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Technische Compliance Gewußt wie: Wie Engineeringprojekte in Russland garantiert erfolgreich sind

Autor / Redakteur: Prof. Dr. rer. pol. Julia Krause* / Anke Geipel-Kern

Kenntnisse der Kultur sind bei Verhandlungen mit russischen Projektpartnern von Vorteil, noch besser aber sind profunde Kenntnisse der dortigen Gesetze und Erlasse. Wie Sie die richtige Strategie für die technische Compliance ihres Engineeringprojektes finden, verrät Ihnen unserer Autorin.

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Wie führt man Projekte in Russland zum Erfolg?
Wie führt man Projekte in Russland zum Erfolg?
(Bild: ©cegli; ©industrieblick - stock.adobe.com)

Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau ist traditionell eine Exportbranche, dabei ist die Effizienz bei der Realisierung von internationalen Projekten eines der wichtigsten Themen der letzten Jahre. Die hartnäckigen Schwachstellen bei zahlreichen komplexen und investitionsstarken Vorhaben sind Zeitverzug und Budget-Überschreitungen – besonders im internationalen Kontext. Projekte in Russland gelten für viele Anlagenbauunternehmen als sehr lukrativ, aber auch besonders komplex und risikobehaftet.

Bürokratie ist Hindernis Nummer 1

Als Ursachen für den ständigen Zeitmangel in allen Phasen und Schritten der Projektrealisierung sowie für die immer weiter ansteigenden Kosten während der Projektierung, der Lieferung der Ausrüstung, der Montage und der Inbetriebnahme gelten unterschiedliche Faktoren:

  • „bürokratische Vorgänge“ bei Genehmigungsverfahren mit bestimmten Institutionen und Behörden, wie Rostechnadzor,
  • „undurchschaubare“ Prozesse bei der Verzollung, unvollständige oder fehlerhafte Lieferantendokumentation,
  • aber auch unterschiedliches Verständnis bestimmter Sachverhalte im Vertrag durch den Auftragnehmer und seine Kunden, das sich aus unpräzise definierten Aufgabenstellungen ergibt.

Diese „Gründe“ haben jedoch ihren Ursprung in mangelnden Kenntnissen der gesetzlichen und normativen Anforderungen des Ziellandes. Und in Bezug auf die Russische Föderation sind das mindestens zwei Ebenen: die des Landes selbst und die der Eurasischen Wirtschaftsunion, deren aktives Mitglied Russland seit 2015 ist. Diesem lässt sich durch eine geschickte und umfassende technische Compliance-Strategie entgegenwirken.

Dieses interdisziplinäre Thema umfasst die Konformität mit Normen, Regeln und Standards technischer Art und ist vor allem im Maschinen- und Anlagenbau von einer besonders hohen Bedeutung, denn eine Menge diverser Vorschriften bestimmen und beeinflussen sowohl den Verlauf der Projekte als auch den wirtschaftlichen Erfolg der Vorhaben.

Um das Thema erfolgreich anzugehen, ist es wichtig,

  • die Etappen bei der Realisierung von großen Anlagenbauprojekten zu identifizieren,
  • Anforderungen in diesen Etappen zu kennen,
  • vorausschauend zu handeln.

Das Projekt beginnt mit der Unterschrift

Die Identifikation und Umsetzung relevanter Vorschriften beginnen für einen Anlagenbauer bereits bei Verhandlungen mit dem potenziellen Auftraggeber. Bereits da sollten zahlreiche Anforderungen des Landes für das Erbringen diverser Leistungen an das Unternehmen und an seine Mitarbeiter berücksichtigt werden. So müssen Unternehmen ihre Engineering-Dienstleistungen in Russland „lizenzieren“ oder in einer anderen Form genehmigen lassen, etwa durch eine Mitgliedschaft in Selbstregulierenden Organisationen (SROs).

