Mischtechnologie für Kautabak Kau, Boy! So wird der Mischer zum Reaktor

Autor / Redakteur: Roman Weckerle* / Dr. Jörg Kempf

Modernste Mischtechnologie für ein traditionelles Produkt – Tabak ist ein Naturprodukt und niemals völlig gleich – trotzdem wollen Kautabak-Fans nicht auf den gewohnten Geschmack und die Konsistenz verzichten. Für die Hersteller eine verfahrenstechnische Herausforderung, da Mischen, Temperieren und das sogenannte Soßieren quasi gleichzeitig in einem Prozessschritt erfolgen.

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Schnelle Befüllung, kurze Mischzyklen bei hoher Homogenität und eine variable Füllmenge bei gleichbleibender Mischgüte sind in der Kautabak-Produktion gefragt.
Schnelle Befüllung, kurze Mischzyklen bei hoher Homogenität und eine variable Füllmenge bei gleichbleibender Mischgüte sind in der Kautabak-Produktion gefragt.
(Bild: Gebr. Ruberg)

Als sich Christoph Columbus 1492 mit der Santa Maria aufmachte, einen kürzeren Seeweg nach Indien zu erkunden, entdeckte er nicht nur einen neuen Kontinent, sondern auch Menschen, die genussvoll die Blätter einer Pflanze kauten. Bei seiner Rückkehr hatte er einige dieser „Tabak“-Pflanzen an Bord und weckte die Neugier der Europäer. Diese taten es den Ureinwohnern Amerikas gleich, kauten die getrockneten Blätter und waren von deren Geschmack und Wirkung begeistert. Da insbesondere auch die Heilwirkung der Tabaksäfte geschätzt wurde, stieg die Zahl der Konsumenten seit dem 16. Jahrhundert kontinuierlich an, und die nikotinhaltige Pflanze eroberte in kurzer Zeit das Abendland. Tabak wurde gekaut und zunehmend auch geraucht.

Gehörten früher die Tabakpfeifen zum Alltagsbild, waren es in den letzten Jahrzehnten vornehmlich Zigarren, Zigarillos und Zigaretten. Wo das Rauchen aufgrund von Brandgefahren jedoch nicht erlaubt war, hielten es Tabakfreunde wie die alten Seefahrer und genossen den durch das Nikotin erzeugten „Kick“ in Form von Kautabak.

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Totgeglaubte leben länger: Durch die Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes 2008 erfährt Kautabak eine Renaissance. Der Nachfrage der Fans tragen die (mittlerweile nur noch wenigen) Kautabakhersteller Rechnung, die ihre Produktionen ausweiten und dabei an der traditionellen Herstellung festhalten: Die Basis bilden nach wie vor stark nikotinhaltige Rohtabake, deren Blätter nach der Ernte über einem Hartholzfeuer getrocknet werden. Durch diese Behandlung erhält der Tabak sein Aroma. Anschließend werden die getrockneten Blätter fermentiert und eine bestimmte Zeit lang zur Reifung gelagert.

Grundoperationen 101: Darum steht Mischen im Mittelpunkt

Um neben dem „naturreinen“ Tabak unterschiedliche Aromen anbieten zu können, wird der Tabak soßiert: Das bedeutet, dass er in Fruchtessenzen aus z. B. Minze, Menthol, Apfel, Lakritze oder Apfelsinen getränkt wird und so eine eigene Note erhält. Für die Herstellung eines hochwertigen Kautabaks sind dabei langjährige Erfahrung und ein enormes Fachwissen Voraussetzung. Doch das allein genügt nicht immer, denn um am heiß umkämpften Markt bestehen zu können, bedarf es auch in dieser Branche einer wirtschaftlichen Arbeitsweise.

Eines der wesentlichen Grundverfahren dabei ist das Mischen, bei der eine homogene Grundmischung bei gleichzeitig schonender Produktbehandlung erzielt werden soll. Doch nicht nur das: Auch produktionsbedingte Feinstäube sollten nach Möglichkeit nahezu gänzlich vermieden werden. Auch gilt es, bei jeder Charge die Grundfeuchtigkeit des Ursprungsproduktes auf ein äquivalentes und reproduzierbares Level zu bringen, um den Konsumenten gleichbleibend die gewohnte Produktqualität zu bieten.

Die dafür nötigen Prozesse finden am besten parallel zum Mischen statt, um ein Temperaturgefälle, welches dem Produkt Wärme entziehen würde, zu vermeiden. Dadurch wird der Mischer ganz nebenbei zum Temperierreaktor, der das Produkt auf Temperatur bringt und zugleich für eine gleichmäßige Wärmeverteilung sorgt.

Mischer? Reaktor? Warum nicht beides!

Apparate wie der Ruberg-Reaktor-Chargenmischer sollen dabei helfen, die Qualität des Naturprodukts Tabak zu bewahren und zugleich die Misch- und Temperierzeiten möglichst kurz zu halten. Dafür setzen die Misch-Experten auf ein Aktiv-Gewinde, durch das bereits während der Hubarbeit mit dem Mischen begonnen wird. Eine Feuchtemesssonde im Boden analysiert die Feuchtigkeit des Tabaks und regelt dementsprechend über die Flüssigkeitslanzen die Zugabe der für die Soßierung benötigten Essenzmenge.

Die Dosierung kann – je nach Medium – als Einstofflanze für leicht zu handhabende Produkte oder als beheizte Zweistofflanzen, die eine zuvor erwärmte Flüssigkeit auf Temperatur halten und mithilfe komprimierter Umgebungsluft feinst zerstäuben, ausgeführt werden. Soll eine Reaktion mit dem Luftsauerstoff vor dem Auftreffen auf das Produkt vermieden werden, können auch Stickstoff oder andere Schutzgase eingesetzt werden.

Zitate aus der Prozessindustrie – so denkt die Branche
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Damit die wertvollen Aromen nach erfolgter Soßierung nicht mit den Brüden versickern, werden der Reaktor-Doppelmantel und das Mischwerkzeug anschließend geregelt heruntergekühlt. Eine produktschonende Temperierung des Kautabaks ist somit sichergestellt. Anschließend kann das fertige Produkt ausgetragen und weiterverarbeitet werden – zur Freude der Kau-Boys und -Girls.

* * Der Autor ist Vertriebsexperte bei der Gebr. Ruberg Maschinenfabrik, Nieheim.

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