Länderreport Indien Hoher Nachholbedarf für Chemieprodukte in Indien

Redakteur: Marion Henig

Indiens Markt für chemische Erzeugnisse wird derzeit auf mindestens 35 Milliarden Dollar geschätzt. Langfristig gilt der Subkontinent wegen seiner konsumfreudigen, wachsenden Mittelschicht zusammen mit einem hohen Nachholbedarf für die Chemiebranche als einer der zukunftsträchtigsten Märkte weltweit.

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Ausgewählte Investitionsprojekte der chemischen Industrie in Indien (Investitionen in Mio. Dollar) (Grafik, Quelle: Germany Trade and Invest)
Ausgewählte Investitionsprojekte der chemischen Industrie in Indien (Investitionen in Mio. Dollar) (Grafik, Quelle: Germany Trade and Invest)

Mumbai, Indien – Indien liegt auf Rang zwölf der Chemie produzierenden Länder weltweit und belegt in Asien Rang drei. Schätzungen zufolge wächst die Branche jährlich um etwa zehn Prozent. In den letzten beiden Jahren fielen die Steigerungsraten jedoch krisenbedingt geringer aus. Der Index der industriellen Produktion (IIP) für Basischemikalien und chemische Erzeugnisse legte 2010/11 (April bis März) um 2,3 Prozent zu.

Im laufenden Jahr dürfte die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen wieder stärker expandieren. Wichtige Absatzmärkte wie der Kfz-Sektor, die Bauwirtschaft und die Konsumgüterindustrie sind auf Wachstumskurs und könnten in den nächsten Jahren für steigende Absatzzahlen sorgen. Genaue Statistiken zum Markt für chemische Erzeugnisse liegen nicht vor und die Schätzungen variieren zum Teil stark. Während die zuständige Abteilung des Ministry of Chemicals and Fertilizers den Markt auf...

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35 Milliarden Dollar schätzt (darunter: Basischemikalien 20 Milliarden Dollar; Spezialitäten neun Milliarden Dollar), gehen Vertreter des Indian Chemical Councils von 68 Milliarden Dollar (33 Milliarden Dollar, 17 Milliarden Dollar) aus. Die Analysten sind sich einig, dass der Markt mittel- und langfristig kräftig zulegen wird.

Generika-Markt dominiert

Indiens Pharmaindustrie ist mengenmäßig die drittgrößte weltweit. Die Wirtschaftsberatung PWC schätzt den Inlandsmarkt für Arzneimittel auf zwölf Milliarden Dollar (2010). Bis 2020 soll die Nachfrage den Analysten zufolge mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 15 bis 20 Prozent auf 49 Milliarden bis 74 Milliarden Dollar zulegen. Hergestellt und abgesetzt werden fast ausschließlich Generika. Die Produktion wird weiter ansteigen, da in den nächsten Jahren etliche Arzneimittelpatente auslaufen. Langfristig dürfte mit dem steigenden Gesundheitsbewusstsein der indischen Bevölkerung auch die Bedeutung von Markenerzeugnissen wachsen. Das größte Marktsegment stellen Medikamente für akute Erkrankungen, aber auch die Behandlung von chronischen Leiden wird wichtiger. Am schnellsten wächst die Nachfrage nach Medikamenten gegen Diabetes sowie Magen- und Darmgeschwüre.

Nachholbedarf bei Kosmetika und Pflegemitteln

Der Absatz von Kosmetika und Pflegemitteln beläuft sich laut dem Marktforschungsunternehmen Intecos auf mehr als 300 Milliarden iR (rund 4,4 Milliarden Euro) und legt jährlich um zehn bis zwölf Prozent zu. Die Pro-Kopf-Ausgaben für Körperpflegeprodukte sind gering (2006: 3,4 Dollar), der Nachholbedarf ist entsprechend groß. Branchenkenner sehen das größte Wachstumspotential bei Hautpflegeprodukten und hochpreisigen Reinigungs- und Körperpflegemitteln. Seifen und Waschmittel sind mit Abstand die wichtigste Warengruppe, gefolgt von Haar- und Hautpflegeprodukten.

In Indien kommen immer mehr Agrarchemikalien zum Einsatz. Der Markt für Pestizide legte 2009/10 um rund zehn Prozent zu. Der Absatz von Kombinationsdünger weitete sich 2010/11 um 20 Prozent aus, auch dank der Einführung eines neuen Subventionsprogramms (NBS). Allerdings hatten steigende Rohstoffpreise ab Februar 2011 das Wachstum verlangsamt. Der Verkauf von Urea und Diammonium Phosphate (DAP) erhöhte sich 2010/11 um sieben beziehungsweise neun Prozent, der von granuliertem Kaliumchlorid (MOP) sank um 17 Prozent.

