Gefahrstoffmanagement Gefahrstoff-Experte Dr. Hans-Albert Beul im Interview

Dr. Hans-Albert Beul ist Gründer der Prosisoft GmbH und ein Experte auf dem Gebiet der integrierten Softwarelösungen auf Basis von Microsoft Dynamics NAV. In ein Interview erklärt Beul warum sich Unternehmen beim Gefahrstoffmanagement nicht auf Stift und Papier verlassen sollten, warum der Gesetzgeber die „Kommunikation in der Lieferkette“ verlangt und warum manchmal sogar rote und schwarze Karotten mit einem ERP-System verwaltet werden.

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Gefahrstoffexperte Dr. Hans-Albert Beul über die Vorteile von ERP-System orientierten Lösungen beim Gefahrstoffmanagement.
Gefahrstoffexperte Dr. Hans-Albert Beul über die Vorteile von ERP-System orientierten Lösungen beim Gefahrstoffmanagement.
(Bild: Tectura)

Im ersten Teil des Interviews erläutet Dr. Hans-Albert Beul die Unterschiede zwischen dem Gefahrstoffmanagement damals und heute.

PROCESS: Herr Dr. Beul, warum braucht man ein „System für das Gefahrstoffmanagement“?

Dr. Hans-Albert Beul: So Ende 80er Jahre hat man begonnen über Möglichkeiten nachzudenken, Stoffe, Rohstoffe, Zwischenfabrikate und Produkte so zu beschreiben, dass in einer strukturierten Form die Informationen dargestellt werden und möglichst rasch dem Leser einen Eindruck geben sollten, was mit dem Stoff los ist. Aus diesen Überlegungen entstand dann das EU-Sicherheitsdatenblatt, das in 16 Kapiteln zu unterschiedlichen Bereichen Auskunft über den Stoff geben soll. Somit war das SDB ein Kommunikationsmedium, das es einem Lieferanten ermöglichte, seinen Kunden folgende Informationen mitzuteilen: Wie gefährlich ist das Produkt? Was muss ich beim Umgang beachten? Wie muss oder darf ich es lagern? Wie ist das Produkt gegebenenfalls zu entsorgen? Wie muss ich einen Transport kennzeichnen, damit im Falle eines Problems – beispielsweise bei einem Unfall – die Helfer rasch wissen, auf was sie zu achten haben?

PROCESS: Dann könnte es doch ausreichen, das auf ein Blatt Papier zu schreiben und mitzuschicken?

Beul: Das würde natürlich auch gehen. Und in der Tat, es gibt nicht wenige Firmen, die ihre SDBs noch auf diese Art und Weise erstellen, zwar in der vorgegebenen Form, also in 16 Kapitel, vielleicht noch die üblichen Daten wie Symbole, R-Sätze und Sicherheitsratschläge, mittlerweile auch die entsprechenden GHS-Kennzeichnungselemente, in der veröffentlichten Diktion schreiben, sich ansonsten aber Texte ausdenken. Erschwerend hinzu käme dann noch der Aufwand, jedes Dokument je nach Land, in das ein Produkt geliefert wird, in die entsprechende Amtssprache zu übersetzen. Außerdem müssen gegebenenfalls noch regionale inhaltliche Besonderheiten berücksichtigt werden, z.B. nationale Arbeitsplatzgrenzwerte. Bei einer größeren Zahl von Produkten, insbesondere wenn es sich um Gemische handelt, gerät diese Methode schnell an ihre Grenzen.

PROCESS: Welche Möglichkeiten, dies anders oder gar besser zu machen, gibt es?

