VCI-Innovationsmotor Chemie Ausgaben für Forschung und Entwicklung sinken umsatzanteilig – Forschung in Asien entwickelt sich rasant

Redakteur: Marion Wiesmann

Die Gewichtung Deutschlands in der weltweiten Chemieindustrie hat laut des gerade veröffentlichten “Innovationsmotor Chemie” sukzessive abgenommen – gerade im Hinblick auf den wachsenden asiatischen Markt. Dr. Alfred Oberholz, Vorsitzender des dafür zuständigen VCI-Ausschusses, stellte Ergebnisse der Studie vor und daraus resultierende Forderungen auf.

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Dr. Alfred Oberholz, Vorsitzender des Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung im VCI: „Die Wettbewerbsfähigkeit und damit die Zukunft Deutschlands hängt vor allem von seiner Innovationsfähigkeit ab.“
Dr. Alfred Oberholz, Vorsitzender des Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung im VCI: „Die Wettbewerbsfähigkeit und damit die Zukunft Deutschlands hängt vor allem von seiner Innovationsfähigkeit ab.“
( Bild: PROCESS )

Frankfurt – „Die Branche darf sich nicht auf Erfolgen ausruhen!” Das mahnte Dr. Alfred Oberholz im Rahmen einer Pressekonferenz am 9. August in Frankfurt zur Vorstellung der aktuellen Studie „Innovationsmotor Chemi e 2007 – Die deutsche Chemie-Industrie im globalen Wettbewerb“. In seiner Funktion als Vorsitzender des Ausschusses Forschung, Wissenschaft und Bildung im Verband der Chemischen Industrie (VCI) ging er auf die aktuelle Entwicklung im Bereich Forschung und Entwicklung (FuE) ein. Seine Kernaussage: Die Forschung, eines der Steckenpferde der deutschen Chemiebranche, entwickelt sich global – Chemieunternehmen und die deutsche Politik müssen zukunftsorientiert damit umgehen.

China ist ein sich öffnender Markt und ernstzunehmender Wettbewerber

Oberholz stellt klar: „China und Indien besitzen schon heute ein enormes Potenzial an Wissenschaftlern, wenn man berücksichtigt, wie groß die Bevölkerung in diesen Ländern ist.” Die Schwellenländer Asiens, besonders China und Indien, seien schon lange keine reinen Produktionsstandorte mehr, dort werde schon heute Spitzenforschung betrieben, so Oberholz. China ist mit einem weltweiten Anteil von 12,4 Prozent mittlerweile die zweitgrößte Quelle für wissenschaftliche Chemiepublikationen der Welt – nach den USA (29,4 Prozent), aber noch vor Japan und Deutschland. Auch Indien geht mit seinem Fachwissen offensiv um, hat Großbritannien mit einem Anteil von 4,7 Prozent der weltweiten Chemie-Publikationen eingeholt und liegt nur noch knapp hinter Frankreich (5,1 Prozent). „Die Schwerpunkte chinesischer und indischer Wissenschaftspublikationen liegen auf der Polymerchemie, der organischen Chemie und der chemischen Verfahrenstechnik. Die Chemie steht damit in diesen Ländern ganz klar im Zentrum der wissenschaftlichen Anstrengungen”, erklärt Oberholz die gestiegene Innovationskraft chinesischer Chemieunternehmen. Bis zum Jahr 2020, so der Degussa-Manager, wolle China zu den großen Hightech-Nationen gehören. Zu den Schlüsseltechnologien gehören laut dem Regierungsplan für Wissenschaft und Technologie (2006 – 2020) unter anderem die Biotechnologie, die Informationstechnologie, neue Materialien, Energieerzeugung und Produktdesign. China ist mittlerweile der zweitgrößte Konsument von Chemieerzeugnissen und der zweitgrößte Produzent nach den USA und vor Japan. Chinas Bedarf an Rohstoffen, Energie und umweltfreundlichen, ressourcensparenden Technologien wächst ungebrochen und damit auch der Bedarf an neuen Technologien, Ausrüstungen, Know-how und Projektpartnern. Doch Oberholz plädiert dafür, diese Situation als Chance für deutsche Chemieunternehmen zu begreifen und verweist auf Fallbeispiele der Chemieunternehmen BASF, Merck und Degussa, die eine vielversprechende Asien-Strategie entwickelt hätten.

