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Zuckerreduktion Forderung nach Zuckerabgabe wird lauter

Redakteur: M.A. Manja Wühr

Der AOK-Bundesverband, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sowie die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) ziehen die Zwischenbilanz der Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten: Nicht genug. So kann man ihr Ergebnis zusammenfassen. Nun fordern sie gesetzliche Maßnahmen. Industrieverbände halten dagegen.

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AOK, BVKJ und DDG fordern gesetzgeberische Maßnahmen zur Zuckerreduktion. Industrieverbände sehen hingegen Erfolge bei Maßnahmen auf freiwilliger Basis.
AOK, BVKJ und DDG fordern gesetzgeberische Maßnahmen zur Zuckerreduktion. Industrieverbände sehen hingegen Erfolge bei Maßnahmen auf freiwilliger Basis.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Berlin – Weniger Zucker, Fette und Salz. Was zu einer gesunden Ernährung gehört wissen die meisten. Allein die Realität sieht anders aus. Pommes statt Salat. Pudding statt Apfel. Limonade statt Wasser. Es ist schwer angesichts der vielfältigen Verlockungen sich gesund zu ernähren.

Dessen ist sich auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bewusst. Vor allem die Fertigprodukte hat sie ins Visier genommen. Ende 2018 hatte sie dann auch die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie durchs Kabinett gebracht. Zentraler Bestandteil: Selbstverpflichtung. So hat sich die Lebensmittelwirtschaft verpflichtet, bis zum Jahr 2025 konkrete Reduktionsziele zu erreichen – vor allem für Kinderprodukte. Frühstückscerealien für Kinder sollen dann mindestens 20 Prozent weniger Zucker enthalten. Um 15 Prozent soll der Zuckergehalt von gesüßten Milchprodukten für Kinder und in Erfrischungsgetränken sowie in fruchthaltigen Getränken mit Zuckerzusatz sinken.

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Dieser Kurs freiwilliger Vereinbarungen mit Industrie und Handel reiche nach Meinung von AOK-Bundesverband, des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sowie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) nicht mehr aus. Sie fordern nun wirkungsvollere Maßnahmen von der Bundesregierung, um den hohen Zuckerkonsum in Deutschland in den Griff zu bekommen. „Eine Herstellerabgabe auf zuckergesüßte Erfrischungsgetränke würde das leisten“, betonte Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes anlässlich des dritten Deutschen Zuckerreduktionsgipfels in Berlin.

Ärzte: Abgabe für Schulsport oder Gemeinschaftsverpflegung verwenden

Dies ist auch eine Forderung aus der Ärzteschaft. Aufgrund des hohen Konsums schlägt auch der BVKJ Alarm. „Kinder und Jugendliche trinken im Durchschnitt bis zu einem halben Liter zuckergesüßte Erfrischungsgetränke pro Tag. Im Europavergleich liegt Deutschland damit auf dem dritten Platz. Das ist erschreckend, vor allem, wenn man die gesundheitlichen Folgen sieht, mit denen wir Pädiater tagtäglich in unseren Praxen konfrontiert sind“, sagt Dr. Sigrid Peter, Vizepräsidentin des BVKJ. Sie spricht sich ebenfalls für eine Herstellerabgabe aus und hat dabei konkrete Vorstellung über die Verwendung der Mittel. „Die durch eine Steuer generierten Einnahmen könnten zweckgebunden beispielsweise in den Schulsport oder in eine gesunde Gemeinschaftsverpflegung in Kitas und Schulen investiert werden“, so Peter. Die Gesetzgebungskompetenz hierfür liege beim Bund.

