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Pharmabranche am Scheideweg Kommt nach Corona der Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen?

Redakteur: MA Alexander Stark

Expertinnen des österreichischen Gesundheitswesens denken bereits weiter als bis zur nächsten Infektionswelle. Sie sehen die während der Corona-Krise erlebten Grenzen des Gesundheitswesens und die Reaktionen von Seiten des Staates als Chance, schwelende Unzulänglichkeiten des Gesundheitssystems grundlegend zu verbessern. Dazu haben sie nun einen Sammelband veröffentlicht.

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Österreichische Gesundheitsexperten sehen die Pharmabranche nach Corona am Scheideweg.
Österreichische Gesundheitsexperten sehen die Pharmabranche nach Corona am Scheideweg.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Wien/Österreich – Nicht nur in Österreich hat die Corona-Krise viele Stärken, aber auch Schwächen der Gesundheitssysteme ans Licht gebracht. Dabei zeigte sich, dass es Systemen, die auf einer starken öffentlichen Finanzierung und Steuerung fußen, anfangs gut gelang, Kranke und Pflegepersonal ausreichend zu schützen. Auch, dass weltweit binnen kurzer Zeit etwa 8 Milliarden Euro öffentlicher Gelder für Covid-19-Interventionen bereitgestellt wurden, zählt zu diesen Stärken. Doch gleichzeitig offenbarten sich ganz grundsätzliche Schwächen, die zu einer Vulnerabilität der Bevölkerung wie deren Versorgung führen. Diese werden in dem jetzt erschienenen Buch „Wir denken Gesundheit neu! Corona als Chance für eine Zeitwende im Gesundheitswesen“ klar angesprochen und von 37 Expertinnen lösungsorientiert diskutiert. Der Beitrag des Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA) beleuchtet dabei die Erforschung, die Produktion und die Preisgestaltung von Medikamenten und ruft zur Neuregulierung dieses von Kommerz befeuerten Bereichs auf.

Nach Ansicht von Priv. Doz. Dr. phil. Claudia Wild, Direktorin des AIHTA, setzt das jetzige System der Forschungsförderung im Gesundheitsbereich eine starke Priorität auf die Kommerzialisierung – und weniger auf die tatsächliche Krankheitslast in der Gesellschaft. Das hätte zu einer starken Förderung von Forschung zur Bewältigung von Zivilisationskrankheiten geführt – und einer Vernachlässigung der Forschung im Bereich übertragbarer Krankheiten, trotz deren enormen Risikos und Schadenspotenzials. In dem gemeinsam mit Christoph Strohmaier und Gregor Götz verfassten Buchbeitrag „Die Pharmabranche“ führt Dr. Wild dann weitere Schwachpunkte des Gesundheitssystem aus, die nun manifest wurden. So erörtert sie für den Bereich der Medikamentenproduktion insbesondere die logistische Abhängigkeit von Billiglohnländern wie China und Indien, die in Zeiten großer Nachfrage zu Lieferengpässen und Medikamentenverknappung führt.

Die Autorinnen fordern in ihrem Beitrag ein radikales Umdenken zur Thematik wie Medikamente hergestellt und verkauft werden. In den Nachwehen der Corona-Krise sehen sie – trotz der Macht starker Lobbygruppen – erstmals die Chance das zu erreichen. Aus ihrer Sicht wurde der Mythos entzaubert, dass ausschließlich der private Sektor in der Lage sei, technologische Erfolge in der Arzneimittel- und Medizinproduktentwicklung zu liefern. Denn schon jetzt sei der öffentliche Sektor maßgeblich für Fortschritte bei der Erforschung neuer Medikamente verantwortlich. Doch während das Risiko des Scheiterns in der öffentlich geförderten Grundlagenforschung groß ist, werden die kommerziellen Gewinne, die am Ende dieses kostenintensiven Wegs stehen, privatisiert und von Pharmafirmen eingestrichen. Hier kann die Covid-19-Pandemie einen Richtungswechsel bewirken.

Experten fordern Kurswechsel

Für diese Neuorientierung präsentieren sie dann auch konkrete Vorschläge und Ideen. So ist angedacht, öffentliche Forschungs- und Entwicklungsförderungen nur an jene zu vergeben, die bereit sind, vorab definierte Konditionen zum Wohle der Allgemeinheit zu akzeptieren. Im einfachsten Fall ist das ein Bekenntnis zum öffentlichen Zugang zu allen Ergebnissen der so geförderten Forschung sein (Open Science, Open Patentpool). Aber auch die Zusage einer lizenzfreien Verfügbarkeit aller gesundheitswirksamen Produkte aus den öffentlich geförderten Tätigkeiten oder eine Neuregulierung des Patentschutzes (Flexibilisierung) sind angedacht.

Optimistisch stimmt die Autorinnen, dass bereits erste Ansätze ihrer Vorschläge bei einigen aktuellen Covid-19-Initiativen umgesetzt werden: z.T. werden Ziele und Meilensteine vor Vergabe der Fördergelder vereinbart und sogar die Konditionen des Marktzugangs wirksamer Medikamente aus den Forschungsaktivitäten teilweise bereits zu Beginn festgelegt.

Mit ihren Kritikpunkten und Lösungsansätzen bewegen sich die Expertinnen des AIHTA sowie ihre Autorenkolleginnen im Gleichklang mit der UN und der EU, die zunehmend eine Entflechtung der Forschungs- und Entwicklungskosten von den Endpreisen der Medikamente oder sogar eine vollkommene Entflechtung der Arbeitsschritte in der Wertschöpfungskette debattieren.

Quelle: Sprenger, Martin und Martin Schriebl-Rümmele (Hg.): Wir denken Gesundheit neu! Corona als Chance für eine Zeitenwende im Gesundheitswesen. Unteraichwald: Ampuls Verlag 2020. ISBN 978-3-9519818-0-2

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