Forschungsetat der deutschen chemischen Industrie Deutsche Chemiebranche erhöht Forschungsbudget deutlich

Redakteur: Marion Henig

Im vergangenen Jahr hat die deutsche Chemiebranche 9,4 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert und ist längst einer der wichtigsten Technologietreiber des Landes. Für die großen Chemieunternehmen spielen jedoch auch die Schwellenländer eine zunehmend bedeutende Rolle.

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Innovationen sind das Startkapital für die Zukunft. Deshalb hat die Branche ihr Forschungsbudget trotz schwerer Wirtschaftskrise nicht gekürzt. 2010 hat sie die FuE-Aufwendungen sogar deutlich erhöht. Auch für 2011 ist mit einem erheblichen Zuwachs zu rechnen. * Planzahl (Bild: VCI, Quellen: Stifterverband, VCI)
Innovationen sind das Startkapital für die Zukunft. Deshalb hat die Branche ihr Forschungsbudget trotz schwerer Wirtschaftskrise nicht gekürzt. 2010 hat sie die FuE-Aufwendungen sogar deutlich erhöht. Auch für 2011 ist mit einem erheblichen Zuwachs zu rechnen. * Planzahl (Bild: VCI, Quellen: Stifterverband, VCI)

Frankfurt – Die deutsche chemische Industrie hat nach der Wirtschaftskrise ihre Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (FuE) deutlich erhöht: Sie investierte 2010 rund 9,4 Milliarden Euro in FuE. Das ist ein Plus von etwa 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Dass wir aus der Krise so gut herausgekommen sind, hat viel mit der Innovationskraft der Branche zu tun“, sagte Dr. Andreas Kreimeyer, Vorsitzender des Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung im VCI, vor der Presse in Frankfurt. Er kündigte außerdem an, dass die Forschungsbudgets der Chemieunternehmen 2011 auf fast 10 Milliarden Euro steigen sollen.

Auch im internationalen Vergleich schneidet Deutschland gut ab, das zeigt die FuE-Statistik der OECD. Nach den USA und Japan ist Deutschland der drittgrößte Chemie-Innovationsstandort. Über 8 Prozent der OECD-weiten FuE-Aufwendungen der chemischen Industrie werden hierzulande getätigt. Dabei ist Deutschland besonders auf die Chemieforschung spezialisiert; hier beträgt der Anteil an den OECD-weiten FuE-Ausgaben mehr als 13 Prozent – deutlich mehr als der Anteil der deutschen Chemieproduktion.

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Anwendungs-Know-how für viele andere Industriezweige

„Die chemische Industrie ist wichtigster Lieferant von neuen Materialien und Vorprodukten sowie von Ideen und Anwendungs-Know-how für viele andere Industriezweige“, hob Kreimeyer die Bedeutung der Branche für den Innovationsstandort Deutschland hervor. 60 Prozent der industriellen Forschung und Entwicklung bei Werkstoffen und Vorprodukten entfallen auf die Chemie. Nach der Automobilindustrie hat sie den höchsten FuE-Etat und zählt somit zu den forschungsintensivsten Branchen in Deutschland.

„Sichtbares Zeichen unserer Innovationskraft sind Forschungsergebnisse, die sich auch in Patenten niederschlagen“, so der Vorsitzende des VCI-Forschungsausschusses weiter. Jedes fünfte Patent in Deutschland mit branchenübergreifenden Technologieimpulsen kommt aus der Chemie. Damit ist sie vor dem Maschinenbau der wichtigste Motor für neue Technologien hierzulande.

Forschungskapazitäten im Inland steigen weiter an

Mit Blick auf die Herausforderungen der Energiewende hob Kreimeyer hervor, wie wichtig Forschung und Entwicklung für die Industrie in Deutschland seien. Laut einer VCI-Umfrage planen über 90 Prozent der VCI-Mitgliedsunternehmen in den nächsten fünf Jahren ihre Forschungskapazitäten im Inland auszuweiten. Von den großen Unternehmen wollen 88 Prozent ihr Forschungsengagement in Deutschland stärken. Bei den kleinen und mittleren Unternehmen sind es sogar alle befragten Firmen.

Wettbewerb der Standorte: Chemieforschung in Deutschland und Asien

Für die großen Chemieunternehmen spielen jedoch auch die Schwellenländer eine zunehmend bedeutende Rolle...

