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Chemieindustrie in der Corona-Krise Covid-19: Wie Chemieunternehmen Widerstandsfähigkeit entwickeln

Autor / Redakteur: Götz Erhardt / Wolfgang Ernhofer

Der Chemiebranche sind disruptive Zeiten nicht fremd. Von Sars über handelspolitische Konflikte bis hin zur Finanzkrise haben die Unternehmen schon viele Stürme gesehen. Doch das Ausmaß von Covid-19 ist bisher beispiellos. Wie müssen Unternehmen und Entscheider jetzt agieren, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen?

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(Bild: Accenture)

Mit unglaublicher Geschwindigkeit ist das Coronavirus zu einer globalen Pandemie geworden und hat eine Krise ausgelöst, die alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche umfasst. Auch die Chemiebranche in Deutschland ist von den Folgen der Pandemie betroffen. Doch als systemrelevanter Wirtschaftszweig können Chemieunternehmen ihre Produktion nicht einstellen oder sämtliche Beschäftigte von zuhause arbeiten lassen. Es ist ein Balanceakt zwischen dem Schutz der Mitarbeitenden und der Aufrechterhaltung der Produktion zur Grundversorgung. Diese schließt auch die Herstellung dringend benötigter Desinfektionsmittel und dem Material für Schutzausrüstung ein.

Zahlreiche Branchen haben durch Covid-19 nicht nur mit den Folgen des wirtschaftlichen Shutdowns und dem folgenden Einbruch der Nachfrage zu kämpfen, sondern sehen sich auch mit schwindendem Vertrauen der Konsumenten und Finanzmärkte konfrontiert. Im März 2020 fielen die Aktienkurse von Chemieunternehmen tiefer als in der Finanzkrise 2008. Vor allem die gesunkene Nachfrage aus Absatzindustrien der Chemie, wie der Automobilbranche und dem Elektroniksektor, die mit temporären Werksschließungen und volatilen Absatzvolumina zu kämpfen haben, machen sich bemerkbar. Aufgrund der reduzierten wirtschaftlichen Aktivität in Folge der Pandemie herrscht zudem in der Öl- und Gasindustrie ein Überangebot in Verbindung mit einem massiv reduzierten Absatz. Dies beeinträchtigt wiederum die Petrochemie, und darüber hinaus steigt der politische Druck, die Klimaschutzanstrengungen zu intensivieren und CO2-Einsparungen zu erhöhen sowie alternative Rohstoffrouten und Recycling-Konzepte zu forcieren.

Umfrage: Wie nachhaltig sind die Veränderungen durch Corona nach der Krise?

Die Corona-Krise hat in der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland wie ein Katalysator viele Veränderungen angestoßen und die Digitalisierung weiter voran gebracht. Doch was bleibt davon nach Corona? Sind die Veränderungen nachhaltig? Was ist ein Strohfeuer und was bleibt tatsächlich. Mit diesen Fragen beschäftigt sich eine Umfrage des Netzwerks Chem4Chem, die PROCESS als Medienpartner unterstützt. Die Ergebnisse werden exklusiv in PROCESS veröffentlicht. Unter den Teilnehmern der Umfrage verlosen wir Karten für den Smart Process Manufacturing Kongress.

Hier geht es zur Umfrage!

Covid-19 verstärkt bereits bestehende Herausforderungen

Viele Herausforderungen, denen sich Chemieunternehmen aktuell stellen müssen, sind nicht gänzlich neu, verstärken sich aber vor dem Hintergrund der Krise und drängen Führungskräfte zu handeln. So werden Umwelt-, Gesundheits-, und Sicherheits-Auflagen durch die Krise teils massiv intensiviert. Nach rund einem Jahrzehnt guter Chemiekonjunktur gilt es, flexibel auf dynamische Veränderungen bei der Nachfrage und teilweise erheblichen Mengen- und Preisrückgängen bei einzelnen chemischen Produkten zu reagieren sowie den sich wandelnden Verbraucherbedürfnissen und verschärften Regularien schnell und konsequent zu begegnen. Dies verlangt neue Konzepte zu Resilienz in den jeweiligen Supply Chains und den integrierten Produktionssystemen, die es nicht erlauben, ohne weiteres das Portfolio umstellen, in andere Regionen zu verlagern oder neue Anforderungen der Kreislaufwirtschaft umzusetzen.

