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Streit um Wireless-Standard

Interview mit der Namur zum Wireless-Clash

| Redakteur: Frank Jablonski

Nach den jahrelangen Diskussionen um einen einheitlichen Feldbusstandard scheint sich nun die Geschichte beim Thema Wireless zu wiederholen. Mit Wireless HART und ISA100.11a unterstützen Zulieferer zwei unterschiedliche Standards, die sich sehr ähnlich sind. Nach dem Feldbuskriegen ist nun der Wireless-Clash da. PROCESS fragte bei den Anwender-Vertretern der Namur nach.

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Neben der kabelgebundenen Anbindung von Feldgeräten werden immer häufiger auch drahtlose Lösungen angeboten. Einige Instrumentierungs-Hersteller sehen in der Wireless-Technologie deutliche Vorteile bezüglich Installationskosten, Engineering-Aufwand oder Plant Asset Management. Doch statt "einfach nur" eine neue Facette in die Prozessautomation einzufügen, entwickelt sich hier ein ernsthafter Konflikt. Seit etwa einem Jahr werden zwei Industrie-Standards WirelessHART und ISA100 parallel entwickelt, ein dritter entsteht derzeit in Asien.

Die Namur hat sich bei diesem Thema vehement für nur einen Standard ausgesprochen. PROCESS fragte bei Dr. Wolfgang Morr, dem Geschäftsführer der Namur, und Martin Schwibach, Obmann des Namur-Arbeitskreis "Wireless Automation" nach:

PROCESS: Herr Dr. Morr, Herr Schwibach, warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, sich auf einen Standard zu einigen?

Morr: Die NAMUR und ihre Mitgliedsunternehmen haben Erfahrungen mit ähnlichen Situationen. Auch bei der Einführung der Feldbustechnologie in der Prozessindustrie gab es konkurrierende Standards. Die damit verbundene Beeinträchtigung der Investitionssicherheit hat die Anwender davon abgehalten, den Feldbus im technisch möglichen Ausmaß einzuführen und damit die mit ihm verbundenen Potenziale zu nutzen. Standards sind wichtig, um den Wettbewerb bei den Produkten und Lösungen zu unterstützen. Wettbewerb zwischen Standards ist kontraproduktiv.

Schwibach: Ergänzen möchte ich, dass für uns Endanwender vor allem der Zusatznutzen, der durch neue Technologien in Produktionsprozessen gehoben werden kann, im Mittelpunkt steht. Dieser Zusatznutzen liegt primär in neuen, innovativen Anwendungsfeldern der Prozessautomatisierung. Dabei erwarten wir vor allem, dass unsere Kernanforderung an die Nachhaltigkeit dieser Technologien erfüllt werden, die wir vielfach niedergeschrieben und kommuniziert haben. Unterschiedliche Standards für die Prozesskommunikation behindern dies, wie die Erfolgsstory des 4-20 mA Einheitssignals im positiven Sinn und das Drama des Feldbuskriegs als Negativbeispiel beweist.

PROCESS: Die Standpunkte beim Thema Wireless-Standards scheinen sich eher voneinander zu entfernen, statt auf einander zuzubewegen. Zumindest hat jüngst Yokogawa klare Position für ISA100.11a bezogen. Waren Vertreter des japanischen Herstellers nicht mit am Tisch, als die Namur versucht hat, eine gemeinsame Lösung zu finden?

Morr: Vertreter von Yokogawa waren mit am Tisch und haben auch deutlich ihre Unterstützung der Konvergenzbemühungen ausgedrückt. Wir werden das Gespräch mit Yokogawa suchen, um mehr über die Hintergründe dieser Stellungnahme zu erfahren.

PROCESS: Herr Schwibach, auf der letztjährigen Namur-Sitzung haben Sie einen Feldtest für WirelessHart-Komponenten vorgestellt. Welche Rolle spielten dabei speziell die zwei unterschiedlichen Standards?

Schwibach: Ziel des Tests war es, primär den Nutzen von drahtlosen Sensornetzwerken in unseren Produktionsprozessen zu untersuchen. Hierzu haben wir frühzeitig allen Herstellern angeboten, in einem Feldtest die Tauglichkeit der entwickelten Geräte und Lösungen unter Beweis zu stellen. Zum Start des Feldtest im Frühjahr 2009 waren dann auf dem Markt vor allem WirelessHART Produkte verfügbar, mit denen wir unsere Anwendungsfälle verfizieren konnten. Wir waren von Beginn an mit allen Lieferanten im Gespräch und haben stets darauf hingewiesen, dass wir die Technologien neutral anhand der Kriterien, die in der NE124 definiert sind, untersuchen. Bis heute sind für uns keine Produkte nach dem ISA100.11a-Übertragungsprotokoll verfügbar. Die Hauptforderungen nach Interoperabilität der verfügbaren Geräte kann aber nur durch einen einheitlichen Standard erfüllt werden.

PROCESS: User auf process.de äußerten die Kritik an WirelessHART, nur Diagnosedaten zur Verfügung zu stellen. ISA100 verfolge hier ein deutlich größeres Einsatzszenario. Können Sie das nach Ihrem Feldtest bestätigen? Und: hat damit nicht klar der ISA100-Ansatz die Nase vorn?

Schwibach: Richtig ist, dass unsere Anwendungsszenarien bislang nicht auf die Übertragung von Diagnoseinformationen, sondern auf die Übertragung von Messinformationen zielen. Das WirelessHART Protokoll stellt diese Prozesssignale ebenfalls zur Verfügung, die wir auch in unseren Anwendungen nutzen, somit ist die Aussage, WirelessHART stellt nur Diagnosedaten zur Verfügung, falsch. Richtig ist aber, dass der Ansatz der ISA100 weiter gespannt ist. Dies muss aber kein Gegensatz sein oder bleiben. Vielleicht ist meine Vorstellung naiv, aber ich denke durch die Ergänzung oder Weiterentwicklung kann für beide Seiten technologisch eine Win-Win-Situation entstehen.

Morr: Aus unserer Sicht liegen die bestehenden Gegensätze eher im politischen oder Marketing-Bereich.

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