46 Prozent der großen Chemieunternehmen planen einen Ausbau ihres Forschungsengagements in Schwellenländern, vor allem in Asien. Knapp ein Drittel der großen deutschen Chemieunternehmen will ihre Forschung dort sogar stärker ausbauen als in Deutschland. „Ihre Motive sind dabei ähnlich wie beim Aufbau von Produktionskapazitäten vor Ort“, erläuterte Kreimeyer: „Sie nutzen die Nähe zu wichtigen Absatzmärkten, greifen auf wissenschaftliches Know-how und den Talentpool vor Ort zurück.“ Daher müsse man sich anstrengen, damit Deutschland ein Spitzenforschungsstandort bleibe. Der Vorsitzende des VCI-Forschungsausschusses mahnte deshalb die Bundesregierung an, sich noch in dieser Legislaturperiode für eine steuerliche FuE-Förderung zu entscheiden.

"Wir können uns nicht der Tatsache verschließen, dass Asien rasant seine Forschungskompetenz ausbaut", betonte Kreimeyer vor den Journalisten. So habe sich beispielsweise die chinesische Regierung das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2050 zu einer führenden Wissenschaftsmacht zu werden und verfolgt dieses – auch im Bereich chemischer Forschung – mit einer Vielzahl politischer Maßnahmen. Gleichermaßen aktiv sind andere asiatische Länder, wie z. B. Korea. Dort sind die FuE-Ausgaben der Chemie in den letzten Jahren um durchschnittlich 15 Prozent pro Jahr gestiegen.

Die hohe Bedeutung der Chemieforschung in dieser Region wird durch die rasant steigende Zahl an Patenten, aber auch an Publikationen unterstrichen. Der Anteil der Chemiepublikationen an den Publikationen eines Landes ist in China (25 Prozent; das entspricht mehr als 31.190 Publikationen), Indien (23 Prozent; über 9.300 Veröffentlichungen) und Korea (17 Prozent; 6.380 Veröffentlichungen) weit höher als im weltweiten Durchschnitt; hier liegt er bei 13,6 Prozent (insgesamt 164.500 Veröffentlichungen). Doch trotz dieser beispiellosen Aufholjagd: Die Schwellenländer China und Indien könne ihren Bedarf an forschungsintensiven Chemiewaren laut Kreimeyer trotz verstärkter Forschung längst nicht decken. Hier ergäben sich Marktpotenziale für deutsche Chemieunternehmen.

Innovationen aus der Chemie sind Grundstein für Energiewende

Die Chemie wird mit ihrer Forschung einen wichtigen Beitrag leisten, um die Herausforderungen der Energiewende zu meistern: „Unsere Innovationen zur Stromerzeugung und -speicherung sowie zur Erreichung höherer Energieeffizienz werden in Zukunft noch stärker gefragt sein als heute“, so Kreimeyer.

Regenerative Energien

Mit ihren Hightech-Materialien könne die Chemie beispielsweise dazu beitragen, dass Windräder und photovoltaische Systeme leistungsfähiger und belastbarer werden. So arbeiten Forscher in der Branche an Verbundmaterialien mit Kohlenstoff-Nanoröhrchen, die eine Blattlänge für Windräder von bis zu 90 Metern zulassen. Sie entwickeln außerdem halbleitende Polymere für Photovoltaik-Module, die man kostengünstiger herstellen kann und besser verarbeiten kann.

Energieeffizienz und Klimaschutz

Darüber hinaus hilft die Chemie, Energie zu sparen und damit das Klima zu schützen. Das sei im Bau zum Beispiel möglich durch den Einsatz von Hochleistungsdämmmaterialien, Wärmeschutzfenstern, Dachisolierungen oder energiesparender Beleuchtung. So bringen die Forscher beispielsweise Dämmstoffen bei, Infrarotlicht zu absorbieren und in Wärme umzuwandeln.

Energiespeicherung

„Um den aus erneuerbaren Energien erzeugten Strom besser speichern zu können, sind leistungsfähige Batterien notwendig, in denen sehr viel Chemie-Know-how steckt“, hob Kreimeyer weiter hervor. So forschen die Mitarbeiter in den Laboren an den entscheidenden Komponenten für praxistaugliche Hochleistungsbatterien – an Elektroden, Elektrolyten und Separatoren. Viel versprechende Ansätze für den Einsatz von Batterien als Großspeicher für Strom gebe es bei Natrium-Schwefel oder Redox-Flow-Batterien. Lithium-Ionen-Batterien in Elektrofahrzeugen könnten in Zukunft bei entsprechender Einbindung in Intelligente Netze (Smart Grids) ebenfalls als Energiepuffer für Strom genutzt werden. Auch auf dem Gebiet der Solarthermie, das heißt der Umwandlung von Sonnenlicht in Wärme, ist die Branche aktiv. Die Chemieforschung konzentriere sich dabei einerseits auf optimierte Wärmeträgeröle, andererseits auf Salze mit hoher Wärmekapazität, die zur Speicherung der Sonnenenergie eingesetzt werden können.

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