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Nachhaltigkeitszertifizierung INRO entwickelt Kriterien für nachhaltige Beschaffung von Biomasse

| Redakteur: Dipl.-Ing. (FH) Tobias Hüser

Das Netzwerk INRO aus Industrieunternehmen, Verbänden und Interessensorganisationen verfolgt das Ziel gemeinsam Kriterien zu erarbeiten, die für die nachhaltige Beschaffung von Biomasse für die chemisch-technische Nutzung gelten. Die Initiative hat dafür die „Kriterien für ein gutes Zertifizierungssystem“ entwickelt, um den Unternehmen Anhaltspunkte bei der Auswahl zu vermitteln und zugleich den Anbietern Anregungen zur Weiterentwicklung ihrer Systeme zu geben.

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Das Netzwerk „Initiative zur nachhaltigen Rohstoffbereitstellung für die stoffliche Biomassenutzung“ hat sich auf wesentliche Kriterien zum Nachweis der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeit geeignet und bereitet nun deren Umsetzung in Pilotprojekten vor.
Das Netzwerk „Initiative zur nachhaltigen Rohstoffbereitstellung für die stoffliche Biomassenutzung“ hat sich auf wesentliche Kriterien zum Nachweis der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeit geeignet und bereitet nun deren Umsetzung in Pilotprojekten vor.
(Bild: FNR)

Berlin – Für Strom aus flüssiger Biomasse und Biokraftstoffe ist eine Nachhaltigkeitszertifizierung in Deutschland bereits seit 2011 gesetzlich vorgeschrieben. Doch parallel zur Energiewende ist auch die Rohstoffwende erklärtes Ziel der Politik. Die deutsche Industrie verarbeitet schon heute jährlich fast 3 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Biomasse zu Produkten, weltweit wird ein Vielfaches dieser Menge umgesetzt, Tendenz steigend.

Es drängt sich deshalb die Frage auf, wie eine Nachhaltigkeitszertifizierung im stofflichen Sektor aussehen könnte. Die „Initiative Nachhaltige Rohstoffbereitstellung für die stoffliche Biomassenutzung“ INRO setzt hier an. 2011 wurde sie mit dem Ziel gegründet, mit Industrieunternehmen eine Vereinbarung zur freiwilligen Zertifizierung nachwachsender Rohstoffe vom Anbau bis zur Erstverarbeitung zu treffen. Eine entsprechende gesetzliche Regelung ist derzeit weder auf nationaler noch auf europäischer Ebene geplant.

Heute umfasst das Netzwerk 37 Teilnehmer, darunter namhafte Unternehmen wie BASF, Beiersdorf, Danone, Henkel und Evonik. Insgesamt sind die Branchen Chemie, Automobil, Verpackung, Konsumgüter, Werkstoffe, Hydraulik- und Schmieröle sowie Lacke/Farben vertreten, ebenso wie Wirtschaftsverbände und –vereine, deutsche Ministerien und nachgeordnete Behörden, Wissenschaftler, Umwelt- und Entwicklungsverbände sowie deutsche Zertifizierungssysteme.

Katalog an Nachhaltigkeitskriterien

Inzwischen steht ein Katalog an Nachhaltigkeitsmerkmalen, auf den sich alle Teilnehmer verständigen konnten. Er bezieht sich auf sämtliche industriell genutzten Agrarrohstoffe, neben Pflanzenölen auch auf Zucker, Stärke, Fette und Fasern. Holz und Tierfette sind bislang noch nicht einbezogen. Es wurden sowohl Kriterien für den Umweltschutz (wie z.B. der Schutz von Wäldern, Feuchtgebieten, Torfmooren und Standards für eine umweltschonende landwirtschaftliche Praxis), wie auch soziale Kriterien (z.B. keine Kinder- und Zwangsarbeit, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Einhaltung von Rechten indigener Völker) und auch ökonomische Kriterien (wie z.B. Maßnahmen gegen Korruption, Transparenz) festgelegt.

Wichtig war allen Teilnehmern, dass die Kriterien so formuliert sind, dass sie vor Ort auch überprüfbar sind. Für die Glaubwürdigkeit der Zertifizierung ist es von zentraler Bedeutung, dass diese nicht beliebig erfolgt. Das professionelle Niveau der weltweit agierenden Zertifizierungssysteme ist allerdings sehr unterschiedlich. INRO hat deshalb „Kriterien für ein gutes Zertifizierungssystem“ entwickelt, um den Unternehmen Anhaltspunkte bei der Auswahl zu vermitteln und zugleich den Anbietern Anregungen zur Weiterentwicklung ihrer Systeme zu geben.

Die Erarbeitung eines eigenen neuen Zertifizierungssystems für den stofflichen Bereich war hingegen kein Bestandteil von INRO. Denn bei der Produktion von Agrarrohstoffen wird meist nicht unterschieden, wofür diese später genutzt werden, zudem ist der Aufbau von Zertifizierungssystemen komplex und arbeitsintensiv und eine Doppel- und Mehrfachzertifizierung wäre eine Zumutung für Landwirte, Ersterfasser, Händler und andere Marktteilnehmer. Deshalb wurden bei INRO bestehende Systeme auf die stoffliche Biomassenutzung angepasst.

Die INRO-Initiative flankiert den auf deutscher und europäischer Ebene beschlossenen Aufbau einer Bioökonomie. Nicht nur Deutschland, auch die europäische Kommission hat Anfang 2012 eine Bioökonomie-Strategie und einen dazu gehörigen Aktionsplan vorgestellt. Von den Mitgliedsstaaten sind neben Deutschland die Niederlande, Norwegen und Dänemark besonders weit voran geschritten bei der nationalen Umsetzung.

Mittelfristig strebt INRO die Entwicklung einer Nachhaltigkeitszertifizierung auf europäischer und globaler Ebene an. Langfristig müssen sämtliche Verwertungspfade von Biomasse zertifiziert werden, nur so lassen sich Verdrängungseffekte vermeiden. Das heißt, dass auch die Erzeugung von Lebens- und Futtermitteln global kontrolliert werden muss. Sonst könnte die Biomasseproduktion für Energie und stoffliche Nutzung auf zertifizierten Flächen erfolgen, während parallel ein nicht nachhaltiger Anbau von Rohstoffen für Lebens- und Futtermittel stattfindet.

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