Auch die DDG-Präsidentin Prof. Dr. med. Monika Kellerer ist mit den bisher erzielten Ergebnissen nicht zufrieden: „Es wird deutlich, dass die freiwilligen Verpflichtungen der Lebensmittelindustrie leider unzureichend sind, um eine messbare und zielführende Zuckerreduktion zu erreichen.“ Andere machen das ihres Erachtens besser: „Großbritannien hat eindrucksvoll bewiesen, welche Erfolge man gerade bei Softdrinks mit steuerlichen Anreizen erreichen kann.“ (1)

Ähnliche Forderungen kommen auch von der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK): „Freiwillige Vereinbarungen zeigen bei Softdrinks eine zu geringe Wirkung“, sagt DANK-Sprecherin Barbara Bitzer. „Es braucht daher eine Abgabe, um die Hersteller zu mehr Innovation zu bewegen.“

Großer Kritikpunkt der DANK: Viele Softdrinks werden auch nach Ablauf der Nationalen Reduktionsstrategie 2025 noch deutlich zu viel Zucker enthalten. Bedeutsam sei auch nicht nur der Durchschnittswert, sondern welches Angebot der Kunde insgesamt zur Verfügung habe und was real gekauft werde. Nach Ansicht der DANK verbessert sich beides nachweislich durch eine Zuckersteuer. So ist in Portugal durch eine Steuer das Angebot an stark gezuckerten Produkten von zuvor 60,9 Prozent auf 36,8 Prozent aller Softdrinks gesunken (2). In Großbritannien hat sich der Absatz von mittel und stark gezuckerten Getränken durch die Softdrinksteuer halbiert. Zugleich ist der Verkauf von Wasser und zuckerarmen Getränken um 40 Prozent gestiegen.

Industrie: Selbstverpflichtung funktioniert

Die Reduktion von Zucker, Fetten und Salz betrifft nicht nur die Verbraucher*innen, sondern auch die Hersteller und deren Produktionen. Denn die Zutaten bestimmen nicht nur den Geschmack von Lebensmitteln und Getränken. Sie haben auch funktionelle Eigenschaften, die die Haltbarkeit, Konsistenz und Farbe der Produkte definieren. Simples Weglassen oder durch Ersatzstoffe ersetzen funktioniert also nicht. Das stellt die Lebensmittelhersteller vor große Herausforderungen hinsichtlich Produktentwicklung, Rezepturen und Produktionsprozessen. Da wundert es nicht, dass sich die Branche gegen restriktive Maßnahmen wehrt.

So sieht der Lebensmittelverband Deutschland die Nationale Reduktionsstrategie auf Erfolgskurs: Der erste Monitoringbericht des Max Rubner-Instituts zur Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie (3) zeige, dass die Lebensmittelwirtschaft die durchschnittlichen Zucker- bzw. Energiegehalte bereits signifikant senken konnte. Diese Ergebnisse sollten anerkannt und vor dem Hintergrund des vereinbarten Zeithorizonts bis zum Jahr 2025 bewertet werden. „Die Erfolge zeigen, wie richtig die Vorgehensweise und wie zuverlässig die Ernährungsbranche ist“, sagt Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbands. „Eine Zuverlässigkeit, die wir uns von anderen Teilnehmern der Reduktions- und Innovationstrategie auch wünschen würden. Schließlich hat die AOK an der Vereinbarung selbst mitgewirkt, die sie jetzt kritisiert.“

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Zudem sieht der Lebensmittelverband durch die aktuellen Forderungen die „konstruktive Zusammenarbeit und den gemeinsamen Dialog“ erschwert. Versichert aber, dass die Lebensmittelwirtschaft unverdrossen den gemeinsamen Weg weitergehen und sich konsequent an die getroffenen Vereinbarungen halten werde.

Kritik an der Forderungen nach einer Zuckerabgabe kommt auch von der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke (WAFG). Sie bezweifelt, dass eine Steuer sinnvolles Instrument zur gezielten und wirksamen Bekämpfung von Adipositas ist. Übergewicht ist nach Ansicht der WAFG ein komplexes Phänomen, für dessen Bekämpfung es keine simple Zauberlösung gäbe. Die immer wieder geforderte Steuer auf lediglich einzelne Produkte werde in der Realität ebenso wenig zielführend mit Blick auf die Entwicklung des Gesundheitsstatus betroffener Bevölkerungsgruppen sein. Denn in anderen Ländern habe die Einführung solcher Steuern bislang nicht dazu geführt, einen korrespondierenden Rückgang von Adipositas zu bewirken. Die Interessenvertretung räumt ein, dass es Ausweichbewegungen im Ernährungsverhalten gebe, das eigentliche Problem werde allerdings mit einer Steuer nicht adressiert.

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