Mitarbeiterorientierung Betriebliches Gesundheitsmanagement wird zunehmend wichtiger

Autor / Redakteur: Maria Sonneck / Dipl.-Medienwirt (FH) Matthias Back

Mitarbeiterorientierung haben sich viele Unternehmen als Teil ihrer Unternehmenskultur auf die Fahnen geschrieben. Meist stellt sich aber rasch heraus, ob es sich dabei um ein reines Lippenbekenntnis oder gelebte Praxis handelt. Mitarbeiter bleiben nur dann bei einem Unternehmen, wenn ihre Bedürfnisse dauerhaft ernst genommen werden.

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Betriebliches Gesundheitsmanagement ist ein Mittel, mit dem Unternehmen Mitarbeiter an sich binden können und die Zufriedenheit erhöhen.
Betriebliches Gesundheitsmanagement ist ein Mittel, mit dem Unternehmen Mitarbeiter an sich binden können und die Zufriedenheit erhöhen.
(Bild: ©Jakub Jirsák - stock.adobe.com)

Es sind die motivierten, zufriedenen und vor allem gesunden Mitarbeiter, die das Herz eines erfolgreichen Unternehmens ausmachen. Nur wer fitte Mitarbeiter hat, geistig wie körperlich, wird langfristig am Markt bestehen. Immer mehr Unternehmen haben das betriebliche Gesundheitsmanagement, kurz BGM, als ein Instrument für sich entdeckt, an dieser Stelle zu punkten. Das Arbeitsumfeld gemeinsam so zu gestalten, dass Unternehmen und Mitarbeiter eine Situation erreichen, die langfristig beiden Seiten nützt, wird zunehmend wichtiger.

Grundlage dabei bilden einvernehmlich erarbeitete Maßnahmen, die die Gesundheit und das Wohlbefinden im Unternehmen fördern – trotz hoher Arbeitsbelastung. Zudem werden die Bedingungen und Organisationsstrukturen im Arbeitsumfeld ebenso berücksichtigt wie die persönlichen Kompetenzen der Mitarbeiter und das firmeninterne Gemeinwohl. Die Auswirkungen können dann vielfältig sein. Sie reichen von der Minimierung von Unfällen und Steigerung der allgemeinen Gesundheit bis hin zu Mitarbeitern, die weniger Fehlzeiten aufweisen und eine stärkere Bindung zum Unternehmen haben, schlicht motivierter sind. Und: potenzielle Mitarbeiter schätzen ein solches Unternehmen als attraktiv ein.

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Die sogenannte Worklife Balance des Einzelnen, das Lebensgefühl insgesamt, kann sich durch BGM positiv verändern. Geht es um die konkreten Maßnahmen, so sind nicht die Einzelaktivitäten gemeint, wie der ergonomisch geformte Stuhl oder die unterstützende Hebevorrichtung, sondern ein abgestimmtes Bündel von Maßnahmen, das in jedem Unternehmen anders aussehen kann.

Ein Bündel, das idealerweise gemeinsam zwischen Mitarbeitern und Arbeitgeber auf die jeweiligen Belange ausgerichtet wird. Das Portfolio reicht von Sport- und Fitnessangeboten, Kursen um das Thema Gesundheit bis hin zu ausgewogener und gesunder Ernährung. Aber ebenso zählen Maßnahmen zur Reduzierung einseitiger Arbeitsbelastung in Produktion und Verwaltung dazu. Das große Ziel lautet, die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu erhalten.

Betriebliches Gesundheitsmanagement kann mit einer Bachelor-Arbeit starten

Bei der oberfränkischen Werkzeugmaschinenfabrik Waldrich Coburg GmbH schrieb man im Jahr 2014 die Stelle eines betrieblichen Gesundheitsmanagers aus und nahm Kontakt zur ansässigen Hochschule auf. Die Motivation bestand nicht nur darin, „mit der Zeit zu gehen“, sondern auch das Thema Gesundheit stärker in den Fokus des Unternehmens zu rücken. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden ausschließlich die Gesundheitsaspekte umgesetzt, die von der Arbeitssicherheit vorgeschrieben waren. Mit Svenja Haubold, die die neue Stelle besetzte und im Rahmen ihres Studiums dazu eine Bachelor-Arbeit schrieb, sollte sich dies nun ändern. Im ersten Schritt wurden künftige Handlungsfelder bestimmt und Aufklärungsarbeit rund ums Thema BGM im Unternehmen betrieben. Ob Führungskraft oder Mitarbeiter, alle mussten informiert und aufgeklärt werden.

Die Palette der Aktivitäten war breit: vom Workshop und dem Mitarbeitermeeting über den Info-Flyer und den Aushang bis hin zum „1. Gesundheitstag“ wurde gezielt informiert. Themenfelder wie Entspannung, Bewegung, Ergometrie oder gesundes Essen wurden schmackhaft gemacht. Eine Erkenntnis dabei war, dass bereits bestehende Angebote, wie ergonomisch gestaltete Möbel oder höhenverstellbare Tische, aus Unkenntnis gar nicht richtig genutzt worden waren. Hier setzte dann auch der zweite Schritt mit einer Umfrage zum Arbeitsplatz an. Als Folge daraus wurde jedem Mitarbeiter ein Rückenscan angeboten, der Schwächen und Fehlstellungen in dieser Problemzone ermittelte. Er bildet nun die Grundlage für weiterführende Informationen, die auch in einer telefonischen Nachbetreuung münden.

