Soda ohne Kohle Kohleausstieg am Niederrhein: So plant Solvay das Aus für das Grubengold

Autor / Redakteur: Dominik Stephan* / Dominik Stephan

Das Solvay-Werk Rheinberg soll in zwei Schritten auf Biomasse­kessel umsteigen – Soda ohne Kohle: daran arbeitet die belgische Solvay-Gruppe in Rheinberg. Das Projekt „Woodpower“ soll nicht nur den Kohleausstieg in die Soda-Produktion am Niederrhein bringen, sondern zusätzlich Modellcharakter für andere Standorte des Unternehmens haben.

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Solvay hat sich vorgenommen, bis 2025 die Kohlenutzung am Standort Rheinberg aufzugeben.
Solvay hat sich vorgenommen, bis 2025 die Kohlenutzung am Standort Rheinberg aufzugeben.
(Bild: Johannes Kefferpütz)

Es ist ein ungewöhnlicher Anblick für eine Basischemie-Produktion: Auf dem Gelände des Industrieparks Solvay Rheinberg, einem Chemiestandort in Nordrhein-Westfalen mit über einem Jahrhundert Geschichte, ragen zwei zylindrische Silos in die Höhe. Bauwerke, die man so eher in der Lebens- oder Futtermittelproduktion oder einem Sägewerk vermuten würde. Doch auch wenn die beiden grauen Türme neben dem Ziegelrot des weithin sichtbaren Solvay-Kamins unscheinbar wirken, handelt es sich nicht um Überbleibsel aus der Standort­geschichte. Im Inneren der Silos lagert der Rohstoff, auf den Standortbetreiber Solvay die Zukunft der Soda-Produktion am Niederrhein aufbauen will: Holzschnitzel.

Genauer: Altholzschnitzel aus Recyclingholz. „Woodpower“ nennt das Chemie-​unternehmen das Projekt, mit dem das Sodawerk Rheinberg den Kohleausstieg schaffen soll. Das ist auch nötig, wenn man es mit der Nachhaltigkeit ernst meine, glaubt Philippe Kehren, der bei Solvay das Soda- Geschäft leitet: „Unsere Produkte sind umweltfreundlich, aber wir müssen die Auswirkungen unserer Prozesse kontinuierlich reduzieren“, erklärt er. Doch schon 2030, so Kehren, will die Solvay-Gruppe vollständig auf Kohle für die Energieerzeugung verzichten.

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Chemie ohne Kohle? De-Fossilierung dank Altholz

Bis dahin ist es ein weiter Weg: Soda (oder Natriumcarbonat) mit der Summenformel Na2CO3, wird typischerweise im nach Ernest Solvay benannten Solvay- Verfahren aus Kalkstein (CaCO3) und Kochsalz gewonnen. Die Energie, um den nötigen Prozessdampf zu generieren, stammt dabei in aller Regel aus Kohle. Und auch wenn in Rheinberg in den nächsten Jahren die Kohlehalde an der Xantener Straße ein gewohnter Anblick bleiben wird: Mittelfristig sind die Tage des „Grubengoldes“ am Standort gezählt.

Zunächst soll ab Mitte 2021 durch eine Biomasse-befeuerte Kraft-Wärme-Kopplungsanlage der Einsatz fossiler Brennstoffe in Rheinberg um etwa 25 Prozent sinken. Die Anlage (geliefert von der Firma Aalborg) ist für eine eingebrachte Brennstoffwärme von 90 MWt und einen Kesselwirkungsgrad von 92 Prozent ausgelegt.

Dazu kommt eine 15 Megawatt Dampfturbine, die aus der im Abdampf enthaltenen Energie noch Strom für rund 30.000 Rheinberger Haushalte erzeugen soll, erklären die Betreiber. Und das ist nicht das Ende: Bis 2025 sollen in einer zweiten Projektphase durch einen weiteren Biomassekessel die Kraftwerkskohle gänzlich überflüssig werden und der CO2-Ausstoß gegenüber 2018 um rund 65 Prozent sinken.

