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Großanlagenbau China verliert, Osteuropa gewinnt an Bedeutung

| Autor/ Redakteur: Hans-Jürgen Bittermann / Dr. Jörg Kempf

Der anhaltende Auftragsboom im Großanlagenbau – gegenüber dem bereits sehr erfolgreichen Vorjahr erhöhte sich der Auftragseingang nochmals um neun Prozent auf 26,3 Milliarden Euro – stellt die Abwicklungskompetenzen der Anlagenbauer vor besondere Herausforderungen.

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GuD-Kraftwerk Al Shuweihat in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Bild: Siemens
GuD-Kraftwerk Al Shuweihat in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Bild: Siemens
( Archiv: Vogel Business Media )

Deutsche Anlagenbauer sind derzeit so erfolgreich wie nie: Mit einem Auftragseingang von 26,3 Milliarden Euro erzielten die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) 2006 das höchste Bestellvolumen seit Gründung der Organisation im Jahr 1969. Besonders erfreulich ist, dass nicht nur die Umsätze stimmen – auch die Ertragslage habe sich verbessert und es konnten deutlich Marktanteile hinzugewonnen werden, wie Dieter Rosenthal, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) und Mitglied des Vorstands der SMS Demag, Ende März gegenüber der Presse berichtete.

15 bis 20 Prozent Anteil am Weltmarkt habe der deutsche Anlagenbau mittlerweile, schätzen Fachleute. Und die Branche rechnet mit anhaltend guten Geschäften: „Wir erwarten auch im Geschäftsjahr 2007 hohe Auftragseingänge und hoffen, das gute Niveau des Vorjahres halten oder sogar leicht übertreffen zu können“, sagte Rosenthal. Weil der Großanlagenbau ein langfristiges Geschäft ist, dürfte die Auslastung für die kommenden zwei bis drei Jahre gesichert sein. Rundum gute News also!

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Getragen wurde diese Entwicklung durch die weiter gewachsene Auslandsnachfrage, wobei hier interessante Verschiebungen festzustellen sind: Während die Nachfrage aus China und auch aus dem Nahen und Mittleren Osten zurückgeht, verzeichnet die Branche deutliche Zuwächse im Osteuropa-Geschäft (+48 Prozent). Erfreulich auch, dass die Inlandsbestellungen mit 5,9 Milliarden Euro (2005: 5,6 Milliarden Euro) den höchsten Wert der vergangenen Dekade erreicht haben.

Keine Frage: Der Branche geht es blendend, sie kann vor Kraft kaum laufen – das kann man leider beinahe wörtlich nehmen. Denn die häufig an der Kapazitätsgrenze liegende Auslastung zwingt die Unternehmen zur Auslagerung von Leistungen auf Fremdkräfte und zunehmend auch auf internationale Lieferanten (dies auch, weil einzelne Länder eine nationale Quote vorschreiben).

Das Global Sourcing berge natürlich auch Risiken hinsichtlich der Termintreue und der Produktqualität, wie Dieter Rosenthal einräumt. Mit der Konsequenz, dass das Lieferantenmanagement, die Optimierung der globalen Projektabwicklung und die Weiterentwicklung des Projektcontrollings weiter an Bedeutung gewinnen.

Knappes Personal und aufwändigere Beschaffung

Problematisch bleibt der Fachkräftemangel in Deutschland: Zahlreiche Unternehmen versuchen, den personellen Engpässen durch die Beschäftigung von Fremdkräften zu begegnen. So erreichte der durchschnittliche Anteil externer Mitarbeiter im Großanlagenbau 2006 einen Wert von neun Prozent, nachdem er im Vorjahr bei nur sechs Prozent lag. In Einzelfällen machen Zeit- und Leiharbeiter sogar mehr als ein Viertel der Stammbelegschaften aus. Allerdings verursacht die Integration von Fremdpersonal regelmäßig hohe Qualifizierungs-, aber auch Fehlerkosten infolge der anfangs unzureichenden Kenntnis der unternehmenseigenen Regelwerke. Bei Leitungs- und Schlüsselpositionen sehen die Unternehmen eher von Fremdkräften ab und versuchen, diese Stellen mit eigenem Personal zu besetzen – einige Firmen nutzen auch die Möglichkeit, frühere Mitarbeiter aus dem Ruhestand zu reaktivieren.