Beul: Nachdem Ende der 80er die ersten Systeme auf den Markt kamen, musste natürlich darüber nachgedacht werden, neben dem Erfassen von Messwerten, Grenzwerten etc. auch Textaussagen zu vereinheitlichen, auch vor dem Hintergrund der raschen Wiedererkennbarkeit und Vereinheitlichung der Aussagen. So wurden erste Phrasenkataloge entwickelt, als Sammlungen von Textbausteinen, die den Erfassungsfeldern hinterlegt werden und mittels der Softwaresysteme zugeordnet werden können. Sind diese Textbausteine mit einem eindeutigen Schlüssel versehen, ist bei Vorhandensein der Übersetzungen ein Sprachwechsel leicht möglich. So sind in diesen Anfangsjahren in zwei großen international agierenden Chemiefirmen parallel zwei Kataloge entstanden. Parallel dazu hatte der BDI begonnen, durch entsprechende Vorgaben eine Ordnung und Systematik in die Kataloge zu bekommen. Durch Zuordnung des sog. BDI-Schlüssels sollte dann jeder Software-Entwickler oder auch die Firmen selbst in der Lage sein, richtige Zuordnungen zu treffen. Das hatte auch einige Jahre einigermaßen funktioniert.

PROCESS: Ich entnehme Ihren Worten, dass das heutzutage wohl nicht mehr so optimal funktioniert?

Beul: Ihr Eindruck ist richtig, oder besser stimmt mit meiner Erfahrung überein. Durch die Verbreitung der Phrasen bei Kunden und in Softwaresystemen gab es eine Menge individueller Weiterentwicklungen, sodass die Bestände auseinanderdrifteten und eine ordnende Institution sich nicht konsequent genug durchsetzen konnte. Aber aktuell wird dieser Weg wieder aufgenommen. Es gibt eine Arbeitsgruppe beim BDI bzw. dem europäischen Dachverband Business Europe, die einen einheitlichen Phrasenbestand mit einheitlichen allgemeingültigen Schlüsseln veröffentlicht und weiterpflegt, den Europäischen Phrasenkatalog, kurz: EuPhraC. Seit kurzem gibt es dazu auch ein Schwarzes Brett (Bulletin board) über das Verbesserungen und neue Vorschläge eingereicht und diskutiert werden können, natürlich auch von Softwareanbietern.

Im zweiten Teil des Interviews spricht Dr. Hans-Albert Beul über die unterschiedlichen Phrasen und Formate.

PROCESS: Sie bieten für Ihr System ja auch Phrasen an, wie gehen Sie jetzt mit dieser neuen Situation um?

Beul: Wir haben uns entschieden, diesen Weg mitzugehen und auch den EuPhraC in unser System wahlweise einzubinden. Denn es kommt aktuell noch folgende wichtige Entwicklung hinzu: Für die künftigen „Erweiterten SDBs“, in denen die Expositionsszenarien für Stoffe und Gemische aufgeführt werden müssen, kommen weitere neue Phrasen hinzu. Hier beispielsweise. beschränken wir uns für die Inhalte von vornherein auf den EuPhrac-Katalog, den wir in Deutsch und Englisch mit anbieten.

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PROCESS: Sie erwähnen „Expositionsszenarien“ – was muss ich mir darunter vorstellen?

