Produktionsprozesse Der wandlungsfähigen Produktion gehört die Zukunft

Autor / Redakteur: Claudia Otto / Matthias Back

Sich schnell und aufwandsarm neuen, noch unbekannten Anforderungen stellen, dieses Ziel hat das Forschungsverbundprojekt Waprotek – Wandlungsförderliche Prozessarchitekturen – verfolgt. Nach drei Jahren Forschung und Praxiserprobung ist das Projekt jetzt zum Abschluss gekommen.

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Prof. Dr. Peter Nyhuis, Leiter des IFA, Leibniz-Universität Hannover: "Das Thema wandlungsfähige Produktionssysteme hat in der Industrie einen Nerv der Zeit getroffen."
Prof. Dr. Peter Nyhuis, Leiter des IFA, Leibniz-Universität Hannover: "Das Thema wandlungsfähige Produktionssysteme hat in der Industrie einen Nerv der Zeit getroffen."
(Bild: Otto)

„Die Industrie steht unter einem erheblichen Wandlungsdruck“, sagt Prof. Dr. Peter Nyhuis, Leiter des Instituts für Fabrikanlagen und Logistik (IFA) an der Leibniz-Universität Hannover, während der Waprotek-Abschlussveranstaltung Mitte Juni im Sartorius-College in Göttingen. Diesem Umstand hat sich das vom BMBF geförderte Verbundvorhaben Wandlungsförderliche Prozessarchitekturen (Waprotek) gewidmet. Konkret sollten Lösungswege gefunden werden, die Unternehmen befähigen, akute Wandlungsbedarfe ihrer Produktionssysteme zu identifizieren, systematisch mit dem Leistungsangebot von Ausrüstern und Dienstleistern abzugleichen, wirtschaftliche Lösungen auszugestalten sowie diese qualifiziert zu betreiben und dadurch wandlungsfähig zu sein. Das Besondere an der Wandlungsfähigkeit ist laut Nyhuis, dass man sich proaktiv mit der Gestaltung eines Systems auseinandersetzt, vordenkt und sich vorbereitet, um dann im Fall der Fälle die Methodik sofort umsetzen zu können.

Fokus auf die Wandlungsfähigkeit der Arbeitssysteme verstärkt

Die Mahr GmbH, Göttingen, ein mittelständisches Unternehmen der dimensionellen Messtechnik, war als Anwender an Waprotek beteiligt. Durch das Projekt hat das Unternehmen einen stärkeren Fokus auf die künftige Wandlungsfähigkeit seiner Arbeitssysteme gelegt, wie Dr. Thomas Adelt, Leiter Bereich Produktion und Logistik bei Mahr am Standort Göttingen, erläutert: „So haben wir zusammen mit dem IFA bei der Ist-Aufnahme von Wertströmen mögliche Wandlungstreiber identifiziert, die für uns in Zukunft von Relevanz sein könnten.“

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Für die Entwicklung eines Soll-Konzeptes hat das Unternehmen zusammen mit Festo Didactic die Kompetenzen seiner Mitarbeiter analysiert, um diese für neue Produktgenerationen zielgerichtet qualifizieren zu können (dazu unten mehr). Ferner sind in die Gestaltung der Montagelinie Erkenntnisse aus der Gestaltungsrichtlinie für wandlungsfähige Montagesysteme eingeflossen.

Durchgängige Prozessstruktur von CAD über ERP bis Montage

Unter anderem bei der Gestaltung der Linien fanden sich Wechselwirkungen, wie Adelt berichtet: „Ein Ziel der Arbeitsplatzgestaltung ist, die Struktur unserer Produkte vom CAD- über das ERP-System mit den Zeitdaten bis hin zur Montage redundant abzubilden.” So findet sich eine Baugruppe in gleicher Weise im CAD, im Warenwirtschaftssystem und in der Werkstatt wieder. Daraus ergeben sich der Montageprozess und damit die Systemgestaltung aus der Baugruppenstruktur der Produkte. „Somit müssen auch die Zeitdaten für den Montageprozess nach dieser Struktur zusammengefasst werden“, sagt Adelt.

Die durchgängige Struktur sorgt für ein gleichwertiges Prozessverständnis zwischen operativen Mitarbeitern, Arbeitsplanern, Entwicklern und dem Management. Die redundante Darstellung beugt Missverständnissen aufgrund unterschiedlicher Sichtweisen vor. Der Mahr-Manager erläutert: „Erzeugt ein Wandlungstreiber einen Handlungsdruck, können wir Veränderungen schnell aus unterschiedlichen Perspektiven diskutieren und kurzfristig umsetzen.“ Dies trägt zur Wandlungsfähigkeit des Unternehmens bei und gibt laut Adelt das Gefühl, auf künftige Herausforderungen gut vorbereitet zu sein – ohne diese zu kennen.

Den Menschen im Unternehmen als Wandlungsbefähiger verstehen

„Wandlungsfähigkeit gelingt nur mit gezieltem Kompetenzmanagement“, weiß Holger Regber, Trainer und Berater bei Festo Didactic, Denkendorf. Seine Kollegin Sarah Besemer, ebenfalls Beraterin und Trainerin bei Festo, ergänzt: „Kompetenzen müssen gezielt entwickelt und nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden. Der Bedarf des einzelnen Mitarbeiters muss identifiziert und die Lücke geschlossen werden.“

Der Competence-Manager (CM) ermöglicht laut Besemer ein effizientes Kompetenzmanagement. Das webbasierte Softwaretool kann gekauft oder gemietet werden. Im CM werden die Stationen Kompetenzbeschreibung, -profil, -erfassung und -entwicklung durchlaufen. Für das Kompetenzprofil werden für jeden Mitarbeiter bestimmte Sollwerte für die zuvor definierten Kompetenzen festgelegt. Besonders bei der Kompetenzerfassung, die sowohl auf Fremd- als auch auf Selbsteinschätzung beruht (360°-Feedback), ist Transparenz und Verständlichkeit aller Begrifflichkeiten und Bewertungsstufen wichtig, wie Besemer erläutert. Die Fremdeinschätzung erfolgt bei Führungskräften zum einen durch den Vorgesetzten, zum andern durch die Mitarbeiter.

Für jeden Mitarbeiter wird eine individuelle Kompetenzentwicklung vereinbart

Nach dem Abgleich von Soll- und Ist-Werten werden individuelle Kompetenzentwicklungsmaßnahmen festgelegt, deren Umsetzung einem Controlling unterliegt. „Die Methoden zur Kompetenzentwicklung sind vielfältiger, als man denkt“, hebt Regber hervor. So sind neben Workshops und Seminaren unter Umständen auch Maßnahmen wie Projektarbeit, Job Rotation, Coaching, Hospitation, Stellvertretung und Messebesuche möglich.

* Die Autorin ist Redakteurin beim MM Maschinenmarkt. E-Mail: claudia.otto@vogel.de

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