Ausgerechnet die Firma also, nach der mit dem Solvay-Verfahren das meistgenutzte Verfahren zur Herstellung von Natriumcarbonat benannt ist, plant den Kohle-Ausstieg. Das klingt vielleicht über­raschender, als es ist: Immerhin betont Ilham Kadri, seit 2019 CEO der Solvay-Gruppe, dass die Chemie – nach Kadri die „Mutter aller Industrien“ – sich neu erfinden müsse. Demonstrativ hatte die Managerin, die sich selbst als „Aktivistin“ bezeichnet, bei ihrer Amtsübernahme das Unternehmen auf die Ziele des Pariser Klimaabkommens eingeschworen. Konkrete Schritte in Richtung Nachhaltigkeit will die Solvay- One-Planet-Roadmap skizzieren: „Wir wollen zeigen, dass die europäische Soda-Produktion nachhaltig werden kann“, bekräftigt Kehren. Immerhin würde auch in Zukunft der Löwenanteil des Natriumcarbonats nach dem Solvay- Verfahren hergestellt werden.

Es geht auch ohne Kohle: Das Solvay-Verfahren wird grün(er)

Rheinberg kommt in diesem Zusammenhang eine Sonderstellung zu. Insgesamt soll das Woodpower-Projekt nicht nur die Gesamt- Treibhausgasemissionen der Solvay-Gruppe um etwa vier Prozent senken, sondern als Modell für andere Standorte dienen. Die Idee ist allerdings schon älter: Bereits 2014 begann ein Entwicklungs-Projektteam, nach Alternativen zur Kohle zu suchen, erzählt Norbert Mülders, Werkleiter und Geschäftsführer bei Solvay Chemicals in Rheinberg.

Dabei ginge es allerdings nicht immer um die Nutzung von Holzresten: „Wir produzieren an insgesamt sechs Standorten in Europa Soda“, bestätigt Kehren. „Jedes dieser Werke muss eine für die jeweiligen Gegebenheiten passenden Lösung finden.“ In Rheinberg setzt die Nutzung von lokal verfügbarem Abfallholz eine lange Tradition der Verbundwirtschaft und regionalen Verflechtung fort. So kommt etwa das für die Soda-Produktion benötigte Salz als flüssige Sole aus dem etwa 60 Kilometer entfernten Epe im Landkreis Borken, während der Kalkstein in Belgien gebrochen wird.

Auch das Holz für die Wood­power-Kessel soll aus dem erweiterten Umkreis von 150 Kilometern um Rheinberg bezogen werden. Hier stünde genug Restholz zur Verfügung, um auch für die geplante zweite Projektphase gerüstet zu sein, ist sich Standortmanager Mülders sicher. Nach erfolgreichen Tests im Mai 2021 steht nun der Startschuss für den Einsatz in der Produktion unmittelbar bevor.

Heute an morgen denken: Soda ohne Kohle in innovativer Tradition

Vom Saulus zum Paulus: Die Chemieindustrie, lange als Umweltsünder gebrandmarkt, habe in Sachen Nachhaltigkeit echte Lösungen anzubieten, ist sich Philippe Kehren sicher. Tatsächlich kommt vom Elektroauto bis zur Wärmedämmung kaum ein Zukunftsthema ohne Vorprodukte aus der Chemieindustrie aus. Zugleich ist die Branche als Energie- und rohstoffintensive Industrie „Teil des Problems, aber auch der Lösung.“

Es braucht also neue Wertschöpfungsketten, wenn die Branche ihre Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas hinter sich lassen will – dafür muss die Chemie häufig gar nicht alles anders machen, sondern sich auf ihre Innovationskraft zurückbesinnen. Damit stehen die Ingenieurinnen und Ingenieure von heute in bester Tradition: Schon Ernest Solvay, einer der Gründer des gleichnamigen Chemieunternehmens, schrieb im 19. Jahrhundert seinem Vater: „Um die Zukunft zu sichern, muss ich heute Opfer bringen.“

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