Beul: Der Begriff Expositionsszenarium, kurz ES, kommt aus der REACH-Verordnung und meint eine Zusammenstellung der Herstellungs- und Verwendungsbedingungen für einen chemischen Stoff, welche geeignet sind, die Belastung von Mensch und Umwelt auf ein erträgliches Maß zu beschränken. So etwas gab es im Grunde genommen auch früher schon: der gute alte MAK-Wert (heute AGW genannt) besagte zum Beispiel, dass eine bestimmte Grenzkonzentration in der Arbeitsplatz-Raumluft einzuhalten ist. Punkt! Entsprechend existieren Grenzwerte für die Freisetzung von Schadstoffen in die Umwelt seit langem. Das war aber dem EU-Gesetzgeber zu einfach. Heute muss der Verwender einer Chemikalie nachprüfen, ob sein Lieferant in dem ans SDB angehängten Expositionsszenarium seine speziellen Verwendungsbedingungen berücksichtigt hat (selbst wenn er die Expositionsgrenzwerte für den betreffenden Stoff (die jetzt DNEL heißen) einhalten kann: ohne passende PROCs (Prozesskategorie) im ES des Zulieferers ist die Anwendung verboten. Der Downstream-User muss also erreichen, dass der Lieferant seine Verwendung beziehungsweise Verwendungsbedingungen in sein ES aufnimmt, oder ggf. den Lieferanten wechseln. Als Ultima Ratio darf er auch selbst einen sogenannten Chemical Safety Report erstellen und seine Verwendung in Helsinki nachregistrieren. Der aus diesen Anforderungen entstehende Papierkrieg (bzw. PDF-Krieg) ist vom Gesetzgeber als „Kommunikation in der Lieferkette“ im Prinzip ausdrücklich erwünscht. Inzwischen hat sich aber – völlig unerwartet – herausgestellt, dass die resultierenden Erweiterten SDBs im Umfang von mehreren Dutzend bis zu mehreren Hundert Seiten auch von ausgewiesenen Gefahrstoffexperten nicht mehr mit vernünftigem Zeitaufwand gelesen und verstanden werden. Vom einfachen Handwerker, der eine schnelle Information darüber wünscht, wie er mit einer Spachtelmasse oder einem 2-Komponentenkleber sicher umgehen soll, ganz zu schweigen. Immerhin können softwareseitige Ansätze helfen, die ärgsten Probleme zu verringern. Eine Möglichkeit besteht im elektronischen Austausch von strukturierten Dokumenten. So ist auf europäischer Ebene geplant, auf Basis von standardisierten Kapitelstrukturen und standardisierten Phrasen diese in elektronischer Form zu übermitteln. Das heißt im Klartext: Das SDB als Kommunikationsmittel wird ergänzt durch die Übermittlung eines Datenfiles in einem festgelegten Format (ESCom-XML), das von jedem in jedes System ex- und importiert werden kann. Soviel zur Theorie.

PROCESS: Das klingt ja sehr vielversprechend und ambitioniert!

Beul: Aus unserer Sicht ist das auch so, solche Bestrebungen gibt es ja schon einige Zeit, so richtig durchgesetzt haben sich einheitliche Formate bisher aber nicht. Sinn macht das Ganze eigentlich nur, wenn eine kritische Masse von Unternehmen zu einem solchen Datenaustausch bereit ist. Wir von Prosisoft sind jedenfalls Willens und in der Lage, diesen Prozess zu begleiten und zu unterstützen. Damit das SDB seinem ursprünglichen Sinn, nämlich der raschen Vermittlung von wichtigen produktsicherheitsrelevanten Fakten, wieder näherkommt, geht es nicht nur um die schnellere Übermittlung beziehungsweise Erfassung einer übertriebenen Datenfülle. Daher können zum Beispiel die Expositionsszenarien auch so abgefasst werden, dass für einen bestimmten Adressaten nur die Verwendungen berücksichtigt werden, die bei ihm tatsächlich vorkommen. So können mit unserem GSM für einen Debitor maßgeschneiderte Erweiterte SDBs generiert werden. Hier zeigt sich schon deutlich, dass eine simple Textverarbeitung für die rationelle SDB-Erstellung heute nicht mehr ausreicht. Auch haben Industrieverbände und die europäische Chemikalienbehörde ECHA selbst vereinfachte Ansätze zur ES-Erstellung entwickelt (Schlagwörter: Generische Expositionsszenarien, Beitragende Expositionsszenarien). Überhaupt ist festzuhalten, dass vom Gesetzgeber keine eindeutige Vorgabe bezüglich Struktur und Ablage von ES gegeben wurde und die Möglichkeit zulässig ist, die ES innerhalb eines bestimmten Rahmens individuell zu gestalten. Prosisoft hat daher hierzu entsprechende Werkzeuge entwickelt, mit deren Einsatz die Kunden ihre eigenen Vorstellungen umsetzen können. Wir bieten unseren Kunden an, sie bei Einsatz dieser Werkzeuge zu beraten, um gemeinsam Prozesse zu implementieren, die überschaubar und wartbar bleiben – ansonsten verliert das Ganze seinen Sinn und Kunden verweigern sich.

