Exklusiv-Interview Kunststofftechnik K-Vorberichte: Anlagenbau profitiert von guter globaler Konjunktur in der Kunststoffindustrie

Autor / Redakteur: Dipl.-Ing. Sabine Mühlenkamp / Dr. Jörg Kempf

Wie sich Apparatebauer auf den Wachstumsmarkt Kunststoffindustrie einstellen, berichtet Wolfgang Horn, Geschäftsführer der Zeppelin Silos & Systems in Friedrichshafen im Gespräch mit PROCESS.

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Wolfgang Horn, Geschäftsführer der Zeppelin Silos & Systems: „Eine besondere Bedeutung hat momentan der nahe und mittlere Osten. Hier entstehen neue Megaanlagen mit Produktionskapazitäten von über einer Million Jahrstonnen pro Anlage.“
Wolfgang Horn, Geschäftsführer der Zeppelin Silos & Systems: „Eine besondere Bedeutung hat momentan der nahe und mittlere Osten. Hier entstehen neue Megaanlagen mit Produktionskapazitäten von über einer Million Jahrstonnen pro Anlage.“
( Archiv: Vogel Business Media )

Herr Horn, wie beurteilen Sie die generelle wirtschaftliche Situation in der Kunststoffindustrie?

Horn: Die Kunststoffindustrie profitiert von der guten globalen Konjunktur. Dies gilt sowohl für die Kunststoff herstellende als auch für die Kunststoff verarbeitende sowie die Chemieindustrie. Die Produktionskapazitäten sind überall auf hohem Niveau ausgelastet. Der Kunststoffverbrauch wächst derzeit weltweit nachhaltig. In bestimmten Bereichen kann man sogar von einer Überhitzung des Marktes sprechen.

Wie wirkt sich dies auf den Anlagenbau aus?

Horn: Die Nachfrage nach neuen Produktions- und Verarbeitungsanlagen kann auf Grund von fehlenden Kapazitäten bei den Maschinen- und Anlagenbauern nicht immer im Sinne des Marktes befriedigt werden. Teilweise führen Engpässe im Rohstoffbereich zu dramatischen Kostenerhöhungen in laufenden Projekten. Dies hat zur Folge, dass Projekte verschoben bzw. gar nicht realisiert werden.

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Inwiefern haben sich die Anforderungen für den Siloanlagenbauer in den vergangenen Jahren geändert?

Horn: Diese Frage muss in zwei Richtungen beantwortet werden.

1. Durch die Globalisierung der Kunststoffindustrie in den vergangenen Jahren ist es auch für uns als Silo- und Anlagenbauer erforderlich, in den Regionen, in denen unsere Kunden investieren, präsent zu sein. Zeppelin ist in allen wesentlichen Märkten und Regionen mit eigenen Tochtergesellschaften präsent. Dies sind China, Indien, Singapur, Italien, England, Belgien, Brasilien und USA. Eine Repräsentanz in Russland und Saudi Arabien befindet sich im Aufbau.

2. Neben der globalen Ausrichtung haben sich auch die Anforderungen an die Technologie stark verändert. Die Produktionskapazitäten der Anlagen sind gewaltig gestiegen. Durchsatzleistungen von 80 bis 100 Tonnen pro Stunde sind heute zum Standard geworden. Dies erfordert eine kontinuierliche Weiterentwicklung unserer Komponenten und Verfahren, um diesen Entwicklungen gerecht zu werden. Zur Absicherung der Anlagenauslegungen, aber auch zur Weiterentwicklung der Produkte und Verfahren steht Zeppelin das weltgrößte Technikum für Schüttgüter am Standort Friedrichshafen zur Verfügung.

Wo befinden sich derzeit Ihre wichtigsten Märkte?

