Dichlorbenzol in TDI BASF liefert stark belastetes TDI an Schaumhersteller – Matratzenhersteller beklagen Intransparenz

Redakteur: Wolfgang Ernhofer

Über einen Monat lang soll der Chemiekonzern BASF belastetes Toluoldiisocyanat (TDI) produziert und ausgeliefert haben. Durch einen technischen Fehler in der Produktion enthielt das produzierte TDI eine deutlich erhöhte Konzentration an Dichlorbenzol (DCB). Dieser organische Stoff kann Haut, Atemwege und Augen reizen und steht unter Verdacht Krebs zu verursachen.

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Die TDI-Anlage der BASF macht seit ihrem Start vor zwei Jahren immer wieder Schwierigkeiten.
Die TDI-Anlage der BASF macht seit ihrem Start vor zwei Jahren immer wieder Schwierigkeiten.
(Bild: BASF)

Ludwigshafen; Würzburg – Die eine Milliarde Euro teure 300.000 t/a-TDI-Anlage in Ludwigshafen läuft auch nach zwei Jahren nicht rund. Nach verschobenem Bau, bzw. Fertigstellung, einer detonierten Fliegerbombe auf dem Gelände, Anlaufschwierigkeiten und reihenweise ausfallenden Pumpen sowie Phosgen-Austritt durch einen defekten Reaktor, nun die nächste folgenschwere Panne: Bei der Produktion von TDI, die zwischen dem 25. August und dem 29. September 2017 erfolgte, wurde eine deutlich erhöhte Konzentration an DCB festgestellt.

DCB ist eine organische Verbindung. Die farblose Flüssigkeit ist giftig für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung. Dichlorbenzol kann Haut, Atemwege und Augen reizen und steht unter dem Verdacht Krebs zu verursachen. Die Anlage zur Produktion von TDI sei gestoppt, das bisher gelieferte Material zurückgerufen worden.

Das Unternehmen spricht von 7500 t TDI, die einen höheren Dichlorbenzol-Wert aufweisen und an 50 Kunden geliefert wurden. Davon sollen rund zwei Drittel noch nicht weiterverarbeitet worden sein. TDI ist einer der Ausgangsstoffe für den Spezialkunststoff Polyurethan. Dieser Kunststoff wird zu einem großen Teil in der Möbelindustrie für elastische Schäume für Matratzen, Polsterung oder Holzbeschichtungen, sowie in der Automobilindustrie für Sitzpolster eingesetzt.

Im Rahmen einer Risikobewertung haben BASF-Experten erste Untersuchungen an verunreinigten Schäumen durchgeführt. Die Ergebnisse und weitergehende Berechnungen würden zeigen, dass nicht von einer Gesundheitsgefährdung auszugehen sei, so das Unternehmen. Der Konzern vermeldete, dass die Details der Bewertung den zuständigen Behörden und relevanten Verbänden zur Verfügung gestellt werden.

DCB-Belastung durch Kunden entdeckt

Der SWR teilte mit, dass der Konzern laut einer Sprecherin der BASF von einem Kunden auf die erhöhte DCB-Belastung aufmerksam gemacht wurde. Das Chemieunternehmen selbst mache normalerweise einmal im Monat eine Probe, was wiederum den Anforderungen der Kunden entspräche. Die Unternehmenssprecherin berichtete von einem DCB-Anteil von mehreren Hundert ppm (parts per million), was dem über hundertfachen Wert von normalerweise unter drei ppm entsprechen würde.

Der Ludwigshafener Konzern leitete laut eigenen Aussagen folgende Maßnahmen ein:

  • Das Unternehmen nimmt unverarbeitetes TDI sowie noch nicht verarbeitete Schaumblöcke zurück. Dieser Prozess soll bis Ende nächster Woche abgeschlossen sein.
  • Für bereits weiterverarbeitete Produktmengen unterstützt BASF ihre Kunden dabei, Tests durchzuführen, um sicherzustellen, dass die spezifischen Grenzwerte der verschiedenen Industrien eingehalten werden.
  • Ein Team von rund 75 Spezialisten unterstützt die Kunden zum Beispiel bei Tests zur DCB-Konzentration, um eine Gefährdung auszuschließen.
  • Zusätzlich hat BASF eine telefonische Hotline für Kunden und Verbraucher eingerichtet. Diese ist zwischen 8 und 18 Uhr zu erreichen unter 0621 60-21919 – darauf gingen bisher etwa 300 Anrufe vor allem von Verbrauchern ein. Ein großer Anteil der Anfragen betrifft Endprodukte wie Matratzen.
  • Das Unternehmen möchte sich eng mit den relevanten Verbänden der Matratzen- sowie der Schaumhersteller abstimmen, um für verunsicherte Verbraucher schnellstmöglich zu einer Lösung zu kommen.

