Integrität im Fokus Die Prozessindustrie muss von gelebten Werten profitieren

Ein Gastbeitrag von Dr. Katja Nagel

Geht es um die Steigerung des Unternehmenswerts oder die Verringerung von Risiken, dann sollte eine zentrale Maßnahme in den Mittelpunkt von Unternehmen aus der Prozessindustrie treten: die Stärkung der Integritätskultur.

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Dr. Katja Nagel leitet das Global Organizational Integrity Institute in München und beschäftigt sich sehr intensiv mit organisationaler Integrität.
Dr. Katja Nagel leitet das Global Organizational Integrity Institute in München und beschäftigt sich sehr intensiv mit organisationaler Integrität.
(Bild: Nagel)

Durch immer höhere regulatorische und ethische Anforderungen auf nationaler und internationaler Ebene wird für Unternehmen aus der Prozessindustrie die Frage nach einem wirksamen System zur Verhinderung von Gesetzesverstößen immer wichtiger. Während in diesem Zusammenhang so ziemlich alle Branchenteilnehmer über ein effektives Compliance-Management-System verfügen, rückt die Bedeutung von Integrität als Erfolgsfaktor scheinbar erst nach und nach in den Blick. Das könnte zum einen daran liegen, dass Integrität ein abstrakter und erklärungsbedürftiger Begriff ist und die Vorstellung von integrem Handeln schwer zu vermitteln ist. Es könnte aber auch daran liegen, dass soziale Konstrukte wie Werte, Kultur oder eben auch Integrität im traditionell sehr zahlengetriebenen Managementverständnis noch immer bestenfalls als weiche Faktoren gelten.

Vorbeugung durch Integrität

Bloße Compliance und ihr Management reichen aber oftmals nicht aus. Compliance heißt ja nicht mehr als die geschriebenen Regeln zu befolgen. Integrität dagegen bedeutet, sich aus eigener Überzeugung im Einklang mit dem eigenen Wertesystem an gesellschaftliche Werte und Normen zu halten, geschriebene wie ungeschriebene, im Sinne eines ethischen Rahmens. Es geht also darum, dass Compliance dafür sorgen soll, dass Gesetze eingehalten werden. Während Integrität im Unternehmen dafür sorgt, dass auch in Graubereichen das Verhalten der Organisation nicht nur legal, sondern auch legitim ist.

Führungskräfte aus der chemischen Industrie, der Pharma- und Biotechindustrie sowie alle Zuliefererunternehmen stehen demnach mehr denn je in der Verantwortung, Offenheit, Fairness, Solidarität und Transparenz in alle Richtungen auszustrahlen. Auch und vor allem vor dem Hintergrund des Mitte Juni vom Bundestag verabschiedeten Lieferkettengesetzes, das Unternehmen entlang der gesamten Lieferkette zur Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards verpflichtet.

Um die Anforderungen des Gesetzes in allen Punkten zu erfüllen, müssen viele Unternehmen ihre Geschäftsprozesse überdenken und anpassen. Sie müssen integres Verhalten selbst vorleben und für andere sichtbar machen, warum man in einer bestimmten Situation nach diesen Kriterien entschieden hat. Darüber hinaus Dilemmata selbst auflösen und offen ansprechen, anstatt sie zu ignorieren. Nicht nur mit Entscheidungen und Anweisungen auf sich aufmerksam machen, sondern insbesondere durch das eigene Verhalten als Vorbild agieren.

Zwei zentrale Wirkungsweisen

Kommt diese Verhaltens- und Bewusstseinsänderung zum Tragen, dann entfaltet sich die Wirkung von Integrität in zwei Richtungen: Die Steigerung des Unternehmenswerts auf der einen Seite und die Verringerung von Risiken auf der anderen. Gelebte Integrität wirkt sich in erster Linie nachhaltig auf den Unternehmens- und Markenwert aus. Durch die Einhaltung von ESG-Kriterien (Environmental, Social, and Corporate Governance), die für alle Unternehmen aus der Branche immer wichtiger werden, wird die Attraktivität positiv beeinflusst. Nicht nur hinsichtlich der Kunden und potenzieller, neuer Mitarbeiter, sondern Integrität erhöht die Zuverlässigkeit und Effizienz in der Zusammenarbeit und steigert auf diese Weise auch die Mitarbeiterzufriedenheit.

Andersrum betrachtet, kann durch Integritätsmissachtung bereits ein einziger Vorfall weitreichende Folgen hinsichtlich der Reputation von Konzernen haben. Er kann hohe Straf- und Schadensersatzzahlungen bedeuten, die individuelle Strafverfolgung oder hohe Umsatzverluste. Insofern sollten Unternehmen all ihre internen Prozesse und Strukturen, etwa Infrastruktur, Betriebsklima und Unternehmensprodukte, aber auch alle externen Berührungspunkte mit Kunden, auf den Prüfstand stellen. ●

* Die Autorin ist Leiterin des Global Organizational Integrity Institutes (GOII) in München.

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