensmittelunternehmen vorgeprescht und haben den Score übernommen. Danone, Bofrost, Mestemacher, Mc-Cain und Iglo nutzen die Farbskala bereits. Doch das Landgericht Hamburg hat gegen Iglo Mitte April eine einstweilige Verfügung bewirkt und die Kennzeichnung gestoppt. Iglo wehrt sich nun und kündigt umgehend Berufung an.

Pro- und Kontra-Stimmen

Wissenschaftliche Studien belegen, dass Lebensmittelkennzeichnung notwendig ist. Die Ergebnisse heben besonders den positiven Effekt des Nutri-Scores auf das Verbraucherverhalten hervor. Das Max-Ruber-Institut (MRI), Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel kommt zu dem Schluss, dass das französische System eine einfache, transparente und wissenschaftlich fundierte Darstellungsform ist und diese besser abschneidet als andere Modelle.

Das Ergebnis der MRI-Studie spiegelt sich auch in der Ernährungs-Umschau-Studie von 2019. Die Farbskala schnitt in den Analysen bezogen auf alle Lebensmittelkategorien am besten ab und vermittelt Verbrauchern ein besseres Verständnis der Ernährungsqualität.

Neben den aufgeführten Instituten bewertet auch der Verein Foodwatch die Skala positiv. Luise Mollig, Foodwatch-Campaignierin führt auf: „Mit der Nutri-Score-Ampel erkennt jeder auf einen Blick, wie ausgewogen oder unausgewogen verarbeite Lebensmittel sind.“ Auch die Präsidentin der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG) Prof. Martina de Zwaan fordert dazu auf, den Ergebnissen der MRI-Studie zu folgen und die Kennzeichnung in Deutschland zu übernehmen.

Wirtschaftsverbände sehen den Score allerdings kritisch. Günter Tissen, Geschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung für Zucker, sieht in dem Kennzeichnungssystem eine klare Verbraucherfalle und führt auf: „Statt Ampelfarben und Nutri-Score auf unseren Lebensmitteln brauchen wir eine Kalorienangabe prominent auf der Packungsvorderseite.“

Ähnlich kritisch beurteilt der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) die Skala. Die Klassifikation der fünf Stufen würde der Komplexität von Ernährungswissenschaften nicht gerecht werden, so der Verband. BLL-Präsident Philipp Hengstenberg erklärt, Kalorien und Nährstoffe sollten weiterhin differenziert betrachtet werden und verweist auf ein entsprechendes Modell des Verbandes.

Iglo fühlt sich offenbar vom BLL nicht mehr vertreten und hat deshalb in einer Pressemeldung seinen Austritt aus dem Verband erklärt.

Verbraucherabstimmung über Lebensmittelkennzeichnung

Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner sieht bislang in keinem der Kennzeichnungssysteme eine optimale Lösung für den Verbraucher. Deswegen sollen im Sommer 2019 die Verbraucher befragt werden.

Wer nicht warten möchte, bis die rechtliche Lage in Deutschland geklärt ist, kann zur Selbsthilfe greifen und die Open-Food-Facts-App nutzen. Open-Food-Facts ist eine freie Datenbank für Nahrungsmittel einer französischen Non-Profit-Organisation. Verbraucher können Barcodes im Supermarkt scannen und sich Ergebnisse der Skala anzeigen lassen.

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