Worldwide China Indien

Exklusiv-Interview zur Wirksamkeit von Energieaudits

„Energieaudits bringen viel zu wenig“

| Autor / Redakteur: Hans-Jürgen Bittermann / Dr. Jörg Kempf

„Mit einem ‚weiter so‘ werden wir die Ziele nicht erreichen – schon gar nicht die, zu denen wir uns in Paris bekannt haben.“ Prof. Alexander Sauer
„Mit einem ‚weiter so‘ werden wir die Ziele nicht erreichen – schon gar nicht die, zu denen wir uns in Paris bekannt haben.“ Prof. Alexander Sauer (Bild: Universität Stuttgart)

PROCESS: Herr Professor Sauer, Sie interpretieren das Ergebnis Ihrer Studie zur Wirksamkeit von Energieaudits mit den Worten „Die Auditpflicht ist als Tiger abgesprungen – landen wird sie mit Glück als Hauskatze.“ Das klingt nicht sehr optimistisch. Was und wie haben Sie untersucht, was sind die Ergebnisse?

Sauer: Wir haben die bei der BAFA gelisteten Energieauditoren befragt, wo sie Audits durchgeführt haben, welche Einsparpotenziale sie gefunden haben und was sie glauben, dass ihre Kunden umsetzen. Die Antworten haben wir dann hochgerechnet und daraus das bundesweit zu erwartende Einsparpotenzial bis 2020 ermittelt. Die Ergebnisse können nur als erster Indikator gewertet werden, da nicht alle Auditoren erreicht werden konnten und da es darüber hinaus einige Randbedingungen gibt, die nicht berücksichtigt werden konnten – z.B. gibt es weiterhin Organisationen, die erst noch Erstaudits durchführen, obwohl dies zum 5. Dezember des vergangenen Jahres hätte geschehen müssen. Ich hatte selbst vor der Untersuchung geglaubt, dass die Audits ein wirksames Mittel sind. Die Ergebnisse sind aber leider ernüchternd: nach unserer Hochrechnung wird das Einsparziel von 50,5 PJ Primärenergie bis 2020 zu weniger als 50 % erreicht.

PROCESS: Wenn die Berater in den Unternehmen nur relativ geringe Einsparpotenziale identifizieren: Woran liegt das – an der Qualität der Berater? Oder ist tatsächlich wenig einzusparen?

Sauer: Ich kann mir nicht vorstellen, dass im Durchschnitt so wenig einzusparen ist. Meist finden sich Einsparpotenziale mindestens im kleinen einstelligen Prozentbereich. Die Beraterlandschaft ist sicherlich sehr heterogen. Als ein weiterer Aspekt darf jedoch nicht vergessen werden, dass eine fundierte Analyse eben nicht zwischen Tür und Angel funktioniert, insbesondere wenn nur sehr wenige Daten vorhanden sind bzw. nicht leicht zu generieren sind.

PROCESS: Selbst die aufgefundenen Einsparpotenziale werden zu weniger als einem Drittel umgesetzt. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Sauer: Diese Aussage basiert ja auf den Antworten der Berater. Für eine Zurückhaltung bei der Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen gibt es oft mehrere Gründe. Unter Berücksichtigung von dem, was ich eben ausgeführt habe, scheinen die Unternehmen nur von wenigen Maßnahmen überzeugt worden zu sein – eine zu oberflächliche Betrachtung und Darstellung ist ein möglicher Grund. Selbst bei ausreichender Fundierung kann der Entscheider möglicherweise von einer Umsetzung abgehalten werden, etwa weil die Auswirkung auf das Betriebsergebnis als relativ klein angesehen wird, weil es Projekte mit kürzeren Amortisationszeiten gibt, oder weil die bestehenden Kreditlinien mit dem Kerngeschäft bereits ausgeschöpft werden. Selbst wenn all das nicht gegeben ist, kann es noch dazu kommen, dass Maßnahmen nicht umgesetzt werden, weil das Unternehmen keine Personalkapazitäten hat, die die Umsetzung der Maßnahmen koordinieren oder begleiten.

PROCESS: Unter den befragten Unternehmen waren auch Wasserversorger und Abwasserentsorger. Wo sehen Sie hier die relevanten Einspar-Potenziale? Und wie werden diese umgesetzt?

Sauer: In der Befragung wurden ca. 150 Unternehmen aus diesem Bereich berücksichtigt. Aus den Rückmeldungen konnten wir ein Einsparpotenzial von knapp 14 GWh pro Jahr hochrechnen. Wir konnten bei der Studie jedoch nicht branchenspezifische Stellhebel analysieren. In der Studie sind insgesamt allerdings wieder die üblichen Verdächtigen auf den vorderen Positionen bei den identifizierten Einsparpotenzialen: Beleuchtung, Heizung und elektrische Verbraucher.

PROCESS: Was muss sich ändern, um die ambitionierten Energieziele der Regierung noch zu erreichen?

Sauer: Es gibt zwei klare Stellhebel: Es muss mehr gefunden werden und es muss hiervon mehr umgesetzt werden – und zwar deutlich mehr. Dies kann z.B. durch bessere Qualifikation der Auditoren oder mehr Zeit für die Audits gelingen. Warum nicht einen „Audit-Gutschein“ einführen, der die Auditkosten teilweise deckt? Die liegen nämlich für die voraussichtlich bis 2020 umgesetzten Maßnahmen zur Energieeinsparung sehr hoch. Oder eine Umsetzungspflicht mit Einspargarantie für Maßnahmen, die eine definierte Wirtschaftlichkeitsschwelle überschreiten? Ideen finden sich sicherlich viele, die Umsetzung (auch von Seiten des Gesetzgebers) und Finanzierung ist eine ganz andere Frage. Fest steht: Mit einem „weiter so“ werden wir die Ziele nicht erreichen – schon gar nicht die, zu denen wir uns in Paris bekannt haben.

PROCESS: Auf dem 4. Effizienz-Gipfel des EEP im Juni dieses Jahres haben die Teilnehmer unter anderem über das Thema ‚FlexEfficiency‘ diskutiert – also die Frage, ob die Industrie in Sachen Stromverbrauch mehr Flexibilität oder mehr Effizienz braucht. Mit welchem Ergebnis?

Sauer: Das ist eine sehr interessante Frage für den Abschluss einer solchen Veranstaltung. Nur von dem Ergebnis zu berichten, würde der Sache aber nicht gerecht: Am Anfang des Gipfels gab es bei der Abstimmung zunächst eine leichte Tendenz zur Flexibilität – und zwar sowohl in der Wirtschaft als auch in der Wissenschaft und Politik. Wir haben drei Mal die gleiche Frage gestellt‚ nämlich ob Flexibilität oder Effizienz von höherer Bedeutung für das Gelingen der Energiewende sind. Am Ende des Gipfels hatte sich die Stimmung dann deutlich verändert. Eine überwiegende Mehrheit war nun der Überzeugung, dass die Energieeffizienz entscheidend für die Energiewende ist. Wollen wir hoffen, dass das nun angestoßene und als Grünbuch gerade veröffentlichte Energieeffizienzgesetz einen großen Schritt nach vorne macht.

Weitere Artikel zum Thema Energieeffizienz:

Inhalt des Artikels:

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 44228166 / Wasser/Abwasser)