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Engineering/Großanlagenbau Großanlagenbau: Bau- und Montage gewinnt an Bedeutung

| Redakteur: Anke Geipel-Kern

Der deutsche Großanlagenbau musste 2009 den stärksten Einbruch seit Gründung der AGAB hinnehmen. Das lag an der Wirtschaftskrise aber auch am Marktumfeld, das sich rasant ändert. Fähigkeiten bei Bau- und Montage gewinnen zunehmend an Bedeutung.

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„Höhere Anforderungen an die Abwicklungskompetenz sind für den deutschen Großanlagenbau generell gut.“ Dipl.-Ing. Helmut Knauthe (Bild: Uhde)
„Höhere Anforderungen an die Abwicklungskompetenz sind für den deutschen Großanlagenbau generell gut.“ Dipl.-Ing. Helmut Knauthe (Bild: Uhde)

Kehren die goldenen Jahre des Großanlagenbaus womöglich nie mehr wieder? Es war der AGAB-Sprecher Dieter Rosenthal, Vorstand der SMS Siemag, der diese Frage anlässlich der Vorstellung des neuen Lageberichts der Großanlagenbauer in den Raum warf.

Angesichts eines Absturzes des Bestelleingangs um ein Drittel (2008: 32,8 Milliarden Euro; 2009: 22,1 Milliarden Euro), in Deutschland sogar um satte 41 Prozent ist die Stimmung bei den Großanlagenbauern derzeit alles andere als euphorisch. Denn viele sehen die derzeitige Situation nicht allein als mächtige Konjunktur-Delle.

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Sorge bereitet, dass sich das Marktumfeld des Großanlagenbaus im Vergleich zu der Zeit vor dem Boom strukturell verändert hat. Einem auf mittlere Sicht deutlich geringeren Bedarf stehen mehr Anbieter gegenüber. Während die Zahl der etablierten Markteilnehmer aus Europa, den USA und Japan nahezu unverändert geblieben ist, haben neue Wettbewerber aus Ostasien an Gewicht gewonnen: Chinesische Wettbewerber drängen infolge ihrer nachlassenden Binnennachfrage verstärkt auf den Weltmarkt. Der südkoreanische Anlagenbau verbucht Erfolge, teilweise sogar gegen den allgemeinen Markttrend.

Dabei half diesen Wettbewerbern, dass viele deutsche Anlagenbauer in den letzten Jahren Bau- und Montagerisiken in den Verträgen reduziert hatten. Man überwachte zwar die Montagen, führte diese aber nicht in Eigenverantwortung aus. Hintergrund: Diese Projektphase ist durch eine hohe Komplexität, Störanfälligkeit und vielfältige Planabweichungen geprägt und verlangt dem Anlagenbauer hohe Fertigkeiten im Projektmanagement ab. Häufig zeigt bzw. entscheidet sich erst in dieser Phase, ob ein Projekt Ertrag oder Verlust generiert.

Im aktuellen Marktumfeld gewinnt die Kundenforderung nach Übernahme von Gesamtverantwortung – insbesondere auch für Bau und Montage – aber wieder an Gewicht. Nicht nur die Auftraggeber, sondern auch deren Banken wünschen diese Leistungen zunehmend aus einer Hand. Rosenthal: „Die deutschen Großanlagenbauer haben bereits aktiv auf diesen Trend reagiert. Sie verstärken ihre Construction-Aktivitäten und bauen Fachpersonal und Fachkompetenzen auf.“ Das sei allerdings kein leichtes Unterfangen, erfahrene Praktiker sind rar.

Schlüsselfertig zum Festpreis

Ein geringeres Vergabevolumen, mehr Anbieter – die Folgen sind klar: Die Branche kämpft mit dem Wechsel vom Anbieter- zum Käufermarkt. Ein deutliches Indiz dafür ist die zunehmende Vergabe großer Aufträge als schlüsselfertige Gesamtpakete zu sinkenden Festpreisen (Lump Sum Turn Key) – eine Vertragsform, die Erstellungs- und Kostenrisiken weitgehend auf den Anlagenbauer verlagert. Doch nicht nur neue Aufträge stehen unter Verhandlungsdruck: Auch bereits laufende Projekte wurden vielfach preislich nachverhandelt, verlängert oder unterbrochen, in Einzelfällen sogar storniert.

„Dennoch ist es den deutschen Anbietern gelungen, ihre relative Stärke im Vergleich zum Wettbewerb zu behaupten. Marktanteile haben die Unternehmen 2009 nicht eingebüßt", kommentiert Dieter Rosenthal die aktuellen Zahlen. Der Marktanteil des deutschen Großanlagenbaus bewege sich weiterhin in einer Größenordnung von ca. 20 Prozent.

Es gibt sogar Zuwächse zu vermelden: Ein Wachstumsmarkt des Großanlagenbaus war 2009 der Nahe und Mittlere Osten: Die Auftragseingänge stiegen hier von 2,4 auf 4,6 Milliarden Euro. Umfangreiche Industrieprojekte wie der Aufbau eines multinationalen Stromnetzes in den Staaten des Golfkooperationsrats oder die Errichtung großer Chemiekomplexe in Abu Dhabi oder Katar zogen die Anlagennachfrage nach oben.

Und noch eine gute Nachricht: Gegen Ende 2009 hat sich die Auftragslage stabilisiert. Dennoch schließt der Großanlagenbau eine rasche Rückkehr auf das Niveau der Boomjahre 2007 und 2008 aus, rechnet für 2010 mit einem in etwa gleich bleibenden Auftragseingang wie 2009. „Die Talsohle im Auftragseingang ist durchschritten", so Rosenthal.

* Der Autor arbeitet als freier Redakteur für PROCESS

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