Petrochemie im Iran Kühne Investition oder Goldgrube?

Redakteur: Dominik Stephan

Wenn die UN-Sanktionen aufgehoben werden, könnte die große petrochemische Industrie im Iran die nächste Goldgrube für ausländische Investoren sein. Allerdings weisen Analysten darauf hin, dass immer noch signifikante Risiken bestehen. Lesen Sie, wie Sie von dieser Entwicklung profitieren können und mit welchen Unsicherheiten sie rechnen müssen, wenn Sie im Golfstaat investieren...

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(Bild: © anekoho - Fotolia)

Der Analyse von IHS Chemicals zufolge gehören zu den Risiken, mit denen Investitionen im Iran verbunden sind, ein extrem hohes politisches Risiko, Rechtsunsicherheit und zahlreiche administrative und bürokratische Hindernisse.

Trotz dieser Nachteile hat der Iran jedoch auch eine Reihe wichtiger Argumente für potenzielle Investitionen in seine petrochemische Industrie, darunter günstige Rohstoffpreise und Zugang zu den wichtigen Märkten: Der Iran besitzt die weltweit viertgrößten nachgewiesenen Ölreserven und die zweitgrößten Reserven von konventionellem Erdgas, der Großteil davon reich an Ethan, einem wichtigen Rohstoff für die Petrochemie. Dies ist umso relevanter, da die Verfügbarkeit chemischer Rohstoffe in anderen Ländern wie Saudi-Arabien, Kuwait und dem Oman zurückgeht.

„Wenn Sie ein globaler Petrochemieproduzent sind und die Investitions- und Wachstumschancen im Iran betrachten und gleichzeitig für einen Moment die beträchtlichen geschäftlichen und politischen Risiken, die damit verbunden sind, außer Acht lassen können, dann ist das eine attraktive Gelegenheit“, sagte Michael Smith, Vice President für Europa, Nahost und Afrika bei IHS Chemical. „Wichtige Akteure in der chemischen Industrie stehen bereits in den Startlöchern, um das Potenzial, das der Iran bietet, zu erkunden, doch sie werden dabei nicht planlos vorgehen. Diese Unternehmen sind es gewohnt, in riskanten Umgebungen zu agieren und signifikante Risiken zu managen – so ist nun mal das Business. Allerdings muss die der Ertrag das Risiko deutlich überwiegen, was sie sehr genau und sorgfältig abschätzen werden."

100 petrochemische Produkte verfügbar

IHS schätzt, dass der Iran derzeit in der Petrochemie über eine Produktionskapazität von knapp 60 Millionen Tonnen (MMT) verfügt. Das Land produziert eine Vielzahl von Petrochemikalien, insgesamt etwa 100 verschiedene Produkte von Essigsäure bis hin zu gemischten Xylolen. Der bei weitem überwiegende Teil dieser Produkte dient der Versorgung der vergleichsweise fortgeschrittenen Industrie des Landes und seiner fast 80 Millionen Einwohner. Einige Produkte sind jedoch auch für Exportmärkte bestimmt. Dies sind vor allem Ethylen, Polyethylen (PE), Methanol und Mono-Ethylenglycol (MEG).

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Die petrochemische Industrie des Iran ist zwar recht diversifiziert, der primäre Fokus liegt jedoch darauf, die gewaltigen Ressourcen an ethanreichem Erdgas im Land auszubeuten. Einerseits wird im Iran Methan aus Erdgas in Methanol und Urea umgewandelt, andererseits werden auch Ethan und andere Erdgaskondensate zur Produktion von Ethylen aufgespalten, welches dann zu PE polymerisiert oder zu MEG weiterverarbeitet wird.

Abgesehen von den attraktiven Ölreserven und dem großen Ethanvorräten wird der Preis von Ethangas auch von der Regierung niedrig gehalten. Im Allgemeinen sind die Produktionskosten von auf Ethan basierendem Ethylen im Iran mit jenen in Saudi Arabien oder Nordamerika zu vergleichen, die zu den niedrigsten der Welt gehören. Sowohl Ethylen wie auch Polyethylen sind wichtige Produkte für die iranische Exportwirtschaft und Analysten erwarten, dass die Aufhebung der Sanktionen es dem Iran ermöglichen würde, die Produktion auszuweiten und innerhalb von 12-24 Monaten eine zusätzliche Million Tonnen Ethylen/Polyethylen zu exportieren.

