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Biotechnologie in der Nahrungsmittelindustrie Der Hamburger aus der Petrischale

| Redakteur: Dana Hoffmann

Fleisch ist wertvoll und macht stark. Es belastet aber auch die Umwelt. Und immer mehr Menschen überall auf der Welt wollen am Ernährungswohlstand teilhaben. Zeit, Alternativen zu erschließen, um effizient mehr davon zu produzieren. Im Kleinen sind erste Erfolge zu vermelden, aber bis das Würstchen ohne Schlachttier alltäglich wird, dauert es noch.

Der erste Hamburger aus dem Labor: vorerst ein Prototyp - und unbezahlbar.
Der erste Hamburger aus dem Labor: vorerst ein Prototyp - und unbezahlbar.
(Foto: culturedbeef.net)

Die tollen Tage sind vorbei. Fasten Sie, verzichten auf Alkohol, Zigaretten und Fleisch? Sind sie gut in die Zeit der Entbehrungen gestartet? Oder sind die ersten Vorhaben schon den alten Gewohnheiten zum Opfer gefallen? Den Alkohol kann man gut stehen lassen, für Raucher wird es schon schwieriger, dem physiologischen Bedürfnis nach dem Suchtstoff zu widerstehen. Und wie sieht es beim Fleisch aus?

Die Kontroverse um den Fleischverzicht bis Ostern hat eine lange Geschichte. Die katholische Kirche soll den Biber dereinst kurzerhand zum Fisch erklärt haben, um sich und seinen Schäfchen den Konsum während der Fastenzeit zu ermöglichen. Längst bekannt sind die Fleischimitate, die auf Basis von pflanzlichen Proteinen aus Soja, Weizen oder Lupinen mit großzügigen Würzungen eine Art Wurst markieren.

Ist das Fleisch oder kann das weg?

Inzwischen gibt es aber einen Ansatz, der näher am Original sein soll: echtes Fleisch aus der Petrischale. Aus wenigen Muskelzellen kann eine fast unbegrenzte Menge an biologischer Materie hergestellt werden – mit kontrolliertem Fettgehalt und ganz ohne Gentechnik oder Antibiotika. Der aktuelle Forschungsstand ist eine Art Hackfleisch: Der erste Probe-Hamburger für geschätzte 250.000 Euro wurde von einem Team der Universität Maastricht unter der Leitung von Mark Post gezüchtet und im August medienwirksam verkostet.

Parallel hatte die Tierschutzorganisation Peta 2008 eine Million Dollar für das Labor ausgeschrieben, das im großen Maßstab kommerziell erzeugbares in-vitro-Fleisch „wie Hühnchen“ hervorbringt. Die Frist war 2012 verlängert worden, ist aber am 04. März dieses Jahres endgültig verstrichen, ohne dass ein Durchbruch erreicht worden wäre. Peta bezeichnet die Aktion dennoch als Erfolg, da man zumindest wichtige Fortschritte gemacht habe. Immerhin konnte ein Interesse am Thema geweckt und gefördert werden. Denn wenn man die kleinsten Säuger, Vögel und Fische mitrechnet, sterben jährlich bis zu drei Milliarden Tiere für die Nahrungsmittelindustrie.

Ethisch einwandfreies Fleisch?

Und das macht Probleme. Neben Fragen der Tierethik geht es vor allem um den Schutz der Umwelt sowie die Ernährungssituation in ärmeren Ländern. Schätzungen gehen davon aus, dass 18 Prozent der Treibhausgase weltweit auf die Nutztierhaltung zurückzuführen sind. Bis zu 100 Quadratmeter Regenwald würden für den Ertrag von einem Kilogramm Fleisch gerodet. Außerdem müssen zwischen sechs und zwölf Kilogramm Nahrungsmittelpflanzen verfüttert werden, um ein Kilogramm Fleisch zu erzeugen, während täglich bis zu 50.000 Menschen irgendwo auf der Welt verhungern.

Starke Argumente also, denn das künstlich gezogene Fleisch wäre, wenn die Technik ausgereift ist, sehr viel effizienter als die reguläre Viehzucht und könnte damit selbst den steigenden Bedarf in Ländern wie China ausgleichen, in denen der Fleischkonsum ein Anzeichen von steigendem Wohlstand ist. Unter diesem Aspekt ist es nicht verwunderlich, dass Finanzriesen wie Google oder der Bill Gates in solche aussichtsreichen Projekte investieren.

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Doch noch wird es zehn bis zwanzig Jahre dauern, bis der geneigte Esser im Supermarkt so selbstverständlich zum Laborfleisch greifen kann wie heute zum Tofuschnitzel. Die moralische Diskussion ist dem schon weit voraus. Sie beschäftigt sich mit einem eigentlich kleinen Teil der Bevölkerungen der westlichen Welt: Vegetarier und Veganer. Je nach Quelle kommen Umfragen auf 3 bis 8 Prozent der Deutschen, die aus unterschiedlichen Gründen kein Fleisch mögen. Ob sie dafür zu begeistern sind, ist allerdings fraglich, finden doch viele schon den Gedanken an jedwedes Fleisch abstoßend.

Bei einigen der Verfahren müssen noch immer wenige Tiere ihr Leben lassen, um etwa die Anzuchtlösung zu produzieren. Der US-amerikanische Ethiker Julian Savulescu meint dennoch, Vegetarier müssten das Laborfleisch essen, um die Entwicklung weiter zu fördern und die Produkte auf lange Sicht bezahlbar zu machen. Dr. Mark Post, der die Versuche um den niederländischen Testburger betreut hat, denkt hingegen globaler: „Vegetarier sollen es nicht essen. Das ist auch besser für die Umwelt.“

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