Chemiekonjunktur Chemie-Exportweltmeister mit Wachstumspause in 2012

Redakteur: Gerd Kielburger

Rückblick und Ausblick beim Verband der Chemischen Industrie: Trotz einer auch im 4. Quartal 2011 rückläufigen Produktionsleistung und Umsatzentwicklung, schloss die Branche das vergangene Jahr mit einem Rekordergebnis ab.

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(Bild: PROCESS)
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Frankfurt/Main – Hatte man, wie VCI-Hauptgeschäftsführer Dr. Utz Tillmann gestern abend in einem Pressegespräch erläuterte, bereits im letzten Quartal ein Ende der Talfahrt erhofft, so blieb der übliche Jahresendspurt aus. Stattdessen sank die Chemieproduktion über alle Sparten gegenüber dem 3. Quartal um weitere 2,0 Prozent. Die Kapazitätsauslastung der Anlagen habe sich merklich verringert, "lag aber mit 81,7 Prozent noch im Rahmen des Normalbereiches", so der VCI-Geschäftsführer. Zum Niveau des 4. Quartals 2010 sank die Produktion allerdings um 4,3 Prozent.

Nach den ersten Wochen des neuen Jahres ist man im Verband allerdings davon überzeugt, dass die Tahlsohle jetzt erreicht ist. Die Läger seien relativ leer. Die Geschäftslage in der chemischen Industrie helle sich auf. "Wir gehen davon aus, dass sich in den kommenden Monaten die Auftriebskräfte durchsetzen. Noch fahren die Unternehmen ihre Anlagen auf Sicht", so Tillmann. Insgesamt prognostiziert der Verband nach dem Rekordjahr für das laufende Jahr eine Wachstumspause (+1 Prozent Branchenumsatz bei stagnierender Produktion).

Höheres Wachstum in 2013 erwartet

Im mittelfristigen Ausblick zeigt man sich aber bereits optimistischer. Schon für 2013 rechnen die Brancheninsider wieder mit einem Anstieg der Chemieproduktion zwischen zwei und drei Prozent. Auch die langfristigen Perspektiven für die drittgrößte Branche am Standort Deutschland seien vielversprechend.

Im Verbund mit den Kundenindustrien Automobil, Maschinenbau, Elektro und Metall sieht Tillmann für die Branche große Marktchancen: „Der Bedarf an höherwertigen und spezifischen Lösungen aus der Chemie wird zunehmen – in Deutschland, aber auch weltweit. In vielen Zukunftsfeldern sind die deutschen Chemieunternehmen bereits heute gut aufgestellt.“ Die Chemie sei ein wichtiger Enabler im gesamten Industrieverbund.

Deutlicher Aufbau von Prokutionskapaziäten in BRIC-Staaten

In den Schwellenländern sind in den letzten zehn Jahren mit wachsendem Wohlstand die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen und die Produktion deutlich schneller gestiegen als in Europa, den USA oder Japan. Auch im Nahen Osten seien Produktionskapazitäten in der Basischemie deutlich ausgebaut worden. "Wer aber langsamer wächst, fällt automatisch zurück", so die Folgerung von Tillmann. Folglich verloren alle Industrieländer kontinuierlich Anteile am Weltmarkt. Das gilt auch für die deutsche Chemie: Ihr Anteil am Weltmarkt sank von 2000 bis 2010 von 7,2 auf knapp 6 Prozent. In der gesamten europäischen Chemie schrumpfte er im gleichen Zeitraum allerdings noch stärker: von rund 30 auf 23 Prozent.

Kein Anlass zur Sorge

Diese Entwicklung stellt aber aus Sicht des VCI-Hauptgeschäftsführers keinen Nachteil für den hiesigen Chemiestandort dar: „Sinkende Weltmarktanteile sind allein kein Anlass zur Sorge. Auch in Deutschland gab und gibt es solides Wachstum. In den zurückliegenden zehn Jahren konnten unsere Unternehmen ihre Produktion trotz der Weltwirtschaftskrise durchschnittlich um 2 Prozent pro Jahr ausdehnen. Das ist genau so viel wie in den dreißig Jahren zuvor.“ Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemieindustrie zeige sich auch, so Tillmann, in dem hohen Überschuss beim Handel mit Chemikalien. 2011 wurde Deutschland erneut Chemie-Exportweltmeister. Ebenso wichtig sei die hierzulande stark vorangetriebene kontinuierliche Steigerung der Effizienz von Altanlagen hinsichtlich ihrer Rohstoff- und Energieversorgung sowie der der Trend zu Industrieclustern bzw. Chemieparks mit der einer zunehmenden Verbundproduktion. Dies erhöhe die Wettbewerbsfähigkeit deutlich.

Tillmann: „Die deutsche Chemie folgt schon lange dem Leitbild der Nachhaltigkeit. Sie investiert in den integrierten Umweltschutz, erhöht ihre Energieeffizienz und trägt mit Produkten und Verfahren zur Ressourcenschonung bei. In regelmäßigen Nachhaltigkeitsberichten weisen immer mehr Unternehmen ihre Leistungen und Erfolge nach." Ein Indikator für diesen Trend ist das steigende Interesse an umfassenden Analysen des „Product-Carbon-Footprint“ oder der Öko-Effizienz von Produkten. Dies werde sich mittelfristig auszahlen. Mittelfristig seien die Perspektiven für die deutsche Chemie daher erfreulich.

Bis 2020 rechnet der Verband mit einem durchschnittlichen Produktionswachstum von 2 bis 2,5 Prozent pro Jahr für die die deutsche Chemie. Damit könnte Deutschland in den kommenden Jahren beim Kriterium Umsatz Japan vom Platz drei im Nationenranking der Chemieproduzenten verdrängen.

Risikofaktor: Politischen Rahmenbedingungen

Kritik übte Tillmann in erneut an der den Rahmenbedingungen der geplanten Energiewende. Als energieintensive Branche sei man auf eine sichere Grundlastversorgung beim Strom angewiesen. Erneuerbare Energien seien derzeit aber nicht Grundlast-fähig. Auch die Verteilung und Speicherung von Energie sei noch nicht zur Zufriedenheit gelöst. Aufgrund einer unsicheren Gemengelage fehle für Investoren derzeit der Anreiz für die Planung und den Bau für die Chemie wichtiger Gaskraftwerke. So steht für Tillmann auch außer Frage, dass die politischen Rahmenbedingungen derzeit die größten Risikofaktoren darstellen. Eine drohende Staatspleite in Griechenland und ein möglicherwiese daraus entstehender Dominioeffekt sowie die kritische weltpolitische Konfliktlage mit Blick auf den Iran würden auch für eine chemische Industrie nicht ohne Folgen bleiben.

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