Im dritten Teil des Interview spricht Dr. Hans-Albert Beul über die Vorteile einer integrierten Gefahrstofflösung.

PROCESS: In Ihren Marketinginformationen führen Sie auf, dass das Gefahrstoffmanagementsystem GSM auch weitere Unternehmensprozesse unterstützt, was genau meinen Sie damit?

Beul: Wir haben ja bisher ausschließlich über Themen rund um das SDB besprochen. Und in der Tat die am häufigsten gestellte Frage, wenn Interessenten uns anrufen, ist sinngemäß: „Wir wollen Sicherheitsdatenblätter machen und suchen dafür ein System“. Bei dieser Frage weiß ich dann, sie suchen ein System für sagen wir mal 3000 Euro, mit dem sie dann alle Anforderungen, die meist mit genannt werden, abdecken können. Auf meine Frage, welches ERP-System sie einsetzen, wissen viele der Anrufer oder Mailer dies nicht. Das ist für uns der Hinweis, dass in diesem Unternehmen die Anforderung von der Fachabteilung gestellt wurde und über unternehmensweite Prozesse und deren Optimierung meist noch nicht nachgedacht wurde. Als wir 2004 zusammen mit Tectura die Entwicklung begannen, sind wir angetreten mit der Zielsetzung, ein Produkt mit vielfältigen Funktionen zu entwickeln, welche alle Unternehmensprozesse unterstützen soll, die direkt oder indirekt mit der Produktion, der Handhabung, dem Versand chemischer Produkte, der Rohstoffkontrolle usw. zu tun haben. Aus der Überzeugung heraus, dass mittelständische Unternehmen mittelfristig ein Warenwirtschafts- beziehungsweise ERP-System mit branchentypischen Ausprägungen einsetzen müssen, haben wir die Entwicklung mit der Tectura durchgeführt, die mit Microsoft Dynamics NAV ein für den Mittelstand geeignetes ERP-System anbieten kann.

PROCESS: Können Sie uns Beispiele nennen, welche Unternehmensfunktionen das GSM bedienen kann?

Beul: Lassen sie mich noch kurz einflechten: Die Daten, die für das SDB benötigt werden und in den klassischen 16 Kapiteln ausgegeben werden, sind natürlich in Datenbanken und dort in Tabellen gespeichert. Das heißt, dass wir sämtliche Daten auch für andere Zwecke als das SDB nutzen können. Und – durch die Integration in einem System – können Funktionen auf sämtliche Tabellen zugreifen und sich aus unterschiedlichen Bereichen die Daten zusammensuchen. Nehmen wir zum Beispiel die Abwicklung eines Verkaufsauftrags. Wird ein Verkaufsauftrag für einen Kunden erstellt, so kann bei Freigabe dieses Auftrags folgender Workflow stattfinden:

  • Der Auftrag wird als Verkaufslieferung gebucht.
  • Für diesen Artikel wird das SDB erstellt in der Sprache, die dem Debitor hinterlegt ist, natürlich unter Berücksichtigung der nationalen oder regionalen gesetzlichen Anforderungen für das Land, in das der Artikel geliefert wird, z.B. die nationalen Arbeitsplatzgrenzwerte, Rufnummern der jeweiligen nationalen Notrufzentralen, Besonderheiten wie Wassergefährdungsklassen usw.
  • Das SDB wird an den Debitor verschickt per E-Mail oder Fax, je nachdem welche Versandart hinterlegt ist.
  • Für die Packer werden parallel dazu die Etikettendaten produziert und das Versandetikett gedruckt.

Sämtliche Aktionen werden protokolliert und das SDB revisionssicher gespeichert.

