Länderreport Schweiz Eidgenössische Chemieindustrie

Autor / Redakteur: Axel Simer, Germany Trade and Invest / Wolfgang Ernhofer

Die Chemieindustrie der Schweiz ist stark durch den Außenhandel geprägt. Während der Wechselkurs des Schweizer Frankens die Wettbewerbsfähigkeit der Chemie- und Pharmabranche maßgeblich beeinflusst, sichern Forschung und Entwicklung den Schweizer Unternehmen trotzdem eine Spitzenposition auf dem Weltmarkt.

Anbieter zum Thema

(Bild: wikimedia commons)

Bonn; Zürich/Schweiz – Die chemische Industrie der Schweiz wuchs 2010 noch zweistellig, spürte jedoch 2011 sehr deutlich die Konjunkturabkühlung in Europa und anderen Teilen der Welt sowie den stark aufgewerteten Franken. Die bedeutenden Unternehmen des Sektors erzielen etwa 90 Prozent ihrer Umsätze im Ausland. Gleichzeitig muss der Wirtschaftszweig fast alle Ausgangsstoffe importieren. Im Jahr 2011 stammte erneut etwa ein Viertel aller schweizerischen Einfuhren von Branchenprodukten aus Deutschland.

Marktentwicklung/-bedarf

Die schweizerische Pharma- und Chemieindustrie gilt nach Einschätzung der Bank Credit Suisse International als besonders wettbewerbsfähig. Durch die weltweite Spitzenposition in der Forschung, die hohe Arbeitsproduktivität, die geografisch diversifizierten Exporte sowie die demografische Entwicklung verfügt der Sektor in der Schweiz über ein ausgezeichnetes Wachstumspotenzial. Mittelfristig sind die Aussichten der Branche somit sehr günstig.

Entwicklung nach der Wirtschaftskrise

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise ist für den Industriezweig Geschichte. Bereits seit dem Jahresende 2009 geht es in allen Segmenten wieder bergauf. Als frühzyklische Branche profitierte die gesamte Chemie 2010 von der konjunkturellen Erholung. Das Jahr 2011 entwickelte sich jedoch stark unter dem Einfluss des aufgewerteten Schweizer Franken. Die nominalen Umsätze (einschließlich Pharma) gingen um fast elf Prozent zurück, die Produktion um zwei Prozent.

Für 2012 avisieren Branchenkenner eine leichte Besserung, vor allem dank der Wechselkursstabilisierung der Schweizer Nationalbank. Allerdings war die Nachfrage aus dem Inland zu Jahresbeginn 2012 geringfügig rückläufig, während die Auftragseingänge aus dem Ausland etwas über dem Vorjahresniveau lagen.

Kunststoffindustrie

Die Umsätze der schweizerischen Kunststoffindustrie erreichten laut Kunststoff Verband Schweiz 2010 einen Wert von 11,5 Milliarden Euro. Damit lagen sie in Schweizer Franken gerechnet um fast zehn Prozent über dem Niveau von 2009 und nur knapp unter dem Wert des Rekordjahres 2008. Die Wirtschaftskrise hatte den starken Expansionskurs 2009 scharf abgebremst, was Lieferanten von Rohstoffen und Maschinen hart getroffen hatte. Im Kielwasser der sich erholenden Konjunktur fand der Wirtschaftszweig 2010 wieder auf den Wachstumspfad zurück.

Baubranche

Die robuste Baubranche, welche ein wichtiger Abnehmer der Kunststoffindustrie ist, war ein zentraler Faktor für die rasche Erholung. Im 2. Halbjahr 2011 verpuffte die Dynamik allerdings aufgrund der nachlassenden Weltkonjunktur und entsprechender Auswirkungen auf die Exporte.

Für 2012 rechnen die Prognostiker mit leicht positiven Wachstumszahlen. Zwar drückt der hohe Außenwert des Franken auf die Preismargen, andererseits profitieren die nationalen Hersteller von der starken Landeswährung, da sie ihre Rohstoffe hauptsächlich importieren.