Präventiv-Maßnahmen müssen wirklich im Alltag verankert werden

Die große Herausforderung bestehe darin, so Svenja Haubold, die Bedeutung der Präventiv-Maßnahmen auch wirklich im Alltag zu verankern. Führungskräfte sollen dabei als Vorbild vorangehen und die Mitarbeiter aktiv mit einbinden. Das Unternehmen unterstützt zwischenzeitlich zum Beispiel das gesunde Kantinenessen oder subventioniert den monatlichen Beitrag zum Fitnessstudio und die über das Jahr verteilten Maßnahmen und Angebote. Auf die Frage, wo Waldrich in fünf Jahren bezüglich BGM stehen möchte, ist die Antwort relativ einfach: Die Kommunikation soll über alle Felder der Prävention, vom Mitarbeiter bis hin zur Führungskraft, stabil in den Unternehmensalltag integriert werden.

Seit 2014 ist das BGM fester Bestandteil bei der IBC Solar AG in Bad Staffelstein. Auslöser war die Zertifizierung für Arbeits- und Gesundheitsschutz über den Beauftragten Arbeitsschutz. Der mittelständische Hersteller von Photovoltaik- und Energielösungen holte sich Unterstützung bei der Allgemeinen Krankenkasse AOK, die als Moderator in diesem Prozess fungierte. Im ersten Schritt wurde im Unternehmen ein Gesundheitszirkel gebildet, in den jede Abteilung einen Mitarbeiter entsandte.

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Die dort diskutierten Themen, angeregt durch die Zertifizierung, reichten von physiologischen Belangen bis hin zu psychischen Aspekten in der Arbeitswelt von IBC Solar. Durch den Gesundheitszirkel wurden nicht nur die Defizite und unterschiedliche Anforderungen in den Abteilungen angesprochen, sondern auch selbstverantwortlich Vorschläge und Verbesserungen über klare Maßnahmen definiert. Die Vorschläge der Mitarbeiter erreichten die Vorstands­ebene über diesen Arbeitskreis.

Das Einbeziehen aller Mitarbeiter hat zu einem aktiven Prozess geführt

Themen wie Arbeitssicherheit, Kommunikation, Führungsverhalten oder Arbeitszeitmodell wurden mit den erarbeiteten Maßnahmen abgeglichen. Aus allen Bereichen des Unternehmens kamen Vorschläge; die Zusammenarbeit war abteilungsübergreifend. Jeden der rund 250 Mitarbeiter abzuholen und einzubeziehen, war wichtig und hat inzwischen zu einem aktiven Prozess geführt. Zwar gab es vorher bereits einzelne Maßnahmen, um die Gesundheit zu fördern und zu erhalten, doch mit dieser konzertierten Aktion wurde ein Gesamtpaket von allen für alle geschnürt.

Die Veränderungen im Unternehmensalltag sind vielfältig. Von der auf den Arbeitsplatz ausgerichteten Beleuchtung bis hin zum eigenen Ruhearbeitsraum und dem Angebot zum Back-Check (Rücken-Check) reicht die Bandbreite. Ebenso gehört ein Gesundheitstag dazu mit einer vielfältigen Themenpalette, die von der Ernährungsberatung bis zur Klangschalen-Medi­tation reicht.

Für die Mitarbeiter wurde eine ganze Reihe von Möglichkeiten in die Arbeitszeit integriert, zum Beispiel der Kurs zur Rückenschulung, der Workshop zum gesunden Umgang mit Stress oder auch die regelmäßigen Unterweisungen zur Arbeitssicherheit.

Ein Eckpunkt für den Erfolg dieser Aktivität liegt sicherlich auch darin, dass die Firmenleitung voll und ganz hinter dem BGM steht und mit gutem Beispiel vorangeht. Eine offene und vertrauensvolle Unternehmenskultur sorgt zudem dafür, dass die Maßnahmen immer wieder angeglichen und weiterentwickelt werden. Der gesamte Prozess hat gezeigt, dass das betriebliche Gesundheitsmanagement nur lebendig bleibt mit dem Verständnis und der Eigenverantwortung des einzelnen Mitarbeiters.

Das interne BGM-Leitungsteam, Gerlinde Witzgall und Franka Schneider, die das BGM zusätzlich zu ihrem festen Arbeitspensum und Aufgabenbereich betreuen, wünschen sich für die Zukunft, dass durch die stetige Durchdringung auch immer mehr Mitarbeiter sich das Thema Gesundheit zu eigen machen. Ideal, wenn die Zahl der Anstöße aus der Belegschaft steigt und sie in den Gesundheitszirkel einfließen. Das Feedback aus dem Unternehmen an das BGM-Team ist sehr positiv. Mit der Zertifizierung „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ hebt sich das Unternehmen bei potenziellen Mitarbeitern, so zeigen es die Nachfragen, positiv von anderen ab.

