Kritik an „Dream Production“ Ist die stoffliche Nutzung von Kohlendioxid Öko-Schwindel?

Redakteur: M.A. Manja Wühr

Seit mehren Jahren forscht Covestro gemeinsam mit der RWTH Aachen und der Technischen Universität Berlin an einem Verfahren, um Kohlendioxid als Rohstoff in Polyole einzubauen. Nun äußern verschiedene Umweltschützer Zweifel an der Nachhaltigkeit des Verfahrens. Und auch Covestro bezieht Stellung.

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Am Standort Dormagen entwickelt Covestro gemeinsam mit der RWTH Aachen und der TU Berlin, um das Treibhausgas Kohlendioxid in industriellem Maßstab nun auch zur umweltverträglichen Herstellung von Elastomeren einzusetzen. Nun melden sich kritische Stimmen zu Wort.
Am Standort Dormagen entwickelt Covestro gemeinsam mit der RWTH Aachen und der TU Berlin, um das Treibhausgas Kohlendioxid in industriellem Maßstab nun auch zur umweltverträglichen Herstellung von Elastomeren einzusetzen. Nun melden sich kritische Stimmen zu Wort.
(Bild: Covestro)

Düsseldorf – Zusammen mit Hochschul-Partnern arbeitet Covestro in dem Projekt „Dream Production“. Ziel ist es, im kommerziellem Maßstab Kohlendioxid als Rohstoff in Polyole einzubauen - zentrale Vorprodukte zur Herstellung von Schaumstoff. process.de berichtete. Im Juni soll am Standort Dormagen eine entsprechende Produktionsstraße in Betrieb genommen werden. Nun melden sich verschiedene Umweltschützer und Wissenschaftler zu Wort, die vor allem die Energieeffizienz der Aktivierung von Kohlendioxid in Frage stellen.

Dr. Hermann Fischer, Präsidiumsmitglied des Naturschutzbundes (NABU), Gründer der Auro AG und Autor des Buchs "Stoff-Wechsel": „Man kann sich kaum eine ökologisch katastrophalere Strategie ausdenken, als ausgerechnet das auf dem niedrigsten Energielevel ruhende Molekül CO2 zum Aufbau komplexer, energiereicher Verbindungen nutzen zu wollen. Die Physik kann man nicht überlisten - der riesige energetische Abstand zwischen CO2 und komplexen Kohlenstoff-Verbindungen ist eben nur mit ebenso riesigem Energieaufwand zu überwinden. Nur Illusionäre glauben, man könne diesen Energieeinsatz aus regenerativen Quellen beziehen. Wir brauchen die regenerative Energie viel dringender für die Energiewende. Es gibt nur ein System, das Kohlendioxid nachhaltig und mit regenerativer Energie in komplexe chemische Stoffe umwandelt: Pflanzen in einer intakten Biosphäre (Photosynthese).

Dass man ausgerechnet CO2, also das am wenigsten geeignete Molekül, als Synthesegrundlage propagiert, hat ganz andere Gründe: Billige Pseudo-Öko-PR. Es macht sich einfach gut, mit einem Verfahren zu prahlen, welches das „böse“ CO2 in harmlose und nützliche Verbindungen umwandelt. PR-Strategen haben daher Kohlendioxid zum neuen Lieblings-Spielzeug der Chemie erwählt. Man baut darauf, dass die Öffentlichkeit den energetischen und verfahrenstechnischen Irrsinn hinter dieser Aktion nicht hinterfragt.“

Manuel Fernández vom Bereich Chemikalienpolitik des Bundes für Umwelt und Naturschutz: „Der Einsatz von Kohlendioxid bei der Produktion von Polyurethan stellt aus Sicht des BUND keinen echten Fortschritt in Sachen Klimaschutz dar. Wenn BAYER im Zusammenhang mit diesem neuen Verfahren von einem „ganzheitlichen Ansatz zur Nachhaltigkeit“ spricht, muss sich die Konzernleitung nicht über den Vorwurf wundern, Öko-PR in eigener Sache zu betreiben. Der Nutzen eines solchen Verfahrens ist schon angesichts des benötigten Energieaufwands fragwürdig und steht in keinem Verhältnis zu den Mengen an CO2, mit denen wir alljährlich die Umwelt belasten. Ein ganzheitlicher Ansatz zur Nachhaltigkeit führt für den BUND nach wie vor nur über eine drastische Reduzierung der Kunststoffproduktion und des Einsatzes von fossilen Brennstoffen.“

Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, Chemiker und langjähriges Mitglied der Kommission für Anlagensicherheit: „Es handelt sich hierbei nicht um eine Dream Reaction, sondern um eine Reaktion der Illusionen. Eine mögliche Nutzung von CO2 in der Kunststoff-Produktion spielt angesichts der um Zehnerpotenzen größeren Mengen, die bei energetischen Verbrennungsprozessen freigesetzt werden, eine zu vernachlässigende Rolle. Dies zeigt schon ein Blick auf die Zahlen: BAYER will 5.000 Tonnen Polyol auf CO2-Basis herstellen und hierbei 1.000 Tonnen Kohlendioxid einsetzen. Das ist gerade mal ein Tausendstel des jährlichen CO2-Ausstoßes von BAYER in Höhe von rund fünf Millionen Tonnen.“

Prof. Dr. Gerd Liebezeit, Meeres-Chemiker: „Selbst wenn hocheffektive Katalysatoren zur Verfügung ständen (deren Herstellung ja auch wieder Energie kosten würde), wird für die Produktion noch immer Energie in großer Menge benötigt. Das ist Greenwashing, mit dem sich das Unternehmen ein grünes Mäntelchen umhängen möchte. Ökologisch akzeptabel ist nur der Einsatz langlebiger Kunststoffe mit intelligentem Design, die später recycelt werden können. Kurzlebige Kunststoffe wie Einmalverpackungen und Plastiktüten müssen ganz vermieden werden.“

Lesen Sie auf Seite 2 die Stellungnahme des Covestro-Pressesprechers Stefan Paul Mechnig.

Stellungnahme des Covestro-Pressesprechers Stefan Paul Mechnig: „Das neue Verfahren zur Nutzung von Kohlendioxid in der Kunststoffproduktion, das Covestro gemeinsam mit Partnern bis an die Schwelle der Marktreife entwickelt, ist nachhaltig und ökologisch wie ökonomisch sinnvoll. Der Hauptzweck: Damit kann teilweise Erdöl ersetzt werden, auf dem Kunststoffe üblicherweise komplett beruhen. Ein Beitrag zur Ressourcenschonung und zur Erweiterung der Rohstoffbasis in der chemischen Industrie. Das Klimaschutzpotenzial des neuen Verfahrens ist naturgemäß gering, doch ist dies auch keineswegs die Hauptintention.

Die Ökobilanz dieses Verfahrens wurde eingehend von Wissenschaftlern der RWTH Aachen University am Lehrstuhl für Technische Thermodynamik untersucht. Das Ergebnis: Das neue Verfahren zur Herstellung CO2-haltiger Polyole benötigt deutlich weniger fossile Rohstoffe und weniger Energie als das herkömmliche Verfahren. Somit emittiert es insgesamt auch weniger CO2. Der Hauptgrund für diese Einsparung liegt darin begründet, dass im neuen Verfahren ein energie- und emissionsintensiver Ausgangstoff für die Polyol-Synthese, das sogenannte Epoxid, eingespart und durch CO2 ersetzt werden kann.

Generell gilt: Je mehr Epoxid durch CO2 ersetzt werden kann, umso besser ist die CO2-Bilanz. Da jedoch der CO2-Gehalt Einfluss auf die vielfältigen Eigenschaften des späteren Produkts haben wird, variiert der genaue Gehalt abhängig vom individuellen Einsatzzweck der Produkte. Theoretisch möglich wären bis zu 43 Prozent CO2-Anteil im Polyol, realistischer Bereich für die geplanten Polyurethan-Produkte ist ein deutlich zweistelliger Prozent-Betrag.

Eine detaillierte Beispielrechnung: Bei einem CO2-Gehalt von 20 Prozent ergeben sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette Einsparungen in der Größenordnung von 0,3 kg Öl-Äquivalenten (entspricht -15% fossile Rohstoffe gegenüber 0% CO2-Gehalt) und größenordungsmäßig 0,4 bis 0,6 kg CO2-Äquivalenten (entspricht -13% Treibhausgas-Emissionen) pro kg Polyol. Bezogen auf die verwendete CO2-Menge werden Emissionen in Höhe von ca. 2 kg CO2-Äquivalente pro kg verwendetem CO2 eingespart.

Wichtig vor allem: Es braucht keine Energie von außen zugeführt werden, um das thermodynamisch extrem stabile und damit reaktionsträge CO2 zur Reaktion zu bringen. Die nötige Energie liefert der Reaktionspartner Propylenoxid selbst. Um die Reaktion zu steuern und die Aktivierungsenergie niedrig zu halten, ist zudem ein spezieller Katalysator nötig. Diesen Katalysator hat Covestro zusammen und wissenschaftlichen Partnern entdeckt.“

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