Länderreport USA Die dünnen Jahre sind vorbei

Autor / Redakteur: Oliver Höflinger, Germany Trade and Invest / Wolfgang Ernhofer

Nach langer Durststrecke legt die Chemieindustrie in den USA wieder ordentlich zu. Investitionen in Anlagen, Forschung sowie Entwicklung steigen in den kommenden Jahren laut Germany Trade & Invest stetig an.

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(Bild: wikimedia commons)

San Francisco – Die US-Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen ist seit dem finanzkrisenbedingten Einbruch wieder auf Wachstumskurs: Nach Schätzungen des Branchenverbandes American Chemistry Council (ACC) wird sie 2012 um 3,5 Prozent zulegen. Die Chemieeinfuhren sollen 2012 um 4,8 Prozent und 2013 um 6,3 Prozent steigen.

Deutschland war 2011 mit etwa 17,5 Milliarden US-Dollar der viertgrößte Chemikalienlieferant der USA. Die US-Chemieindustrie wird 2012 rund 7,3 Prozent mehr investieren als im Vorjahr. Die Ausgaben für F&E dürften um vier Prozent zunehmen.

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Marktentwicklung / -bedarf

Das Marktvolumen von chemischen Erzeugnissen in den USA hat 2011 um zehn Prozent auf 787,2 Milliarden US-Dollar zugenommen (etwa 566,3 Milliarden Euro, durchschnittlicher Devisenkurs 2011: 1 Euro = 1,39 US-Dollar). Etwas schwächer fällt die Schätzung des American Chemistry Council für 2012 mit einer Zunahme von 3,5 Prozent auf 814,9 Milliarden US-Dollar aus. In den Folgejahren soll die US-Chemienachfrage dann mit Raten um fünf Prozent expandieren. Etwa ein Viertel der Marktnachfrage wird derzeit über Importe abgedeckt.

Fast alle Abnehmerbranchen wachsen

Positiv für die Chemie in den USA dürfte sich 2012 und 2013 auswirken, dass von den 17 vom ACC analysierten maßgeblichen Abnehmerbranchen voraussichtlich 14 wachsen werden. Am stärksten expandieren sollen dabei die Luft- und Raumfahrtindustrie mit 14,1 Prozent (2013: 13,4 Prozent). Dahinter folgen Kfz und -Teile mit 7,8 Prozent (9,3 Prozent). Der ACC schätzt, dass 2012 in den USA etwa 13,5 Millionen Pkw und andere Leichtfahrzeuge abgesetzt werden (+ 7,2 Prozent). Der Aufwärtstrend wird sich unter anderem positiv auf den Absatz von Chemikalien für Schmiermittel, Kunststoffe, Katalysatoren und Klimaanlagen auswirken.

Die Produktion der Computerbranche soll um 7,1 Prozent (2013: 9,4 Prozent) wachsen, Halbleiter und Elektronikkomponenten um sechs Prozent (9,8 Prozent). Der ACC bescheinigt vor diesem Hintergrund den Herstellern von Ätzmitteln sowie weiteren Chemikalien für die Elektronikindustrie gute Aussichten.

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Konjunktur im Baugewerbe zieht wieder an

Das Wachstum des Baugewerbes soll nach einem Plus von 2,8 Prozent im Jahr 2011 weiter Fahrt aufnehmen. Für 2012 rechnet der ACC mit einem Zuwachs um 4,7 Prozent, in den zwei Folgejahren mit noch kräftigeren Anstiegen um 10 Prozent. Als Bremsfaktor wirkt das derzeit noch bestehende Überangebot am Wohnimmobilienmarkt. ACC geht für 2011 von 600 000 Baubeginnen aus, 2012 sollen es 690 000 sein. Branchenkenner schätzen, dass beim Bau eines neuen Einfamilienhauses chemische Erzeugnisse im Wert von durchschnittlich 15 000 US-Dollar nachgefragt werden.

Prognosen der Marktforschungsfirma Freedonia zufolge soll die Nachfrage nach Chemikalien und Zusatzstoffen für Zement in Nordamerika aufgrund der Erholung der US-Baubranche von 2,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2010 auf 3,6 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015 steigen, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 11,1 Prozent entspricht.

Einen (anhaltenden) Rückgang erwartet der ACC hingegen in den Abnehmerbranchen Bekleidung mit -4,9 Prozent (2013: -4 Prozent), Druck mit -1,9 Prozent (-0,9 Prozent) sowie Textilfabrikerzeugnisse mit -1,8 Prozent (-1,4 Prozent).

Petrochemie und Kunststoffbranche legen nach

Die Petrochemie in den USA dürfte weiterhin von einem höheren Verhältnis des Ölpreises zum Preis von Erdgas profitieren. Denn während laut ACC in Europa mehr als 70 Prozent des Ethylens aus ölbasierten Erzeugnissen gewonnen wird, entstammen in den USA mehr als 70 Prozent aus verflüssigtem Erdgas (Natural Gas Liquids). Die in den Fokus gerückte Gewinnung von Schiefergas hat die US-Gasreserven erhöht und bietet der örtlichen Petrochemie Kostenvorteile.