Gesundheitsmanagement lässt sich auch weltweit umsetzen

Das Motto des betrieblichen Gesundheitsmanagements bei der Brose Fahrzeugteile GmbH & Co. lautet: „Unsere Mitarbeiter stehen im Mittelpunkt“. Das international aufgestellte Familienunternehmen aus Coburg mit weltweit rund 26.000 Mitarbeitern investiert nachhaltig in die Gesundheit und Leistungsfähigkeit seiner Beschäftigten. Dabei werden drei zentrale Ziele verfolgt:

  • Gesundheit schützen,
  • Gesundheitsbewusstsein fördern und
  • Leistungsfähigkeit erhalten.

Dementsprechend tragen die Prozesse und die Organisation des betrieblichen Gesundheitsmanagements insbesondere der demografischen Entwicklung, sich verändernden Arbeitsbedingungen und der Beschäftigungsstruktur im Unternehmen Rechnung. Steigende Lebenserwartung und ein künftig höheres Renteneintrittsalter sind Tendenzen, auf die es sich einzustellen gilt. Alle Aktivitäten sind darauf ausgerichtet, die physische und psychische Arbeitskraft der Mitarbeiter über das gesamte Erwerbsleben zu erhalten und die Attraktivität von Brose als Arbeitgeber zu steigern.

Brose hat internationale Standards hinsichtlich Social Care, Health Care und Sports festgelegt. Diese werden standortspezifisch in unterschiedlicher Form und Ausprägung weltweit umgesetzt; sie berücksichtigen kulturelle, gesellschaftliche und rechtliche Unterschiede.

Seit nunmehr sechzehn Jahren wird das BGM systematisch ausgebaut und weiterentwickelt. Eine Vielfalt von Aktivitäten ist dabei entstanden. Mit Sport- und Fitnessangeboten, ausgewogener und hochwertiger Verpflegung, Kursen und Fachvorträgen fördert das Unternehmen das Wohlbefinden und verbessert die persönliche Lebensqualität der Mitarbeiter – im und um den Beruf herum.

Ebenso unterstützen Maßnahmen zur Reduzierung einseitiger Arbeitsbelastung in Fertigung wie Verwaltung oder regelmäßige Gesundheitsaktionen mit aktuellen Schwerpunktthemen die Mitarbeiter. Damit kann jeder selbst Erkrankungen und Leistungsbeeinträchtigungen vorbeugen, um die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Großer Beliebtheit erfreut sich das Fitness- und Gesundheitsangebot mit Gerätetraining, Kursen, Sauna, Dampfbad und Massagen. Die Mitarbeiter werden von internen und externen Arbeitsmedizinern und Physiotherapeuten betreut. Zahlreiche Veranstaltungen wie Tennis-, Fußball- oder Basketballturniere werden jährlich organisiert, teilweise mit internationaler Beteiligung der Mitarbeiter.

Mit entscheidend ist dabei auch das Führungsverhalten der Vorgesetzen, die mit ihrem Beispiel positiv auf eine gesunde Lebens- und Arbeitsweise der Mitarbeiter einwirken können. Schließlich gilt, nur gesunde Mitarbeiter arbeiten produktiv, sind motiviert, zuverlässig und ideenreich.

Unterstützung und Förderung auch für kleinere Betriebe

Begleitung und Beratung beim Einstieg in ein wirkungsvolles BGM kann über die Krankenkassen, die Kammern oder auch durch Berufsverbände erfolgen. Gerade für kleine Unternehmen ist es sinnvoll, nachzufragen und auf bestehende Erfahrungen zurückzugreifen. Für die Unternehmen gibt es seit dem 1. 1. 2008 (Änderung 17. 7. 2015) die Möglichkeit, die Mitarbeitergesundheit unbürokratisch mit bis zu 500 Euro lohnsteuerfrei steuerlich anzusetzen.

Ein Gespräch mit den zuständigen Kammern und Industrieverbänden sowie dem Steuerberater bildet an dieser Stelle einen ersten Schritt (Stand 1.8.2018). Gefördert werden Bewegungs- und Ernährungsprogramme sowie Suchtprävention und Stressbewältigung. Mit zunehmender Überalterung (= demografischer Wandel) und dem damit verbundenen Rückgang an Beschäftigten steht gerade die Aufrechterhaltung, Optimierung, Wiederherstellung und langfristige Sicherung der Gesundheit zunehmend im Fokus erfolgreicher Unternehmenspolitik – und zwar bei allen Unternehmensgrößen. Keine Frage, betriebliche Gesundheitsförderung ist wichtiger Bestandteil der Unternehmenskultur.

Der Beitrag erschien zuerst auf unserem Schwesterportal MM Maschinenmarkt.

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