Weil es auch weiterhin an Rohstoffen vielfach ebenso mangelt wie an bestimmten Komponenten (Lager usw.), versuchen die Anlagenbauer zunehmend, Lieferanten und deren Kapazitäten enger an sich zu binden – u.a. durch längerfristige Abnahmeverträge. Eine weitere Möglichkeit sind koordinierte Beschaffungsaktivitäten des Anlagenbauers mit der Einkaufsorganisation des Kunden. Einige Unternehmen erwägen sogar wieder eine Eigenfertigung aufzubauen, um die zeitgerechte Verfügbarkeit bestimmter Anlagenteile sicherzustellen.

Globale Projektabwicklung ist ein Muss

Die globale Projektabwicklung spielt im Großanlagenbau eine entscheidende Rolle. Der Umfang der im Ausland (häufig in Osteuropa, Indien und China) erbrachten Wertschöpfung reicht üblicherweise von Fertigungs- über Abwicklungs- bis zu Planungsleistungen. „Um die Kernkompetenzen im Unternehmen zu halten, bleibt das Basic-Engineering in Deutschland, während das Detail-Engineering ins Ausland vergeben wird“, so der Sprecher eines AGAB-Unternehmens. Aber das sehen nicht alle Anlagenbauer so eng: Erste Ansätze gebe es auch zur Auslagerung des Basic-Engineerings und sogar von Forschung und Entwicklung, ist zu hören.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor bei der Festlegung des Auslandsanteils sei die realistische Beurteilung der Auslandsstandorte: „Bei der Bewertung der Arbeitskosten sind insbesondere die geringere Produktivität, höhere Fehlerkosten, die mittelfristig zu erwartende Lohnentwicklung sowie die teilweise hohe Fluktuation des einheimischen Personals und der damit verbundene Know-how-Abfluss zu berücksichtigen“, so zu lesen im Lagebericht der AGAB.

Fazit: Das Turn-key-Management großer, komplexer Anlagen ist eine Kernkompetenz des deutschen Anlagenbaus. Wie sagte ein Unternehmens-Sprecher bei der Vorlage der aktuellen Zahlen in Frankfurt: „Die Kon-struktion kann man auslagern, eventuell auch die Fertigung. Das Projektmanagement aber können wir nicht verlagern.“ Seine Forderung: Die Hochschulen müssten das Thema Projektmanagement verstärkt ins Lehrangebot aufnehmen.

Hintergrund Chemieanlagenbau belebt

Nach Jahren der Investitionszurückhaltung hatte sich die inländische Nachfrage nach Chemieanlagen bereits Ende 2005 wieder belebt. Dieser Trend hat sich 2006 fortgesetzt. Die von den Mitgliedern der AGAB akquirierten Aufträge stiegen um 14 Prozent auf 395 Millionen Euro (2005: 347 Millionen Euro). Umfangreiche Ertüchtigungsvorhaben zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit bestehender Anlagen sowie Neubauprojekte in der mineralölverarbeitenden und der petrochemischen Industrie haben zu diesem Aufschwung beigetragen. Der Höhepunkt des Biodiesel-Booms in Deutschland ist aus Sicht der Anlagenbauer mittlerweile überschritten. Angesichts bestehender Kapazitäten, die eine jährliche Produktion von 3,5 Millionen Tonnen Biodiesel ermöglichen, sowie knapp werdender Anbauflächen für Raps ist im Inland mittelfristig lediglich mit einem geringen Zubau zu rechnen. Im Jahr 2006 fielen die Bestellungen auf 14 Millionen Euro, nachdem sie 2005 noch einen Rekordwert von 180 Millionen erreicht hatten. Neue Anlagen zur Herstellung von Biodiesel und Bioethanol werden in den kommenden Jahren vorwiegend in der EU, den USA, China und Brasilien entstehen.

Hintergrund China-Boom gestoppt?

„In China gibt es eine Tendenz zur Lokalisierung“, ist bei der AGAB zu hören. Der Höhepunkt des China-Booms scheint damit überschritten zu sein. Zwar ist der infrastrukturelle Nachholbedarf im Reich der Mitte weiterhin groß. Gleichzeitig ist aber auch die Konkurrenz durch internationale Anlagenbauer so stark wie in keinem anderen Land der Welt; zudem gewinnt der Wettbewerb mit chinesischen Kontraktoren – insbesondere in den Segmenten Zement, Stahl und Chemiefasern – an Schärfe. Die AGAB geht davon aus, dass sich die seit 2004 zu beobachtende rückläufige Tendenz bei den chinesischen Auftragseingängen auch in den kommenden Jahren fortsetzen wird.

Der Autor ist redaktioneller Mitarbeiter bei PROCESS.E-Mail: bitpress@t-online.de

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