Oder nehmen wir einen weiteren wichtigen Bereich, die Transportabwicklung. Auch um Transporte, die ganz oder zum Teil aus Gefahrgütern bestehen, helfen die Daten und die Funktionen des GSM den Firmen, den gesamten Transportprozess effizient zu gestalten. Ausgehend vom Verkaufsauftrag kann ermittelt werden, ob ein Transport als „Gefahrguttransport“ zu erfolgen hat oder ob aufgrund von Ausnahmeregelungen wie „Kleinstmengen“, „Freigestellte Mengen“ (1000 Punkte-Regel) normaler Transport und damit kostengünstiger durchgeführt werden kann. Arbeiten Unternehmen mit Speditionen zusammen, so kann der Spediteur bei Vorliegen aller Artikel für eine Ladung darüber informiert werden, ob er einen geschulten Gefahrgutfahrer schicken muss. Für Lufttransporte kann das GSM ermitteln, bis zu welchen Mengen im Passagierflugzeug transportiert werden darf oder ob ausschließlich ein Frachtflugzeug in Frage kommt etc. Ein aktuelles Beispiel – die Implementierung ist gerade im Gange – für das Zusammenwirken von Warenwirtschaft und GSM ist das Verschicken von Testergebnissen und Analysezertifikaten. Weiterverarbeiter erwarten von ihren Rohstofflieferanten, dass Qualitäten eingehalten werden. Diese werden je nach Produktart in einer Spezifikation beschrieben. Der Rohstofflieferant erstellt in der Regel für die Lieferung eine Analyse, das Labor erfasst die Analysedaten und daraus kann über Funktionen des GSM ein Analysezertifikat erstellt und dann zusammen mit einem Produktdatenblatt oder Technischen Merkblatt, das ebenfalls mit den Werkzeugen des GSMs erstellt wird, den Kunden zugestellt werden. Auch diese Zustellung geschieht mit den im GSM verfügbaren Versandfunktionen.

Im vierten Teil des Interviews erklärt Dr. Hans-Albert Beul warum Gefahrstofflösungen nicht nur für die chemische Industrie interessant sind.

PROCESS: Ist es so, dass das GSM ausschließlich für das Management von gefährlichen Produkten eingesetzt werden kann, also nur für die chemische Industrie in Frage kommt?

Beul: Da geben Sie mir ein gutes Stichwort. Wir haben einige Firmen aus der Lebensmittelindustrie, die unser Werkzeug einsetzen. Karotten Müller beispielsweise produziert Lebensmittelfarbstoffe, die aus Frucht- und Gemüse-Extrakten gewonnen werden. Primär zur Erstellung von Technischen Merkblättern und Produktbeschreibungen, sogenannten „Produkt-Spezifikationen“ setzt Karotten Müller das Gefahrstoffmanagement (NAV) ein. Karotten Müller unterliegt überhaupt nicht der Pflicht zur Beibringung von Sicherheitsdatenblättern, erstellt diese aber als Service für ihre Kunden, quasi als „Abfallprodukt“. Entsprechend der Produktpalette bestehen die „Gefahrstoffrezepturen“ nicht aus gefährlichen Chemikalien, sondern aus Zuckern, Früchten und Gemüse, allenfalls noch aus Zitronensäure,

die in reiner Form nach dem neuen Globally Harmonized System mit dem Ätzend- Piktogramm zu kennzeichnen wäre und als Säuerungssmittel eingesetzt wird. Karotten Müller muss Deklarationen bzgl. Der Produktbeschreibung und der Zusammensetzung erstellen. Dies errechnet das GSM auf Basis der zugrundeliegenden Rezeptur:

  • Die Produkt-Kategorie: „das Produkt besteht aus Früchten/Gemüsen/Pflanzen“ – mit dem Schmankerl, dass „Gemüse“ und „Pflanze“ im englischsprachigen Raum gemeinsam unter ‚Vegetables‘ laufen
  • Pflanzenfamilien werden gruppiert ausgewiesen: Rote Karotte und schwarze Karotte gehören zur Familie der Karotten
  • Der Koscher-, Koscher/Passover- und Halal-Status wird gegebenenfalls in Absprache mit dem konsultierten Rabbi ermittelt – nach dem Halal-Status fragt man einen Imam
  • Lebensmittel-Allergene werden identifiziert und gelistet
  • Nährwerte werden aus der Grundstoffrezeptur ermittelt bzw. berechnet

Nach eingehender Schulung haben die Mitarbeiter von Karotten Müller ihre diversen Deklarationen selbst konfiguriert.