Körperpflege und Kosmetika

In der Schweiz wurden im Jahr 2010 Körperpflegemittel und Kosmetika im Wert von etwa 1,6 Milliarden Euro umgesetzt (nominale Veränderung 2010/09 auf sfr-Basis: +1,7 Prozent). Im Vorjahr hatte der Markt gegenüber 2008 um 1,4 Prozent expandiert.

Nach Angaben des Schweizerischen Kosmetik- und Waschmittelverbands (SKW) verzeichneten 2010 acht der zehn Teilmärkte Zuwachsraten. Am meisten legte die dekorative Kosmetik (+5,4 Prozent) zu, gefolgt von Körperpflege (+2,8 Prozent) und Gesichtspflege (+2,1 Prozent). Minuswerte hatten die Teilbereiche Pre- und Aftershave (-1,9 Prozent) und Haarpflege (-1,7 Prozent) zu verkraften.

Bedeutendste Marktsegmente sind Parfum und Gesichtspflege, auf die rund ein Drittel des Umsatzes entfällt. Naturkosmetik und zielgruppenorientierte Kosmetika liegen weiter im Trend. Speziell zugeschnittene Produkte von der Lotion bis zum Shampoo für "Best Ager" (im Alter von 50 Jahren und aufwärts), Männer und Teenager boomen.

Ergänzend zu Anti-Cellulite-Anwendungen drängen Modelling-/Slimming- sowie Anti-Aging-Erzeugnisse auf den Markt. Insgesamt sind vor allem Waren mit natürlichen Inhaltsstoffen gefragt. Auch Nutriceuticals (funktionelle, mit zusätzlichen Inhaltsstoffen angereicherte Lebensmittel) sind in der Schweiz beliebt.

Seifen, Wasch- und Reinigungsmittel

Relativ schwach präsentierte sich 2010 der schweizerische Markt für Seifen, Wasch- und Reinigungsmittel. Lediglich zwei von sechs Teilmärkten (flüssige Waschmittel und Reinigungsmittel) meldeten steigende Absatzzahlen. Insgesamt kletterte der Umsatz um 0,6 Prozent auf rund 593 Millionen Euro. Bei den Reinigungsmitteln werden laut SKW die Umwelteigenschaften der Erzeugnisse immer wichtiger.

Wachsender Beliebtheit erfreuen sich ökologisch abbaubare Produkte und Waschmittel, die bei einer niedrigen Temperatur effizient waschen.

Pharmaindustrie

Einer der wichtigsten Wachstumsmotoren der Chemiebranche ist die pharmazeutische Industrie. Das Gesundheitswesen übt in der Schweiz gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten eine stabilisierende Rolle aus, wie sich in den vergangenen Jahren gezeigt hat.

Nach Berechnungen der Konjunkturforschungsstelle KOF legten die Gesundheitsausgaben 2011 um 3,2 Prozent zu. Für 2012 sagt das Institut einen Zuwachs um 3 Prozent voraus, für 2013 weitere 3,5 Prozent Steigerung.

Dementsprechend dürfte auch der Verkauf von Arzneimitteln zulegen, zumindest was die Menge angeht.

Treiber der Nachfrage ist das anhaltende Bevölkerungswachstum. Die Preise stehen hingegen stark unter Druck, da viele vormals patentgeschützte Präparate als billigere Generika auf den Markt gebracht werden.

Die nominalen Umsätze mit Arzneimitteln zu Herstellerabgabepreisen stiegen daher 2011 um geringfügige 0,7 Prozent auf 3,9 Milliarden Euro, das Mengenwachstum betrug ein Prozent (auf 206 Millionen Packungen). Ein Jahr zuvor war der Umsatz sogar rückläufig gewesen. Im Grunde stagniert der Markt damit seit 2009.

Für 2012 und 2013 erwartet das Beratungsunternehmen IMS Health eine leichte wertmäßige Schrumpfung des Marktes. Ein weiterer Grund dafür sind neben den Generika kostendämpfende Maßnahmen des schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit.

Der Erlös von Generika-Verkäufen nahm 2011 um 4,5 Prozent auf 388 Millionen Euro zu (2010: +4 Prozent). Die Nachahmerpräparate steigerten dadurch ihren Anteil am Markt patentabgelaufener Arzneimittel auf 31,6 Prozent (+0,4 Prozent zum Vorjahr). Dieser Markt umfasst Originalpräparate mit abgelaufenem Patentschutz sowie Generika. Dem Branchenverband VIPS zufolge stammt knapp ein Drittel der in der Schweiz verkauften Medikamente aus einheimischer Fertigung.

