Namur-Hauptsitzung 2021 Neues im Feld, Roboter und Informationsmodelle – Prozessautomatisierung „wichtiger denn je“

Autor / Redakteur: Sabine Mühlenkamp / Wolfgang Ernhofer

Breiter könnte die ganze Welt der Prozessautomatisierung kaum erzählt werden, wie auf der – leider auch in diesem Jahr wieder virtuellen – Namur-Hauptsitzung. MTP, NOA, APL und jetzt auch noch Roboter beschäftigen die Automatisierungsexperten. Das PROCESS-Team war live dabei und hat die spannenden Nachrichten der letzten zwei Tage zusammengefasst.

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Neuer Look: Der Vorstandsvorsitzende Dr. Felix Hanisch zeigt auf der virtuellen Hauptsitzung 2021 stolz das neue Namur-Logo. Erstmals hat die Interessengemeinschaft auch einen eigenen Claim: „Turn Expertise into Excellence!“
Neuer Look: Der Vorstandsvorsitzende Dr. Felix Hanisch zeigt auf der virtuellen Hauptsitzung 2021 stolz das neue Namur-Logo. Erstmals hat die Interessengemeinschaft auch einen eigenen Claim: „Turn Expertise into Excellence!“
(Bild: Screenshot Namur Hauptsitung 2021)

„Die Namur ist ein Netzwerk von Menschen, deren Rolle wichtiger denn je ist“, mit diesen Worten begrüßte Namur-Vorstandsvorsitzender Dr. Felix Hanisch, Bayer, die rund 290 Teilnehmer der diesjährigen Namur-Hauptsitzung vor ihren Bildschirmen. Angesichts der wieder steigenden Corona-Zahlen war man froh, dass man sich bereits im Frühjahr erneut für die virtuelle Variante der Tagung entschieden hatte. Auch in Zukunft soll es eine Mischung aus Präsenz und virtuellem Treffen geben. „Neben der Interessenvertretung ist die Namur eine Know-how-Bündelung, die von einzelnen Firmen gar nicht mehr geleistet werden kann. Vor allem die Nachwuchsförderung brennt uns unter den Nägeln“, betonte Hanisch in seiner Eröffnungsrede. Technologisch seien die Aufgaben der Prozessautomatisierer ebenfalls nicht weniger geworden, wie zahlreiche Beispiele zeigten.

Daten mit Semantik anreichern

Die derzeitigen Automatisierungspyramiden funktionieren in sich hervorragend, sie sind aber zu unflexibel für neue Anwendungen. Will man weitere Daten neben der Basisautomation, also Regelung, Steuerung und Zustandsüberwachung, nutzen, um die Performance oder den Wert der Anlagen, Maschinen, Komponenten und Geräte zu verbessern, stoßen die Anwender an Grenzen. Für diese Welt reicht der Zugang über die SPS oder das Leitsystem längst nicht mehr aus.

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Auch ein PDF ist nicht besser als ein Stück Papier.

Dr. Andreas Schüller, Yncoris

Den Zugang zu diesen Informationen zu finden, ist angesichts der verschiedenen Informationsstränge in den Mitgliedsunternehmen, sowohl in der vertikalen als auch in der horizontalen Ebene, komplex. „Darüber hinaus gibt es viele Prozesse, die nebenher laufen, wie die Instandhaltung oder das Engineering. Es müssen aber auch Daten von unterschiedlichen Partnern, wie Zulieferern und Kontraktoren, integriert werden“, beschreibt Dr. Andreas Schüller, Yncoris, die derzeitige Welt, in der jeder zwar Informationen benötigt, aber angesichts der Schnittstellenvielfalt verzweifelt. „In der Regel werden viele Daten hin- und hergeschaufelt, meist in Form von Excel-Tabellen, wobei viele Fehler passieren. Auch ein PDF ist nicht besser als ein Stück Papier.“

Der Ruf nach maschinenlesbaren Informationen wird daher immer lauter. Informationsmodelle haben den Vorteil, dass man Daten mit Semantik anreichern kann. Angesichts der Vielfalt und der Menge an Geräten im Feld ist es allerdings alles andere als einfach, den Datenzugriff und die Konfiguration benutzerfreundlich zu gestalten.

„Wir benötigen ein strukturiertes Asset Life Cycle Modell, also quasi einen digitalen Zwilling in der Prozessindustrie. Dabei geht es nicht nur allein um das Engineering, sondern die Begleitung eines Assets im Laufe seines Lebens“, nennt Schüller ein Beispiel und verweist darauf, dass man als Automatisierer nicht alleine unterwegs sei. Ein gelungenes Beispiel ist das Datenmodell DEXPI (Data Exchange for the Process Industry). In den Anfängen ging es lediglich darum, R&I-Zeichnungen in ein standardisierten digitales Format zu bringen und international zu normieren. Dieses wurde Schritt für Schritt erweitert. Heute ist es möglich, Daten per Knopfdruck aus dem CAE-System in das SAP-System zu transferieren.

Die Verwaltungsschale ist ein weiteres wichtiges Hilfsmittel in Richtung Standardisierung, da hier ein Meta-Modell definiert wird. Allerdings reiche das nicht aus, da die verschiedenen Untermodelle ebenfalls standardisiert werden müssen. Um diese Fülle an Aufgaben zu bewältigen, plädiert Schüller dafür, sich möglichst schnell mit Informationsmodellen zu beschäftigen.

Mit der Automatisierung zu mehr Nachhaltigkeit

Energieeffizienz, Reduktion der CO2-Emissionen und Ressourceneffizienz sind Themen, die naturgemäß für die Prozessindustrie auf der Agenda stehen. Doch dies ist für die Branche gar nicht so einfach, da klassische Strategien, wie Abschalten von Verbrauchern, der Umstieg auf grüne Energien oder ein Wechsel auf andere Verfahren gar nicht oder nur mit beträchtlichem Aufwand umzusetzen sind.

Dennoch will z. B. Bayer die CO2-Emissionen (eigene Standorte und zugekaufte Energie) um 42 Prozent bis 2030 reduzieren, die weiteren Emissionen sollen kompensiert werden. Anhand zweier Beispiele stellte Felix Buss, Bayer, den Weg dar. Dabei geht es erst einmal darum, Ziele zu definieren, um anschließend eine stufenweise Optimierung auf den Weg zu bringen. Aus diesen Maßnahmen ergeben sich Anforderungen an Digitalisierung und Automatisierung, die speziell für die Prozessindustrie dargestellt wurden.

Wir müssen uns verändern und die Automatisierung als Enabler nutzen.

Stefan Krämer, Bayer

„Es ist kein einfacher, aber ein lohnender Bereich für Innovation“, so Felix Buss. Die Rahmenbedingungen sind herausfordernd angesichts langer Anlagenlebensdauern und hoher Verfügbarkeitsanforderungen. „Wir müssen uns verändern und die Automatisierung als Enabler nutzen“, ist sein Bayer-Kollege Stefan Krämer überzeugt. Ein Ansatz: über Informationsmodelle lassen sich mithilfe von KPIs Prozesse optimieren, gleiches gilt für APL, NOA, MTP und Verwaltungsschalen. „Hier könnte man 100 Prozent der Daten für die Prozessoptimierung im Hinblick auf Energieeffizienz oder auch Monitoring und Optimization nutzen“, so Krämer. Schließlich sind alle notwendigen Konzepte und Methoden der Automatisierung vorhanden und beschrieben. „Wir müssen sie nur einsetzen!“, bekräftigt Krämer.

Natürlich durfte das große Thema Ethernet-APL nicht fehlen. Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite.

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