Bedarf an Hochleistungsbeschichtungen steigt

Der Markt für Farben und Lacke könnte laut Chemical Council in den nächsten Jahren um elf Prozent per annum zulegen. Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch von Farben und Lacken ist bislang mit nur 1,5 Litern gering. Das Wachstum des Branchenumsatzes fiel durch die Finanzkrise 2009/10 mit rund zehn Prozent gedämpfter aus als im Jahr zuvor mit knapp 15 Prozent. Etwa zwei Drittel der Einnahmen werden mit...

Dekorfarben generiert, der Rest mit Produkten für den industriellen Gebrauch. Der Bedarf an Hochleistungsbeschichtungen für den Kraftwerks- und Maschinenbau sowie für Produktionsanlagen in der chemischen und petrochemischen Industrie steigt.

Verbrauch an Plastik hat sich verdoppelt

Der Pro-Kopf Verbrauch 2010 von Plastik betrug zwölf Kilogramm, schätzt die India Brand Equitity Foundation (ibef). Damit hätte sich der Verbrauch seit 2009 verdoppelt. Mit dem Anstieg der Nachfrage nach Plastik nimmt auch der Bedarf an Chemikalien wie Phenol, Ethylacetat und Titanoxid zu. Als Segmente mit hohem Wachstumspotenzial im Inlandsmarkt identifizierte ibef alkalische Chemikalien, Chemikalien zur Wasserbehandlung sowie besonders umweltfreundliche chemische Erzeugnisse.

Die Wasseraufbereitung gewinnt in Indien an Bedeutung und damit steigt auch die Nachfrage nach Chemieprodukten wie Chlorid. Der Bedarf an Alkalien wuchs kräftig und die Importe legten von 2003/04 bis 2008/09 mit einer CAGR von 24,3 Prozent zu.

Produktion/Branchenstruktur

Der Branchenriese Reliance Industries schätzt das Herstellungsvolumen der chemischen Industrie in Indien 2008/09 auf 40 Milliarden Dollar (darunter 57 Prozent Grundstoffchemikalien, 25 Prozent Spezialchemikalien und 18 Prozent Agrarchemikalien, pharmazeutische und biotechnologische Erzeugnisse). Die Produktionsstätten konzentrieren sich vor allem auf die westlichen Bundesstaaten Gujarat und Maharashtra, in denen rund zwei Drittel aller chemischen und pharmazeutischen Erzeugnisse hergestellt werden.

Im indischen Chemiesektor sind große und mittelständische Anbieter vertreten. Insgesamt sind laut Branchenexperten 6.600 Unternehmen im organisierten Sektor aktiv. Seit Ende der 1990er Jahre durchläuft die Branche einen Konzentrationsprozess. Dieser dürfte sich verschärfen, da viele kleine Hersteller nicht über genug Ressourcen für Forschung und Entwicklung verfügen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Regierung plant den Bau von sechs neuen Petrochemiekomplexen mit einem Investitionsvolumen von insgesamt 280 Milliarden Dollar.

Die pharmazeutische Industrie Indiens zählt 250 bis 300 Firmen im organisierten Sektor, die etwa 70 Prozent der Produktion repräsentieren. Darunter befinden sich fünf Staatsunternehmen. Die zehn größten Pharmakonzerne generieren etwa 30 Prozent des Branchenumsatzes. Darüber hinaus existieren circa 10.000 weitere kleine und mittelständische lizenzierte Betriebe. Die Pharmaindustrie zählt zu den exportstärksten Branchen des Landes.

Außenhandel

Indien führte im Finanzjahr 2009/10 ausgewählte chemische und pharmazeutische Erzeugnisse im Wert von 1,4 Bill. iR beziehungsweise rund 29,4 Milliarden Dollar ein (-11 Prozent gegenüber 2008/09). Deutschland zählt mit einem Importvolumen von gut 1,6 Milliarden Dollar neben der VR China und den USA zu den wichtigsten Lieferländern. Die deutschen Exporte legten in der Produktgruppe um 15 Prozent zu, während die Importe Indiens insgesamt zurückgingen.

* Quelle: Germany Trade and Invest

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