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Fresenius-Fachtagung zur Biozid-Produkte-Richtlinie Biozid-Produkte-Richtlinie nach zehn Jahren vor der Revision

Redakteur: Marion Wiesmann

Das Interesse an einer bevorstehenden Revision der Biozid-Produkte-Richtlinie aus der Industrie ist groß, denn mit Biozid-Produkten lässt sich gutes Geld verdienen, sofern es die regulatorischen Rahmenbedingungen zulassen.

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Stefan Gartiser, Hydrotox: „Der Hauptgrund für die Zurücknahme von Wirkstoffen ist das Verhältnis zwischen den Kosten für die Aufnahme in Anhang I der Biozid-Produkte-Richtlinie und ihrem verhältnismäßig geringen Marktwert beziehungsweise ihrem geringen Umsatzanteil in den Unternehmen.“ (Bild: Fresenius Akademie
Stefan Gartiser, Hydrotox: „Der Hauptgrund für die Zurücknahme von Wirkstoffen ist das Verhältnis zwischen den Kosten für die Aufnahme in Anhang I der Biozid-Produkte-Richtlinie und ihrem verhältnismäßig geringen Marktwert beziehungsweise ihrem geringen Umsatzanteil in den Unternehmen.“ (Bild: Fresenius Akademie
( Archiv: Vogel Business Media )

Köln – Seit zehn Jahren gibt es sie, sie wird gebraucht, aber viele bemängeln ihre jetzige Form: die Biozid-Produkte-Richtlinie. Auf der 8. Fresenius-Fachtagung zur Biozid-Produkte-Richtlinie trafen sich am 26. und 27. Februar 2008 18 Experten in Köln, um den Überarbeitungsbedarf aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu diskutieren.

Das Anwendungsspektrum von Biozid-Produkten ist groß: Die Richtlinie 98/8/EG vom 16. Februar 1998 listet nicht weniger als 23 Produktarten auf. Im Hygienebereich kommen Biozid-Produkte als Desinfektionsmittel zum Einsatz und sie dienen als Schutzmittel unter anderem für Holz und Textilien. Außerdem werden sie als Schädlingsbekämpfungsmittel verwendet.

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In Deutschland gibt es allein 18000 so genannte „alte Biozid-Produkte“, die bereits vor dem Stichtag 14. Mai 2000 auf dem Markt waren. Im Rahmen des europäischen Review-Programms müssen diese Wirkstoffe bis zum 13. Mai 2010 erfasst und systematisch überprüft werden. Das Ergebnis der Überprüfung entscheidet darüber, welche Biozide in die „Liste zulässiger Wirkstoffe“ (Anhang I der Biozid-Produkte-Richtlinie) aufgenommen werden.

Impact-Studie: Die Biozid-Produkte-Richtlinie auf dem Prüfstand

Dieses Verfahren hat Folgen: Von vormals knapp 1000 bekannten Wirkstoffen sind weniger als 400 im EU-Review-Programm verblieben. Einige der zurückgezogenen Wirkstoffe gehörten zu den am häufigsten verwendeten.

„Der Hauptgrund für die Zurücknahme von Wirkstoffen ist das Verhältnis zwischen den Kosten für die Aufnahme in Anhang I der Biozid-Produkte-Richtlinie und ihrem verhältnismäßig geringen Marktwert beziehungsweise ihrem geringen Umsatzanteil in den Unternehmen“, sagte Stefan Gartiser von Hydrotox auf der Fresenius-Fachtagung. Gartiser ist Mitglied einer Projektgruppe, die im Auftrag der Europäischen Kommission positive und negative Auswirkungen der Biozid-Produkte-Richtlinie identifiziert und ausgewertet hat. Ein Zwischenbericht dieses „Impact Assessment“ ist für Mai 2008 angekündigt, der Abschlussbericht soll im August folgen.

Rückgang des Angebots: Negative Dynamik befürchtet

Viele Hersteller und Anwender sehen das sinkende Angebot an Wirkstoffen mit Sorge, wie Gartiser berichtete. Nischenprodukte mit geringem Marktpotenzial verschwinden trotz zum Teil guter Ökobilanz aufgrund des aufwendigen Zulassungsverfahrens von der Bildfläche und werden womöglich durch problematischere Wirkstoffe ersetzt. Je geringer die Anzahl verfügbarer Wirkstoffe, so ein weiteres Argument, desto größer sei die Gefahr der Resistenzbildung.

Der Anreiz, neue Wirkstoffe zu entwickeln, werde durch die Biozid-Produkte-Richtlinie gedämpft. Auf den Markt habe sie einen schädlichen Einfluss, da sie den Zugang für viele Produkte behindere und zugleich Parallelimporte fördere. Lösungsvorschläge, so Gartiser, zielen darauf ab, die Verfahren zu harmonisieren und – insbesondere für Nischenprodukte und Produkte mit geringem Risiko – zu vereinfachen.

Willkommen in Babylon: Ruf nach Harmonisierung wird lauter

Karola Maxianova, die in Vertretung für die Europäische Kommission sprach, räumte in Köln ein, dass die Biozid-Produkte-Richtlinie nicht klar genug sei. Sie lasse zuviel Raum für Interpretationen, was in den Mitgliedstaaten zu Abweichungen in der Umsetzung führe. Diesen Punkt kritisierte auch Dr. Birgit Schmidt-Sonnenschein von Lanxess: „Die Unternehmen müssen mehr als 27 unterschiedliche nationale Regelungen in mehr als 20 Sprachen berücksichtigen.“

Auf Seiten der Industrie herrsche Skepsis, ob die EU-Mitgliedstaaten es schaffen, ihre nationalen Gesetze anzugleichen. Außerdem bestehen laut Schmidt-Sonnenschein Zweifel, ob die gegenseitige Anerkennung funktionieren wird. Nun sei es an der „Mutual Recognition Facilitation Group“ (MRFG), eine Arbeitsgruppe der Mitgliedstaaten und der Kommission zur Erleichterung der gegenseitigen Anerkennung, die Harmonisierung europaweit voranzutreiben.

Arbeitsschutz: Expositionsprobleme in der Praxis

Neben dem Umwelt- und Verbraucherschutz spielt auch der Arbeitsschutz eine wichtige Rolle. Von den registrierten Biozid-Produkten und Wirkstoffen wird ein hoher Anteil rein professionell verwendet – Arbeitnehmer sind daher von der Exposition durch Biozide besonders oft betroffen.

Dr. Stefan Grötzschel von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigte am Beispiel von Rodentiziden (Mittel zur Bekämpfung von Nagetieren) auf der Fresenius-Fachtagung die Schwierigkeiten der professionellen Anwendung auf: Schätzungen zufolge können Schädlingsbekämpfer aus Norwegen und Deutschland täglich bis zu 300 Hautkontakte mit einem Rodentizid haben – dagegen sind nach den TNsG (Technical Notes for Guidance) nicht mehr als 32 Kontakte pro Tag wahrscheinlich.

Die Industrie habe in diesem Fall, so Grötzschel, mit zwei Studien die Initiative übernommen; offene Fragen seien von den EU-Mitgliedstaaten unterschiedlich beantwortet worden. Selbst nach einer ergänzenden Studie habe es intensive Diskussionen aufgrund unterschiedlicher Interpretationen gegeben. Grötzschels Fazit: „Es besteht ein großer Bedarf an umfassenden und eindeutigen Expositionsdaten.“

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