Der Fehler in der Anlage sei mittlerweile behoben worden. Nächste Woche soll die Produktion wieder anfahren.

Unsicherheit bei Matratzen-Industrie

Bei den Matratzenherstellern herrsche große Unsicherheit, so der Fachverband. Zahlreiche Hersteller mussten demnach die Produktion einstellen oder deutlich zurückfahren. Entgegen früherer Vermutung, dass aufgrund langer Liefer- und Produktionsketten evtl. noch keine belasteten Matratzen im Handel gelandet sind, schließt der Verband dies nicht mehr aus.

Der Matratzenhersteller Dunlopillo stoppte die Auslieferung und startete eine große Rückrufaktion für Matratzen, die vom 26.09. bis 06.10.2017 ausgeliefert wurden. „Auch wenn die abschließenden Ergebnisse noch nicht vorliegen, besteht der Verdacht für eine gesundheitliche Gefährdung – das reicht uns, dass wir alle betroffenen Matratzen, die beim Endkunden oder am POS liegen, zurückholen und durch neue ersetzen“, erklärt Dunlopillo-Geschäftsführer Manuel Müller.

Dr. Ulrich Leifeld, Geschäftsführer des Fachverbands der Matratzen-Industrie, zeigte sich gegenüber dem SWR entsetzt über mangelnde Kommunikation, Transparenz und Aufklärung von Seiten des Chemieunternehmens: „Es wird nicht geantwortet auf die E-Mail die die drängenden Fragen enthält. Das empfinde ich vor der Dimension des Skandals als eine ziemliche Unverschämtheit.“ Mittlerweile habe das Unternehmen reagiert und erste wichtigen Fragen beantwortet.

Auch die Schaumstoffhersteller nimmt der Fachverband in die Pflicht. „Wir empfinden es als skandalös, dass sich seitens der Schaumstoff produzierenden Industrie keine Aktivitäten erkennen lassen, die uns und dem Verbraucher helfen, die potenziellen Gefahren, die von den in Matratzen verarbeiteten Schäumen ausgehen, im Sinne des Verbrauchers, aber auch der Mitarbeiter unserer Unternehmen zu bewerten“, so der Verband in einer Presseerklärung.

Auf der Website des Fachverbands für Schaumkunststoffe und Polyurethane (FSK) heißt es, dass der Verband in engem Kontakt mit der BASF und weiteren Branchenverbänden wie Europur und Isopa stehe. Mitglieder des FSK würden verbandsintern über aktuelle Entwicklungen in Kenntnis gesetzt.

Weiterer Preisanstieg für TDI befürchtet

Neben dem entstanden Imageschaden sowie wirtschaftlichen Folgen durch Produktionsverluste für alle beteiligten Unternehmen, fürchten Schaum und Matratzenhersteller auch weitere Preisanstiege für TDI. Laut des Fachverbands der Matratzen-Industrie gibt es in Europa nur drei Hersteller von TDI: BASF,Covestro und das ungarische Unternehmen Borsod-Chem. In den letzten eineinhalb Jahren wurde der Preis für TDI um 80 % angehoben – u.a. wegen der Störungen in der Ludwigshafener TDI-Produktion und dem bestehenden Oligopol. Die Matratzenhersteller fürchten, dass eine weitere Verknappung des Rohstoffs und damit einhergehende Preisanstiege die Rohstoff- und Produktionskosten in die Höhe treiben und schlussendlich zu teureren Matratzen führen.

Die finanziellen Einbußen, die die BASF zu tragen hat sind noch nicht abzuschätzen. Experten gehen aber von Millionenbeträgen aus, so tagesschau.de.

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