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Podiumsdiskussion: Schiefergas versus Bioökonomie Bedroht amerikanisches Schiefergas die Bioökonomie?

| Redakteur: Meike Herkersdorf

Das amerikanische Schiefergas hat in den letzten drei Jahren die Weltwirtschaft gehörig durcheinander gewirbelt. Ethancracker entstehen in Nordamerika, die BASF kündigt die größte Investition der Firmengeschichte auf amerikanischem Boden an, und der Ölpreis fällt ins Uferlose. „In Zukunft wird über den Ölpreis nicht mehr die Opec entscheiden.“ Eugen Weinberg, der Rohstoffexperte der Commerzbank lehnt sich bei dieser Aussage locker in seinem Stuhl zurück und betont, Schiefergas sei die wichtigste Entwicklung der letzten 40 Jahre.

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Der Schiefergas-Boom in den USA bedroht den Rohstoffwandel in der Chemie.
Der Schiefergas-Boom in den USA bedroht den Rohstoffwandel in der Chemie.
(Bild: © dipego - Fotolia)

Der große Erfolg der Schiefergasexploration und die entstehenden Crackerkapazitäten drücken die Energie- und Rohstoffpreise und machen zwei wichtige Argumente für einen Rohstoffwandel in der Chemie zunichte. Das propagierte Ziel, weg von der Petrochemie hin zu einer biobasierten Chemieproduktion, lohnt sich nämlich nur, wenn Öl teuer und Bio damit wettbewerbsfähig ist. Und: Öl gilt als Ressource, die geschont werden muss, weil das Ende der Förderung nahe ist. In der Biotechbranche machen deshalb mittlerweile Befürchtungen die Runde, das amerikanische Biogas könnte zum Totengräber einer aufkeimenden Bioökonomie werden. Befindet sind sich die Bioökonomie also tatsächlich in der Shale-Gas-Falle?

Nach der gestrigen Podiumsdiskussion sind zumindest Zweifel an dieser These angebracht. Die von Dechema-Geschäftsführer Kurt Wagemann moderierte Podiumsdiskussion fördert erstaunlich wenig Kontroversen zu Tage. Trotz des brisanten Themas ist sich die Runde, bestehend aus Brain-Geschäftsführer und Bioökonomieratsmitglied Holger Zinke, Exxon Mobile-Deutschlandchef Gernot Kalkoffen, Linde-Chef Wolfgang Büchele und Eugen Weinberg, Geschäftsführer Commodity Research, bemerkenswert einig. Das Thema Nachhaltigkeit sei mittlerweile gesellschaftlich verankert, meint Brain-Geschäftsführer Zinke.

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Entwicklung zur Bioökonomie hin ist eine Frage der Geschwindigkeit

Der Bioökonomierat schöpfe Zuversicht aus den Wachstumsraten biobasierter Produktion, wie etwa dem Markt für Biokatalysatoren, dessen Verkaufszahlen sich seit Jahren nach oben entwickeln. Bio sei längst keine Nische mehr. Auch große Konzerne, wie Nestle hätten mittlerweile den Trend der Zeit erkannt. Weinberg wiederum erwartet Unterstützung für den Trend zur Nachhaltigkeit von den Schwellenländern. „Bio ist auch eine Frage des Wohlstands“, sagt er. Für ihn sei daher nicht überraschend, dass in China mit seiner aufstrebenden Mittelschicht dem Thema Umweltschutz eine so große Bedeutung bei gemessen werde. Und Kalkoffen erklärt: „Die Erneuerbaren passen in die Strategie der Decarbonisierung der Industriegesellschaft.“ Die Entwicklung gehe in Richtung Bioökonomie, es sei alles nur eine Frage der Geschwindigkeit.

Bioökonomie funktioniere, sei aber zunehmend Wettbewerb ausgesetzt, meint Linde-Chef Wolfgang Büchele. Beispiel Brasilien: Das südamerikanische Land gilt als Vorreiter in Sachen Bioraffinerie und hat mittlerweile einen technischen und logistischen Vorsprung, der schwer einzuholen ist. Knackpunkt ist auch die Anlagengröße. Wie klein darf eine Anlage sein, damit sie noch wirtschaftlich arbeiten kann, fragt er. Biopolymer-Anlagen von 5000 bis 10.000 Jahrestonnen machen aus seiner Sicht wirtschaftlich keinen Sinn. Die Economie of Scale muss gerade in der Bioproduktion stimmen. Um petrochemie-basierte Massenpolymere eins zu eins durch biobasierte zu ersetzen, fehle außerdem die Ackerfläche.

Fakt ist: Schiefergas ist keine Eintagsfliege. Der Peak-Demand werde auf jeden Fall vor dem Peak-Supply kommen, meint Kalkoffen, und Weinberg prophezeit, die Produktion werde sich auf hohem Niveau stabilisieren, was für den Ölpreis mittelfristig eher eine Verschiebung nach unten bedeute. Der Ölpreis werde sich bei unter 100 Euro einpendeln. Schiefergas wird also die Debatte wohl noch eine Zeitlang befeuern.

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