Horn: Generell verzeichnen wir einen hohen Auftragseingang in allen Marktregionen, die Zeppelin bedient. Dies sind Nord- und Südamerika, Europa und Asien. Eine erfreuliche Tendenz weist auch Osteuropa und hier ganz speziell Russland auf. Eine besondere Bedeutung hat momentan der nahe und mittlere Osten. In dieser Region, ganz speziell jedoch in Saudi Arabien, entstehen neue Megaanlagen mit Produktionskapazitäten von über einer Million Jahrstonnen pro Anlage. In diesem Markt konnte sich Zeppelin in den letzten Jahren sehr gut etablieren und profitiert nun von diesem Boom. Ein weiterer wichtiger Markt für uns ist China, der nach wie vor eine sehr hohe Investitionstätigkeit aufzeigt.

Gibt es Unterschiede zwischen nationalen und internationalen Märkten?

Horn: Da die Kunststoffindustrie global aufgestellt ist, bauen die Anforderungen an Anlagen überwiegend auf den gleichen Standards und Spezifikationen auf. Natürlich sind uns Projekte aufgrund der geographischen Nähe und der nicht vorhandenen sprachlichen Barrieren im nationalen Bereich sehr willkommen. Allerdings werden große Investitionen in Deutschland wie z.B. Anlagen der Firma Borealis in Burghausen bzw. Sabic in Deutschland nach den gleichen internationalen Gepflogenheiten abgewickelt und daher an die Projektabwicklung gleich hohe Anforderungen gestellt wie ein internationales Großprojekt. Die Abwicklung von internationalen Großprojekten erfordert eine hohe interkulturelle Kompetenz unserer Projektleiter und Mitarbeiter. Besonders hervorzuheben sind hier Projekte im Nahen und Mittleren Osten wie z.B. in Saudi Arabien, in dem nicht nur die kulturellen, sondern auch die Umweltbedingungen eine große Herausforderung an die Mitarbeiter vor Ort stellen.

Wie reagieren Sie als Turn Key Lieferant auf die unterschiedlichen Gegebenheiten?

Horn: Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist, die Kunden so nah wie möglich vor Ort zu bedienen. Deshalb hat Zeppelin in allen Regionen eigene Tochtergesellschaften aufgebaut, aus denen heraus Vertriebs-, Abwicklungs- und Produktionsleistungen erbracht werden können. Zugleich wird über diese Tochtergesellschaften der lokale Beschaffungsmarkt ausgeschöpft, um Transportkosten und Einfuhrzölle zu vermeiden. Große Silos und Mischer werden heute im Umfeld der entstehenden Anlagen zusammengebaut, um die Transportkosten zu minimieren. Dazu stehen weltweit eigene mobile Montageteams zur Verfügung. In Saudi Arabien hat Zeppelin ein Joint Venture mit einem saudischen Partner zur Silo- und Mischerfertigung in der Nähe von Al Jubail gegründet.

Wird die gute wirtschaftliche Situation für die Kunststofferzeuger und -verarbeiter anhalten?

Horn: Die Kunststoffindustrie bewegt sich in einem Zyklus. Der wesentliche Teil der guten wirtschaftlichen Situation in der Kunststoffindustrie liegt darin begründet, dass weltweit sowohl in der Kunststoffherstellung als auch in der Kunststoffverarbeitung große Kapazitäten neu aufgebaut werden. Aus heutiger Sicht kommen diese Kapazitäten in den nächsten ein bis zwei Jahren in den Markt. Dies wird, selbst bei einem weiteren nachhaltigen Verbrauchswachstum, zu einem Preisdruck und in der Folge zu einem Margenverfall bei den Kunststoffherstellern führen. Diese Situation werden die Kunststoffverarbeiter für sich nutzen können. Damit wird die gute konjunkturelle Lage der Kunststoffindustrie auch für die nächsten zwei bis drei Jahre andauern.

Herr Horn, vielen Dank für das Gespräch.

Die Autorin ist redaktionelle Mitarbeiterin bei PROCESS.

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