Als Voraussetzung dafür gilt die Qualifizierung der Mitarbeiter nach den im Zielland herrschenden Anforderungen. Seit Juli 2017 existiert eine zusätzliche Hürde für ausländische Anbieter von Ingenieurdienstleistungen: Mindestens zwei Verantwortliche der Projekte müssen in das staatliche Register der RF eingetragen werden.

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Eine vollständige Ausgangsdokumentation sowie die ingenieurtechnischen Anforderungen bilden die Basis für viele Entscheidungen im Basic Engineering. Selbst Anlagen zur Herstellung identischer Produkte können enorme Unterschiede aufweisen und planerische und ingenieurtechnische Lösungen beeinflussen. Dazu gehören etwa die geographische Lage mit unterschiedlichen klimatischen oder geologischen Bedingungen sowie Gegebenheiten vor Ort, wie der Bau auf der „grünen Wiese“ oder Einbau in einen bestehenden Komplex mit vorhandener Infrastruktur.

Weitere zu berücksichtigende Faktoren sind Brand- und Explosionsschutz, Hygienevorschriften oder umwelttechnische Aspekte, die in die Projektdokumentation zu implementieren sind. Aber auch solche für Russland spezifische Themen, wie Zivilschutz, Deklaration der Sicherheit oder Kostenkalkulation sind Bestandteile der in vielen Fällen an Glavgosexpertiza zur Genehmigung einzureichenden Projektdokumentation.

So gestalten Sie Herstellung und Einkauf im Einklang mit den Normen

Der nächste Schritt – die Herstellung und der Einkauf einzelner Ausrüstungen – ist ebenfalls entsprechend den normativ-rechtlichen Anforderungen zu gestalten. Neben der Qualität der zu liefernden Maschinen, Apparate, Armaturen, Rohrleitungen, Messgeräte usw. ist die Qualität der zu liefernden Dokumentation ein nicht zu unterschätzendes Kriterium für rechtzeitige Abwicklung des Gesamtprojektes. Nicht nur die Art der Dokumente (u.a. Risikoana­lysen, Festigkeitsberechnungen, Technische Pässe), sondern auch deren Gestaltung ist für den Erfolg entscheidend.

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In dieser Phase erfolgen auch die Zulassungen der einzelnen Ausrüstungen in Form von Zertifizierungen oder Deklarierungen, entsprechend den jeweiligen Technischen Reglements (TRs) oder Standards. Ob eine Zertifizierung oder eine Deklarierung des Produktes erforderlich ist, wird in den jeweiligen TRs festgelegt.

Wichtig dabei ist das Verständnis, dass ein nicht zertifizierungspflichtiges Produkt deklarierungspflichtig sein kann, was auch einen Konformitätsbewertungsprozess erfordert. Außerdem gilt: Ist ein Produkt nach vorhandenen TRs nicht zertifizierungspflichtig, wird aber in einer überwachungsbedürftigen Anlage ein­gesetzt, muss dieses eine Genehmigung von der Überwachungs- behörde erhalten – was ebenfalls ein nicht zu unterschätzendes Verfahren darstellt.

Planen Sie rechtzeitig ihre Einkaufstrategie

Für diese Konformitätsbewertungsprozesse – sie unterliegen diversen Zertifizierungsschemata – ist eine in der EAWU akkreditierte Prüforganisation zur Abnahme der Ausrüstung rechtzeitig zu bestellen.

Die langwierigen Registrierungs­prozesse für die in russischen Anlagen eingesetzte Mess­technik erfordern eine durchdachte Einkaufsstrategie aller Beteiligten und Kommunikation mit allen relevanten Parteien. So kann es sich lohnen, bestimmte Geräte lokal einzukaufen, um Zeiten und Kosten für die Prüfung, Erstkalibrierung und Zulassung zu reduzieren. Denn vor der Registrierung der Messmittel sind einige Schritte notwendig: EMV-, Niederspannungs-, Frequenzstörungs­prüfung, Erstellung und Registrierung der Prüfmethodik, Bereitstellung und Genehmigung der Prüfmedien und das Vorhandensein des Prüfequipments. Im Zuge der Reformierung der Technischen Regulierung in Russland wurden öffentlich zugängliche Register geschaffen, die das russische Zulassungssystem deutlich transparenter gemacht haben. Um die Mon- tage einzelner Ausrüstungen beim Bau überwachungspflichtiger Anlagen kontrollieren und abnehmen zu dürfen, muss das entsprechende Personal ebenfalls qualifiziert und lizenziert sein.