Über sogenannte Artikelreferenzen kann Karotten Müller kundenabhängige Artikelnamen verwalten und diese auf den Datenblättern ausgeben. So könnte dann ein Artikel für Kunde A „Karotten-Orange“ für Kunde B „Red Fruit Orange“ heißen.

Im fünften und letzten Teil des Interviews weißt Dr. Hans-Albert Beul darauf hin, dass die Gefahrstofflösung nur so gut sein kann wie die Datenbasis die ihr zugrunde liegt.

PROCESS: Sie liefern ja auch den sogenannten „Content“, also Daten für Stoffe, wo bekommen Sie die Daten her?

Beul: Einen Teil der Daten entnehmen wir öffentlichen bzw. öffentlich zugänglichen Quellen, wie der Anhang VI der CLP-Verordnung (auch EU-GHS-Verordnung genannt), in dem ca. 4.500 Stoffe aufgeführt sind, daneben haben wir den Code of Practice der EFFA (European Flavour & Fragrances Association) mit ca. 1.600 organischen Grundstoffen sowie vielen weiteren Einträgen für Extrakte und Destillate pflanzlicher Herkunft hinzugenommen. Weitere Daten wie die Arbeitsplatzgrenzwerte für diverse Regionen sammeln wir aus unterschiedlichen Quellen. Die Daten werden jeweils in internen Datenbanken der Prosisoft gepflegt. Exportprogramme dienen dazu, die Datenpakete kundenspezifisch zu erstellen und für den Import in die Kundensysteme aufzubereiten. Wir arbeiten auch mit Unternehmen zusammen, die ebenfalls Daten liefern können. Eines sage ich auch ganz offen: Wir können nicht alles, was an Daten existiert, vorrätig haben, können aber unseren Interessenten und Kunden zusichern, dass wir aufgrund unserer Kontakte alles beschaffen können. Ein Problem besteht allerdings auf europäischer Ebene darin, dass die Chemikalienbehörde ECHA dank REACH- und CLP-Verordnung fleißig Daten, die zumindest teilweise für die Öffentlichkeit bestimmt sind, sammelt, diese aber nicht in geeigneter Form (d.h. in Form von Tabellen) publiziert. Wir haben dies – wie andere Softwarehersteller auch – gegenüber Vertretern der ECHA schon angesprochen. Ich will nicht direkt sagen ‚Kein Echo von der ECHA‘, bislang gibt es aber noch keine konkreten Termine, zum Beispiel für das sogenannte C & L Inventory. In diesem Verzeichnis sollen die Kennzeichnungsdaten für alle in Europa gehandelten Grundstoffe veröffentlicht werden – die bei der Behörde im Prinzip schon seit Dezember 2010 lagern. Für nicht gelistete Grundstoffe beispielsweise, die jeder Kunden noch benötigt, ist es für die unsere Kunden einfacher an die Daten für ihre Stoffe heranzukommen, da der Lieferant diese eigentlich liefern und gegebenenfalls auf Nachfrage auch weitere Auskunft geben muss. Wir können aber unseren Kunden dabei helfen, Datenbestände, die außerhalb von NAV existieren, (zum Beispiel über Rohstoffe beziehungsweise Grundstoffe, die nicht Bestandteil offizieller Listen sind) schnell ins GSM zu übertragen.

PROCESS: Abschließend einige Fragen zu Ihrem Unternehmen: Wer ist Prosisoft?