Zu diesem kritischen Zeitpunkt ist es wichtig, zunächst auf die akute Krisensituation zu reagieren und das Unternehmen dann angepasst an die neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten neu auszurichten. Zur akuten Krisenbewältigung gilt es vier Kurzfristmaßnahmen zum Schutz von Mitarbeitenden, Liquidität und Betrieb zu beachten:

  • 1) Das Unternehmen muss reaktionsfähig bleiben und schnellstmöglich Fähigkeiten, Infrastruktur und Prozesse aufsetzen, die die Mitarbeitenden schützen und den Betriebsablauf (dauerhaft) sichern.
  • 2) Außerdem sollten Unternehmen die interne und externe Kommunikation sicherstellen, zum Beispiel indem sie digitale Technologien zur Interaktion und Koordination mit Mitarbeitenden, Kunden, Lieferanten und weiteren Stakeholdern nutzen.
  • 3) Die Liquidität sichern und Störungen in Kundenindustrien, Wertschöpfungsketten und im globalen Finanzsystem mittels umfangreicher Frühwarnsysteme identifizieren. Zudem müssen relevante Investitionen sowie laufende Ausgaben rationalisiert und priorisiert werden.
  • 4) Unternehmen sollten Redundanzen in kritischen Betriebsabläufen aufbauen, um die Kontinuität des Betriebs zu gewährleisten. Hier kann zum Beispiel auch der Fernzugriff zum Einsatz kommen. Eine Analyse von Risiken und Unterbrechungen in den Lieferketten sowie die Bestandsüberwachung, Planung und Projektion auf Produzenten- und Kundenebene gibt zusätzliche Sicherheit.

Ein Blick in die Zukunft lohnt sich

Sind die unmittelbaren Kurzfristmaßnahmen erledigt, können Unternehmen den Blick nach vorne richten. Da die langfristigen Folgen der Pandemie noch nicht im Detail absehbar sind, ist es entscheidend als Unternehmen Widerstandsfähigkeit auf- und auszubauen. Die Notwenigkeit der Digitalisierung wird in dieser Zeit noch einmal besonders deutlich. Technologien wie Automatisierung, Robotik, KI und Advanced Computing können unter anderem helfen, Anlagen aus der Ferne zu steuern und die Flexibilität zu erhöhen.

In der Chemieindustrie gibt es viele Möglichkeiten die Krise als Anlass zu nutzen, neue Fähigkeiten und Arbeitsweisen zu entwickeln, aufgeschobene Herausforderungen anzugehen und so nachhaltige Veränderungen anzustoßen. Folgenden Bereiche bieten sich hier an:

  • Forschung und Entwicklung: Dies umfasst sowohl die Anwendung von Data Science, Advanced Learning, Prozess- und Datenintegration zur Steigerung der Produktivität in Labor und Anwendungstechnik, als auch die Nutzung virtueller Agenten auf der Kundenschnittstelle für einen 24x7 Service.
  • Produktion: Mithilfe von Automatisierung, Fernsteuerung und Data Science können Unternehmen die nächste Stufe der (autonomen) Produktion einleiten und den digitalen Arbeiter aktivieren.
  • Einbeziehung der Kunden: Unternehmen sollten digitale Marketing- und Vertriebskapazitäten ausbauen, um Kundenerlebnisse, Automatisierung von Order-to-Cash, virtuelle Agenten und digitale Dienste zu optimieren.
  • Intelligente Unternehmensführung: Eine Plattform für Daten und Applied Intelligence erhöht die Transparenz, liefert handlungsrelevante Erkenntnisse und identifiziert Optimierungsmaßnahmen.
  • Support-Funktionen: Unternehmen sollten mithilfe von intelligenter Automatisierung, robotergestützter Prozessautomatisierung und User Experience Design administrative Prozesse wie Finanz- und Rechnungswesen, Human Resources und Einkauf durchgehend automatisieren. Hier helfen Kooperationen mit externen Dienstleistern, um Investitionen und Ressourcen bestmöglich einzusetzen.
  • Investitionen in die Kreislaufwirtschaft: Investitionsentscheidungen für Anlagen und Produktion sollten vor dem Hintergrund der Zukunftsfähigkeit getroffen werden. Nachhaltige und kreislauffähige Produktions- und Produktkonzepte bieten hier langfristige Chancen.

Setzen Chemieunternehmen die Sofortmaßnahmen um und behalten dabei den Blick auf die Chancen einer nachhaltige Weiterentwicklung gerichtet, werden sie nicht nur die Krise meistern und einen maßgeblichen Beitrag zur Bekämpfung der Corona-Pandemie leisten, sondern auch gestärkt aus dieser disruptiven Zeit hervorgehen.

* Der Autor ist Geschäftsführer Energie, Chemie und Grundstoffindustrien bei Accenture, Kronberg

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