Smith: „Handelsunternehmen werden begierig darauf sein, auf diese Mengen an iranischem Ethylen und PE zuzugreifen, aber die erwarteten Auswirkungen auf die globale Produktionskapazitäten werden der Analyse von IHS Chemicals zufolge nicht dramatisch sein — weniger als 1 Prozent als derzeit geplant. Nichtsdestotrotz könnte das zusätzliche iranische Ethylen in Form von Polyethylen genau dann auf den Markt kommen, wenn die globalen Produktionskapazitäten in den Jahren 2017-2018 ohnehin auf einem sehr niedrigen Stand sind, was einen gewissen Druck auf die Preise ausüben würde.“

Ein weiteres wichtiges Exportgut für den Iran ist Methanol. Der Iran ist mit einer Kapazität von 5 MMT ein wichtiger Produzent und Exporteur von Methanol, und Methanol-Produzenten profitieren im Iran zusätzlich von äußerst günstigen Produktionskosten. Die Aufhebung der Sanktionen würde die iranischen Planungen in der Methanolproduktion weiter vorantreiben und die Umsetzung zahlreicher vorgeschlagener Projekte beschleunigen. Während der Iran Projekte im Umfang von insgesamt mehr als 20 MMT neuer Methanol-Kapazitäten vorgeschlagen hat, hält IHS eine Erweiterung um ca. 10 MMT bis 2025 für realistischer.

Auswirkungen der Sanktionen auf die petrochemische Industrie im Iran

Der Iran begann Anfang der 2000er Jahre aufgrund der reichen Erdgasvorkommen des Landes mit einem ehrgeizigen Programm zum Ausbau der petrochemischen Industrie. Der ursprüngliche Plan war es, die petrochemische Produktionskapazität von 9 MMT im Jahr 2001 bis zum Jahr 2015 auf 100 MMT jährlich zu erweitern. Aufgrund der strengeren Sanktionen im Bezug auf den Kapital- und Warenfluss sowie dem eingeschränkten Zugang zu erforderlichen Technologie, Teilen und Materialien hat der Iran dieses Ziel jedoch bei weitem verfehlt, so IHS.

Bevor die Sanktionen in Kraft traten, war der Iran ein wichtiger Lieferant von petrochemischen Produkten nach Europa, insbesondere von Ethylen, PE und Methanol. Allerdings sind die Exporte im Bereich der petrochemischen Industrie als direkte Folge der Sanktionen insgesamt nicht signifikant zurückgegangen. Angesichts der Sanktionen wurden diese Produkte einfach nach Asien, Afrika und in einige südamerikanische Länder umgeleitet, hauptsächlich jedoch nach China und Indien. Das Geschäft mit Europa ist jedoch praktisch zum Erliegen gekommen.

Große iranische Cracker-Projekte liegen auf Eis

Eine viel größere Auswirkung der Sanktionen war, dass der Iran nicht mehr in der Lage war, seine Infrastruktur zur Gewinnung und zum Export seiner Öl-/Gas- und Petrochemie- Ressourcen zu erhalten bzw. ausreichende Investitionen zu tätigen, was eine chronisch geringe Auslastung zur Folge hatte, nicht zuletzt bedingt durch regelmäßige Engpässe bei der Versorgung mit Ethan. Die Entwicklung des iranischen Energiesektors wurde durch internationale Sanktionen insofern behindert, als diese verhinderten, dass die notwendigen ausländischen Investitionen und Technologie ins Land kamen.

Seit der Inbetriebnahme von Kavyan 1 Ende 2012 erzielte das Land nur mehr langsame Fortschritte bei Steamcracker-Investitionen, sagt IHS. Fortschritte bei der Kavyan 2-Einheit wurde durch die Sanktionen, die zur Begrenzung der Gaslieferungen führten, verzögert. Die Sanktionen haben auch die Entwicklung der für die Gewinnung von Ethan als Rohstoff nötigen Gasverarbeitung verzögert. Selbst für die vorhandenen Cracker in Bandar Assaluyeh sind Rohstoffe knapp. Zusätzliche Steamcracker-Kapazitäten sind daher erst sinnvoll, wenn die Verfügbarkeit von Erdgas und Ressourcen erhöht wird.

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„Die Aufhebung der Sanktionen auf die Industrie und auf iranische Finanztransaktionen wird Auslandsinvestitionen wieder ankurbeln und die iranische Petrochemie-Industrie zurück auf einen starken Wachstumskurs bringen“, sagte Smith. „Der Iran wird kurzfristig, innerhalb von 12 bis 24 Monaten nach Aufhebung der Sanktionen, den erleichterten Zugang zu ausländischen Kapitalmärkten, Handelsfinanzierung, Ölmärkten und Technologieanbietern schnell ausnutzen.“

Zurück in führender Position: Iran zum Comeback bereit

Die Wiedereingliederung des Iran in die globale Wirtschaft wird laut Smith „die petrochemische Industrie im Land massiv wiederbeleben. Der Iran wird Schritte setzen, um seine wichtige Rolle bei der Belieferung der globalen Märkte mit vielfältig benötigten petrochemischen Produkten wieder einzunehmen. Infolgedessen dürfte das iranische Volk von verstärkter industrieller Entwicklung und höherem Lebensstandard profitieren.“

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