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Auch Deutschland ist für Unternehmen aus dem Ausland ein attraktiver Forschungsstandort

15 Prozent aller deutschen Chemieunternehmen forschen auch im Ausland und investieren dort 2,5 Milliarden Euro. Das entspricht einem Drittel der weltweiten FuE-Aufwendungen deutscher Chemiekonzerne. Dabei handle es sich jedoch nicht um eine Verlagerung ins Ausland, sondern um eine Individualisierung: „Die Forschung vor Ort soll die Innovationsbedürfnisse der dortigen Kunden befriedigen.“ Aber auch Deutschland profitiere zunehmend von ausländischen Chemieunternehmen, die in Deutschland forschen. So sei der Anteil der FuE-Aufwendungen von Chemieunternehmen in ausländischen Mehrheitsbesitz auf derzeit 14 Prozent gestiegen – seit 1997 habe sich dieser Wert annähernd verdoppelt. Deutsche Chemieunternehmen forschen derzeit vor allem in Westeuropa, gefolgt zu gleichen Anteilen von Osteuropa, Asien und Nordamerika. Doch Oberholz bestätigt, was Branchenkenner schon lange erwarten: „Unternehmen wollen ihr FuE-Engagement vorrangig in Asien ausbauen.“

Abbau bürokratischer Hemmnisse gefordert

Die Gewichtung Deutschlands in der weltweiten Chemieindustrie hat laut der aktuellen Studie von einem sehr hohen Niveau sukzessive abgenommen, ohne jedoch die starke Position als Innovations- und Produktionsstandort zu verlieren. Um diese Position halten und im Wettbewerb auf dynamischen Märkten mit neuen Anbietern bestehen zu können, fordert Oberholz zum einen, bürokratische Hemmnisse wie beispielsweise in der Pflanzenbiotechnologie auszuräumen. Zum anderen müsse das Bildungsniveaus weiter angehoben werden. Deutschland investiere durchschnittlich 15 Milliarden Euro weniger in die öffentliche Bildung als alle anderen in der OECD organisierten Industrienationen. Zudem hält Oberholz eine steuerliche Forschungsförderung für sinnvoll.

Immerhin ist die deutsche Chemie – so belegt die Studie – ein wichtigster Lieferant von forschungsintensiven Vorprodukten für viele andere Industriezweige, und auch beim Innovationstransfer zwischen Industriebranchen ist sie die Nummer eins – vor der Elektronik/Medientechnik, dem Maschinenbau und der Elektrotechnik. Rund 15,5 Prozent aller branchenübergreifenden Forschungs- und Entwicklungsleistungen kommen aus Chemieunternehmen.

Ausgaben für Forschung und Entwicklung sinken anteilig zum Umsatz

Während sich der Anteil der Beschäftigten im FuE-Bereich in der Pharma- und Chemiebranche mit neun Prozent auf einem konstanten Wert einpendelt, gingen die FuE-Gesamtaufwendungen umsatzanteilig in den vergangenen zehn Jahren um knapp einen Prozentpunkt auf 4,6 Prozent zurück (Stand: 2005). Damit liegt sie dennoch ein Drittel über dem Durchschnitt der verarbeitenden Industrie. Oberholz begründet den anteiligen Rückgang zum einen mit der guten Umsatzentwicklung in der Branche, zum anderen sei die Forschung in den vergangenen Jahren aber auch deutlich effizienter geworden. Insgesamt wurden im Jahr 2006 4,5 bis 4,6 Milliarden in die Forschung und Entwicklung chemischer Produkte und Verfahren in Deutschland aufgewendet.

Hohe Innovatorenquote, aber wenig daraus resultierender Umsatz

Vier von fünf Chemieunternehmen gelingt es, innerhalb von drei Jahren mindestens eines der neu entwickelten Produkte im Markt einzuführen oder ein neues Verfahren unternehmensintern zu realisieren. Damit hat die Branche die zweithöchste Innovatorenquote hinter der Pharmaindustrie. Neu eingeführte Produkte erzeugen jedoch mit 20 Milliarden jährlich lediglich 14 Prozent des Gesamtumsatzes, dieser Anteil ist in anderen forschungsintensiven Unternehmen höher. Die langen Anlaufzeiten neuer Produkte erfordern daher lange Verwertungszeiten von Chemieprodukten.

Die Chemie sei eine der wichtigsten Schlüsselindustrien Deutschlands, denn sie trage grundlegend zu Innovationen in anderen Sektoren bei und sei somit der Innovationsmoter der deutschen Industrie schlechthin, beteuerte Oberholz. Rund 15,5 Prozent aller branchenübergreifenden Forschungs- und Entwicklungsleistungen kommen laut Studie aus Chemieunternehmen. Von allen lieferantenseitigen Anstößen für neue Produkte in der deutschen Industrie kämen an die 20 Prozent aus der Chemie. Neue Materialien seien zudem Quelle für Prozessinnovationen in den Abnehmerbranchen, wichtigster Nutzer hierbei sei die Automobilindustrie. Degussa-Vorstand Oberholz belegte dies mit einem Beispiel aus eigenem Hause: Eine neuartige Membran könne Lithium-Ionen-Akkus sicherer machen und damit den Einsatz in Hybridfahrzeugen ermöglichen – geplante Marktreife in ein bis zwei Jahren.

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