Diese Anforderungen sollten Sie kennen

Die erfolgreichen Abnahmen entstehen auf Grundlage einwandfreier Dokumentation, deren Umfang und Inhalt abhängig vom Industriebereich und der Art der Anlage und des Produktes in relevanten Vorschriften spezifiziert ist. Diese zahlreichen normativ-rechtlichen Dokumente sind zuerst zu identifizieren, zu beschaffen, den betreffenden Parteien entlang der gesamten Lieferkette entsprechend zu vermitteln und deren Einhaltung zu überwachen.

Viele Institutionen in der globalisierten Weltwirtschaft bemühen sich seit Jahren in diversen Foren und Arbeitsgruppen auf verschiedenen Ebenen, um die Anforderungen zu vereinheitlichen und tatsächlich wurde einiges erreicht: Die neuen Technischen Reglements der Zollunion harmonisieren mit den europäischen Richtlinien in einigen Vorgehensweisen, wie Abschaffung des Pflichtcharakters vieler Standards, und in Defini­tionen, z.B. der einheitlichen Festlegung des Druckbereichs ab 0,05 MPa.

Trotzdem existieren zwischen Deutschland und Russland weitere wichtige länderspezifische Unterschiede – beispielsweise der Umfang der Prüfungen bei Druck­behältern oder Pflicht der Zulassung explosionsgeschützter Geräte durch benannte Stellen auch für die Zonen 2 und 22. Diese Unterschiede sowie die Tatsache, dass keine gegenseitige Anerkennung der Prüfresultate zwischen den Benannten Stellen in Europa und Russland/EAWU besteht, sind auch die Ursache für zahlreiche Konformitätsbewertungsverfahren.

Schaffen Sie eine Compliance-Strategie

Alle Aspekte der „Normungsarbeit“ im Anlagenbau werden so zu Schlüsselfaktoren für die erfolgreiche Projektabwicklung und zu einem wesentlichen Teil der Compliance-Strategie. Dieses strategische Vorgehen beinhaltet folgende Aufgaben:

  • Identifizierung für den Anlagenbau relevanter Vorschriften, Weiterbildung des Personals;
  • Überprüfung, ob die erforderlichen normativ-rechtlichen Anforderungen in eigenen Gewerken (Maschinenausrüstung, Ap­paratetechnik, MSR, Elektrotechnik, PUs) und Abteilungen (HR, PM, QM, Angebotswesen, Einkauf, Logistik usw.) sowie bei zahlreichen Lieferanten eingehalten werden;
  • Koordination aller Zulassungs-, Zertifizierungs-,Genehmigungs-, Registrierungs- und Abnahmeprozesse;
  • Kommunikation zwischen zahlreichen Stakeholdern solcher Projekte.

Diese Zusammenfassung zeigt: Kein Schritt im Prozess der Projekt­realisierung in einem Anlagenbauunternehmen ist ohne Beachtung entsprechender Vorschriften möglich und fordert eine holistische Betrachtung aller Aktivitäten im Projekt. Die Compliance mit normativ-rechtlichen Anforderungen des Ziellandes trägt dazu bei, dass die zu liefernden Dokumente und Ausrüstungen entsprechend den Anforderungen hergestellt, abgenommen, markiert, verpackt, versendet, entzollt und in Betrieb genommen werden können. Nur, wer rechtzeitig alle relevanten Vorschriften beachtet, bekommt die Projektlaufzeiten und Kosten in Griff und agiert nachhaltig.

* * Die Autorin ist Inhaberin der Professur für International Industrial Sourcing and Sales an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, HTW Dresden. Kontakt: julia.krause@htw-dresden.de

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