Produktion/Branchenstruktur

Der jüngsten Betriebsstättenzählung des Bundesamts für Statistik zufolge bestanden 2008 in der Schweiz 642 Betriebe der chemischen Industrie mit 36 400 Beschäftigten sowie 206 Pharmaunternehmen mit 35 200 Mitarbeitern.

Knapp 2000 Firmen stellten mit 44 700 Angestellten Gummi- und Kunststoffwaren her. Der Chemie- und Pharmasektor ist einer der am stärksten wachsenden Bereiche der schweizerischen Industrie. Allein zwischen 1995 und 2010 wuchs die Produktion der Branche durchschnittlich um 14,3 Prozent jährlich. Der gesamte Wirtschaftszweig legte in dem Zeitraum lediglich um 2,9 Prozent pro Jahr zu.

Die inländische Bruttowertschöpfung des Chemie- und Pharmasektors betrug 2010 laut Credit Suisse 15 Milliarden Euro, die der Kunststoffindustrie zwei Milliarden Euro.

Die Chemiebranche der Schweiz ist stark außenwirtschaftsorientiert. Sie ist für mehr als ein Drittel der gesamten schweizerischen Exporte verantwortlich. Nahezu alle Ausgangsstoffe der chemischen und pharmazeutischen Industrie müssen jedoch importiert werden, mehr als 80 Prozent davon aus der EU. Die einheimischen Firmen konzentrieren sich auf Life-Science-Produkte. Darunter fallen insbesondere Pharmazeutika, Vitamine, Agrochemikalien sowie Diagnostika.

Außenhandel

Die Einfuhren chemischer Produkte in die Schweiz expandierten im Nachkrisenjahr 2010 kräftig und legten - in Euro gerechnet - auch im Zeitraum Januar bis November 2011 um 5,3 Prozent im Vergleich zur Vorjahresperiode zu.

Besonders starke Zuwächse verbuchten Düngemittel (+9 Prozent) sowie medizinische und pharmazeutische Produkte (+7,2 Prozent). Mit einem Anteil von rund 50 Prozent waren medizinische und pharmazeutische Erzeugnisse erneut die mit Abstand wichtigste Importkategorie.

Mehr als ein Viertel der schweizerischen Chemieimporte stammte aus Deutschland. Damit belegte das Land wie schon in den Vorjahren den ersten Platz unter den wichtigsten Liefernationen vor Irland. Besonders hoch waren die deutschen Anteile in den Segmenten "Kunststoffe in anderen Formen als Primärformen" (SITC 58; 56 Prozent) sowie "Farbmittel, Gerbstoffe, Farben" (SITC 53; 46 Prozent).

Die schweizerischen Chemieexporte übertreffen die Branchenimporte bei Weitem. Die Ausfuhren beliefen sich im Gesamtjahr 2011 auf 60,5 Milliarden Euro. Das waren - nominal und auf Basis des Schweizer Franken - 1,7 Prozent weniger als 2010. Rund drei Viertel der Exporte entfielen auf medizinische und pharmazeutische Erzeugnisse. Zu dieser Teilbranche zählte mit den immunologischen Produkten auch das einzige Wachstumssegment der ganzen Branche (+4,4 Prozent zum Vorjahr).

Geschäftspraxis

Für Zollfragen und Einfuhrverfahren ist die Eidgenössische Zollverwaltung (EZV) zuständig. Informationen zu Normen und Standards in der Schweiz sind unter http://www.seco.admin.ch verfügbar.

Eine ausführliche Darstellung der Zulassungsverfahren für Humanarzneimittel in der Schweiz findet sich auf der Internetseite der zuständigen Behörde swissmedic. Für Farben und Lacke besteht eine Deklarationsverpflichtung.

Tabellen, Zahlen und weitere Fakten zur Chemieindustrie in der Schweiz finden Sie in der Bildergalerie des Artikels.

* Quelle: Germany Trade and Invest

(ID:33311950)