Weiße Biotechnologie Die Methodenentwicklung in der weißen Biotechnologie schreitet rasant voran

Redakteur: Dr. Jörg Kempf

Bisher lag der Fokus in der weißen Biotechnologie sehr stark auf Screening-Systemen und genombasierten Ansätzen. Doch es gibt immer mehr anwendungsbereite Verfahren. Dr. Holger Zinke, Gründer der Brain AG und einer der Pioniere der Querschnittstechnik, geht im PROCESS-Interview auf aktuelle Entwicklungen ein.

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Dr. Holger Zinke, Vorstandsvorsitzer Brain: „Die Diskussion, ab wann sich der Umstieg lohnt, wird viel zu stark an einem kritischen Ölpreis fest gemacht.“
Dr. Holger Zinke, Vorstandsvorsitzer Brain: „Die Diskussion, ab wann sich der Umstieg lohnt, wird viel zu stark an einem kritischen Ölpreis fest gemacht.“
( Bild: Brain )

PROCESS: Herr Dr. Zinke, vor welchen technologischen Herausforderungen steht die industrielle Biotechnologie, und wo sehen Sie konkreten Forschungsbedarf?

Zinke: Es ist gerade die Leistung der Wissenschaftler und Technologen in den vergangenen Jahren, im Screeningbereich bei immer komplexeren Bibliotheken die Zeiten drastisch reduziert zu haben. So passen diese Phasen nunmehr in die Entwicklungsraster der Industrie. Das war vor zehn Jahren anders. Aber klar muss an die „Discovery“-Phase eine „Development“-Phase anschließen, hier treten wir gegen ein halbes Jahrhundert chemischer Expertise an. In der Entwicklung von Designer-Mikroorganismen, modernen Expressionssystemen und dem Design von Biosynthesekaskaden liegen die Herausforderungen. Es wird also noch komplexer, aber die Methodenentwicklung in Metagenomik, Bioinformatik, Sequenziertechnologien, synthetischer Biologie und Metabolomik geht rasant weiter.

PROCESS: In der Chemie stehen kapitalintensive Produktionsanlagen häufig einem Wechsel zu Produktionsmethoden der weißen Biotechnologie entgegen. Wann lohnt sich der Umstieg?

Zinke: Die Diskussion ab wann sich der Umstieg lohnt, wird viel zu stark an einem kritischen Ölpreis festgemacht. Man kann solche Initiativen nicht an einen hochvolatilen Rohstoffpreis koppeln und die Entwicklung bei Über-/Unterschreitung an- bzw. ausschalten. Es ist mehr eine Frage der Nachhaltigkeit der Produktpalette: wenn das biotechnische Produkt neu ist, überlegene Eigenschaften hat, einen Markttrend befriedigt, etwa in der Kosmetik oder Ernährung, dann lohnt sich der Einstieg. Es ist also meines Erachtens eher eine Frage des Einstiegs bei Spezialitäten als die eines Umstiegs bei Commodities.

PROCESS: Wie wird sich die zunehmende Anwendungsreife auf die Strukturen in der industriellen Biotechnologie auswirken, die ja bislang durch Kooperationen von KMUs mit großen Chemieunternehmen bestimmt sind?

Zinke: Die Kooperation wird auch künftig überwiegend das bevorzugte Modell sein. Die Themen sind komplex, stehen im Zusammenhang mit Produktionstechnologien, sodass ich nicht eine Venture-Capital-getriebene Gründungswelle wie in den neunziger Jahren sehe. Die Geschäftsmodelle müssen an die Technologie und parallel an die Ertragskraft des Produkts angepasst werden. Das ist komplex. Bei Brain gleicht keine Kooperation der anderen. Wir setzen klar auf langjährige Kooperationsbeziehungen mit der Industrie. Dies mag unspektakulär-konservativ erscheinen, wir sehen darin indes den Schlüssel für nachhaltigen Erfolg. Aus den Kooperationsbeziehungen ergeben sich immer wieder interessante, auch großvolumige Geschäftsmöglichkeiten, die wir aber nicht gegen, sondern mit der Industrie angehen wollen.

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