Länderreport VR China Dynamik der Chinesischen Chemieindustrie flacht ab

Autor / Redakteur: Bernd Schaaf, Germany Trade and Invest / Wolfgang Ernhofer

Der chinesische Markt für chemische Produkte hat 2011 zwar wiederum mit hohen Zuwachsraten abgeschlossen, zur Jahresmitte 2012 hat sich die Dynamik jedoch beträchtlich abgekühlt.

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(Bild: wikimedia commons)

Shanghai – Im Vorjahr expandierte der chinesische Markt für chemische Produkte im Vergleich zu 2010 um 30,3% auf 1.100 Mrd. US$. Für 2012 erwarten Beobachter nun, dass das Wachstum auf ein Plus von höchstens 15% zurückgehen wird, da der Außenhandel stagniert und auch der Binnenmarkt weniger aufnahmebereit ist.

Marktentwicklung/-bedarf

Der chinesische Markt für chemische Erzeugnisse legte 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 30,3% (Vorjahr: +33,7%) auf umgerechnet rund 1.100 Mrd. US$ zu. Dabei stieg die Produktion um 26,4% auf 1.038 Mrd. US$, die Exporte (Basis: SITC) erhöhten sich um 31,1% auf 115 Mrd. US$ und die Importe um 21,0% auf 181 Mrd. US$.

Auf Monatsbasis gesehen gingen die Steigerungsraten der Produktion allerdings kontinuierlich zurück und erreichten im März 2012 im Vergleich zum Vorjahresmonat noch ein Plus von 17,7%. Die Abkühlung der Weltkonjunktur zeigt auch in der chinesischen Chemie ihre Wirkung, so dass vom Export keine neuen Impulse kommen. Im April 2012 lagen die Lieferungen ins Ausland sogar um 7,0% unter den Werten des Vorjahresmonats.

Die hohen Zuwachsraten im Jahr 2011 führten auch zu dynamischen Investitionen in festes Anlagevermögen. Nach Angaben des Statistischen Amtes stiegen die Aufwendungen der Branche (ohne Öl und Gas) im Vergleich zum Vorjahr um 26,4% auf 890 Mrd. Renminbi (RMB; etwa 137 Mrd. US$; durchschnittlicher Devisenkurs 2011: 1 US$ = 6,48 RMB).

Beobachter sind sich dennoch einig, dass die Dynamik im Gesamtjahr 2012 beträchtlich zurückgehen dürfte. Auf der einen Seite sind die Leitzinsen immer noch hoch , um die Inflation zu begrenzen.. Zum anderen zeigen große Abnehmersektoren wie beispielsweise der Automobilbau deutliche Bremsspuren, während der Schiffsbau sogar Rückgänge aufwies. Und auch die Baubranche hat ihre zuletzt überbordenden Steigerungsraten nicht beibehalten können.

Da auch der Einzelhandel zwischenzeitlich wieder in ein ruhigeres Fahrwasser gerät, gehen Beobachter davon aus, dass sich die Dynamik im chinesischen Chemiemarkt im Jahr 2012 im Vergleich zu 2011 um mehrere Prozentpunkte abschwächen wird. Analysten halten eine Marktexpansion um 15% für erreichbar.

Abgesehen von wenigen Ausnahmen bleiben die Lieferchancen für deutsche Hersteller zwar insgesamt gut. Die Importdynamik hat sich allerdings in vielen Segmenten abgeschwächt. Insbesondere deutsche Arzneimittellieferanten kamen unter Druck - und dies vor dem Hintergrund insgesamt stark steigender chinesischer Medikamenteneinfuhren.

Aktuell sind zum Beispiel die Importmärkte für Düngemittel außerordentlich günstig, deutsche Lieferanten sind allerdings kaum vertreten. Weitere Branchen, in denen deutsche Hersteller Schwierigkeiten haben, sind unter anderem Kosmetika. Bei Schönheitsmitteln haben traditionell Frankreich sowie Japan und die USA die Nase vorn.

Produktion/Branchenstruktur

Die Chemieerzeugung in der VR China legte im Gesamtjahr 2011, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zweistellig zu. Zu den Spitzenreitern gehörte mit einem Zuwachs von mehr als einem Fünftel die Herstellung von Pestiziden sowie von Kunststofferzeugnissen. Aber auch die Waschmittel- und Chemiefasernherstellung legten zweistellige Steigerungsraten vor.

Im 1. Quartal 2012 hat sich die Produktion deutlich abgeschwächt. Von den etwa 80 chemischen Erzeugnissen, die in der Statistik der China Chemical Industry News aufgeführt werden, lagen 15 Warengruppen im negativen Bereich. Am schlimmsten traf es die Hersteller von Acrylnitril-Butadien-Styrol (ABS), die in den ersten drei Monaten 2012 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Rückgang um 22,3% auf 152 Mio. t hinnehmen mussten.

Weitere 17 Sektoren stagnierten entweder oder hatten ein Wachstum von höchstens 5%. Die restlichen Branchen lagen mit wenigen Ausnahmen bei etwa 10% Zunahme. Ausnahmen nach oben bildeten Herbizide (+41%), Zellulosefasern (+35%) sowie Phosphatdünger (+30%).