Im Kunststoffsegment hat der US-Absatz 2010 dem ACC zufolge mengenmäßig um 3,3 Prozent zugenommen.

Pharmabranche mit leichten Schwächen

Im Pharmasektor soll der Umsatz bei verschreibungspflichtigen Medikamenten laut IMS Health im Zeitraum 2011 bis 2015 mit jährlichen Wachstumsraten zwischen null bis drei Prozent expandieren. Im Rahmen der nationalen Gesundheitsausgaben werden die entsprechenden Aufwendungen (2012 ca. 290 Milliarden US-Dollar) dem Center for Medicare & Medicaid Services (CMS) zufolge in den nächsten Jahren überdurchschnittlich zulegen. Bei Generika steht in den USA der größte Ausgabenanstieg unter den Industrienationen an, da diverse US-Produkte von einem (baldigen) Patentablauf betroffen sind. Bei Biosimilars hat die Food and Drug Administration (FDA) im Februar 2012 ihren lange erwarteten Regulierungsansatz für die Entwicklung und Zulassung erläutert.

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Produktion/Branchenstruktur

Die US-Chemie expandiert nach dem finanzkrisenbedingten starken Einbruch 2008 und 2009 wieder. Das Wachstum des Produktionsvolumens wird sich 2012 laut ACC auf 1,2 Prozent belaufen. 2013 (+2,3 Prozent) und 2014 (+2,9 Prozent) soll es Fahrt aufnehmen und in den Folgejahren dann bei etwas über drei Prozent liegen. Die Kapazitätsauslastung der US-Chemieindustrie lag 2012 bei etwa 72 Prozent.

Die Auslieferungen von chemischen Produkten in den USA sind nach Herstellerumfragen des U.S. Census Bureau 2011 um 8,3 Prozent auf 733,1 Milliarden US-Dollar gestiegen. Am besten entwickelten sich dabei die Agrarchemikalien mit einem Plus von 26,5 Prozent. Ein Rückgang von 2,2 Prozent stand hingegen bei Pharmazeutika zu Buche.

Die Investitionsausgaben der US-Chemieindustrie haben dem ACC zufolge 2011 um sieben Prozent zugenommen. Für 2012 rechnet der Branchenverband mit einem Wachstum von 7,3 Prozent auf 31,5 Milliarden US-Dollar, das sich in den Folgejahren stetig fortsetzen soll (2013: acht Prozent; 2014: 9,3 Prozent). Angesichts des Potenzials bei Schiefergas planen diverse Firmen - darunter Chevron Philips Chemical, Dow Chemical, Formosa Plastics, Sasol und Shell Chemicals - in den USA mehrere Milliarden US-Dollar vor allem in neue Anlagen zur Herstellung von Ethylen und -Derivaten zu investieren.

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Außenhandel

Die US-Chemieeinfuhren sind 2011 um 13,6 Prozent auf 216,1 Milliarden US-Dollar gestiegen. Die größten Posten bildeten dabei pharmazeutische Erzeugnisse mit einem Anteil von 30,4 Prozent, organische chemische Erzeugnisse mit 25,9 Prozent sowie Kunststoffprodukte mit 18,2 Prozent.

Die US-Einfuhren aus dem Hauptbezugsland Kanada stiegen 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 14,7 Prozent (Importmarktanteil 14,4 Prozent). Danach folgten Irland (Einfuhren +21,9 Prozent; Importanteil 14,3 Prozent), die VR China (+21,2 Prozent; 10,6 Prozent), Deutschland mit 17,5 Milliarden US-Dollar (+14,8 Prozent, 8,1 Prozent) sowie Großbritannien (-12,5 Prozent; 5,4 Prozent).

Der ACC geht auf Grundlage einer engeren Sektorabgrenzung davon aus, dass die Chemieimporte 2012 um 4,8 Prozent zunehmen werden. Für den Zeitraum 2013 bis 2015 rechnet der Branchenverband dann mit jährlichen Wachstumsraten von etwas über sechs Prozent.

Geschäftspraxis

Chemikalien unterliegen in den USA umfangreichen und strikten Zulassungsbestimmungen und Überwachungen. Die Federal Drug Administration (FDA) ist die Regulierungsbehörde für chemische Nahrungsmittelzusätze, Arzneimittel und Kosmetika. Das Umweltschutzbundesamt Environmental Protection Agency (EPA) ist zuständig für andere Chemikalien.

Auskünfte über Zoll- und Einfuhrverfahren können bei der zum Department of Homeland Security (DHS) gehörenden Zollbehörde U.S. Customs and Border Protection (CBP) eingeholt werden.

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* Quelle: Germany Trade and Invest

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