Beul: Prosisoft wurde im Jahr 2004 von Gerhard Walter und mir gegründet. Wir hatten uns Anfang der 90er Jahr bei einer großen deutschen Unternehmensberatung kennengelernt. Unter anderem haben wir dort ein großes Projekt im Bereich Gefahrstoffmanagement zusammen vorangetrieben, und haben mit Adabas/Natural ein System für ein großes weltweit operierendes Unternehmen implementiert. Ich habe in einem anderen Unternehmen Ende der 90er Jahre ein Gefahrstoffmanagementsystem unter Microsoft Access entwickelt. Herr Walter und ich hatten immer wieder mal spontan Kontakt. Als Herr Walter, der als Berater bei einigen Unternehmen tätig war, Kontakt mit Microsoft Dynamics NAV bekam, prüften wir, inwieweit die Umsetzung unserer konzeptionellen Vorstellungen unter NAV möglich wäre. Nach Erstellung eines Realisierungskonzepts haben wir uns mit Tectura geeinigt, gemeinsam ein Modul für Microsoft Dynamics NAV zu entwickeln. In einem Kooperationsvertrag wurden die Modalitäten der Zusammenarbeit festgehalten. Prosisoft beschäftigt weitere sieben festangestellte Mitarbeiter, Chemiker und Informatiker, die einerseits für die inhaltlichen Fragen entsprechende Kompetenzen besitzen, zum anderen die Konzepte technisch umsetzen. Sehr großen Wert legen wir bei Prosisoft auf die Feststellung, dass wir uns bei der Entwicklung an den jeweiligen branchenspezifischen Geschäftsabläufen orientieren, da unser wichtigstes Ziel, die Unterstützung der Geschäftsprozessen, die vom Gefahrstoffmanagement betroffen sind, erreichen wollen.

PROCESS: Wie konkret unterstützen Sie ihre Kunden bei Anwendung ihrer Systeme?

Beul: Zu Beginn eines Projekts, eigentlich schon in der Akquise-Phase, versuchen wir möglichst viele der Anforderungen des Kunden abzuklären. Vom Standard abweichende Anforderungen werden in Anforderungsdokumentationen, dann in Spezifikationen festgehalten und nach Abstimmung mit dem Kunden umgesetzt. Installationen erfolgen i.d.R. sehr rasch immer in der Reihenfolge:

  • Lieferung der Objekte (Merge wird meist von den Unternehmen selbst oder von einem Navision-Partner durchgeführt)
  • Import der Datenstrukturen und Regelwerke (RIM-Import) durch uns
  • Übernahme der Daten mittels Dataports durch uns

Die beiden letzten Aufgaben einschließlich der Konfiguration des Systems erfolgt in Absprache mit der DV des Kunden meist via Remotezugriff. Sowohl in der Anfangsphase, als auch im Folgenden sind wir eigentlich in ständigem Kontakt mit unseren Kunden. Das Thema Gefahrstoffmanagement ist ein sehr dynamisches. Ständige Gesetzesänderungen und -erweiterungen erfordern eine permanente daten- und softwareseitige Anpassung. Aufgrund der hohen Parametrisierung unseres Systems, kommen wir jedoch mit wenig Neuprogrammierung aus.

PROCESS: Durch die hohe Integration ihres Systems kommen Sie doch sicherlich auch mit zahlreichen Funktionen in anderen Bereichen in Berührung?

Beul: Ja, das ist so. Das hat auch dazu geführt, dass wir auch die Prozesse etwas abseits vom eigentlichen Gefahrstoffmanagement recht gut verstehen, zwar nicht gerade die Finanzbuchhaltung, aber alle die, die sich im Rahmen Produktion, Versand, Entwicklung bewegen. Bei aller Bescheidenheit erwähne ich gerne, dass auch die Entwicklungsmannschaften einiger unserer Kunden in regelmäßigem Kontakt zu unseren Entwicklern stehen und auch mal eines ihrer Probleme/ Anforderungen mit meinen Mitarbeitern besprechen. Lassen sie mich abschließend feststellen, dass unsere wichtigste Maxime ist:

  • Intensiver und ständiger Kontakt zu unseren Kunden,
  • damit wir frühzeitig neue Anforderungen erkennen,
  • um rasch und nachhaltig die Kunden zu bedienen.

PROCESS: Vielen Dank für das Interview.

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