Geographische Schwerpunkte der Chemieindustrie liegen im Yangzi-Delta mit einem Anteil von 25% an der gesamten Erzeugung 2010 sowie in Shandong (18%) und Guangdong (8%). Das Yangzi-Delta ist insbesondere in der Chemiefaserfertigung (Anteil an der gesamten chinesischen Herstellung: 77%) sowie bei Pestiziden (53%) führend.

Zwar ist die Bruttoproduktion von Chemie einschließlich Petrochemie mit einem Umfang von 11.116 Mrd. RMB (2011) beeindruckend. Es zeigt sich aber, dass die Erzeugung von vielen Tausend kleineren Firmen getragen wird. Insgesamt existierten Ende 2011 rund 26.700 Branchenunternehmen, die nur durchschnittliche Umsätze von 400 Mio. RMB vorlegen konnten.

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Das derzeit größte Projekt in der chemischen Industrie wird in der nordchinesischen regierungsunmittelbaren Stadt Tianjin durchgeführt. Der Investitionsumfang wird mit 11 Mrd. RMB angegeben. Die Sinopec Tianjin hat vor, jährlich 260.000 t Polycarbonate herzustellen.

Ein weiteres Großprojekt entsteht in Fanxian (Provinz Shandong). Das Unternehmen Shandong Xiangfeng Mining Industry Group will insgesamt 8 Mrd. RMB investieren, um 300.000 t kalzinierte Soda sowie 450.000 t PVC pro Jahr zu produzieren.

Außenhandel

Die chinesischen Einfuhren von chemischen Erzeugnissen entwickelten sich 2011 außerordentlich dynamisch. Nach Zollangaben erhöhten sich die Auslandsbezüge im Vergleich zum Vorjahr (Basis: HS) um 20,1% auf 185,9 Mrd. US$. Mit diesem Ergebnis wurde das Vorkrisenniveau (2008: 124,2 Mrd. US$) weit übertroffen und die VR China rückt als Abnehmer von Branchenprodukten im globalen Vergleich zusehends zum bislang größten Markt - den USA (Chemieimport 2011: 189,1 Mrd. US$) - auf. In Segmenten wie anorganischen Chemikalien, Farben und Lacke, Kunststoffe in Primärform oder chemischen Halbwaren ist die VR China heute schon der weltweit größte Importeur.

Die Importe aus Deutschland legten 2011 um 18,1% auf 9,7 Mrd. US$ zu. Damit stellten deutsche Lieferanten 5,2% (Vorjahr: 5,3%) der gesamten chinesischen Einfuhren von chemischen Erzeugnissen. Spitzenreiter war Korea (Rep.) vor Japan, Taiwan, den USA und Saudi-Arabien. Deutschland folgte auf Rang sechs.

Strukturell gesehen legten bei den chinesischen Importen Arzneimittel (HS 30) mit einem Plus von 43,0% auf 10,3 Mrd. US$ besonders kräftig zu. Abgesehen von Farben und Lacken bewegten sich die meisten anderen Sektoren bei ihren Zuwächsen zwischen 10 und 20%.

Deutsche Hersteller waren 2011 am stärksten bei Arzneimitteln vertreten. Mit Lieferungen im Umfang von knapp 1,7 Mrd. US$ (+34,0%) stellten sie 16,3% der chinesischen Auslandsbezüge und nahmen damit Rang eins ein. Auch bei Farben und Lacken sind Bezüge aus Deutschland stark vertreten.

Die Aussichten 2012 sind für ausländische Lieferanten chemischer Erzeugnisse allerdings verhalten. Gefragt bleiben Düngemittel sowie Medikamente, während sich das Umfeld für anorganische Chemikalien stark verdüstert hat.

Die chinesischen Chemieausfuhren erreichten 2011 mit einem Plus von 31,1% auf 115 Mrd. US$ einen neuen Rekord. Wie Analysten erwartet hatten, überholte das Reich der Mitte damit erstmals Frankreich als Exporteur von chemischen Erzeugnissen und nahm nach Deutschland, den USA und Belgien Rang vier ein.

Größte Exportsegmente waren 2011 organische sowie anorganische Chemikalien, die zusammen mehr als 40% der chinesischen Branchenausfuhren stellten. Es folgten Arzneimittel mit Anteilen von 10%. Wichtigste Abnehmerländer waren die USA, Japan sowie Indien und Korea (Republik).

Geschäftspraxis

Eine zentrale "Zulassungsbehörde", bei der alle Fäden zusammenlaufen, existiert in der VR China nicht. Stattdessen ist eine Vielzahl unterschiedlicher Behörden involviert - von der State Food and Drug Administration, der General Administration of Quality Supervision, Inspection and Quarantine, dem China Inspection and Quarantine Service bis hin zur State Administration of Work Safety.

Grundsätzlich ist es unbedingt erforderlich, sich produkt- beziehungsweise einzelfallabhängig über die gerade gültigen Regelungen zu informieren. Auch ist genügend Zeit einzuplanen, dies gilt speziell für den Pharmabereich.

Tabellen, Zahlen und weitere Fakten zur Chemieindustrie in der VR China finden Sie in der Bildergalerie des Artikels.

* Quelle: Germany Trade and Invest

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