Nachbericht Pharmakongress Annex 1 – wie geht´s weiter?

Autor / Redakteur: Dr. Andreas Mangel* / Anke Geipel-Kern

Um den Annex 1 zur Sterilherstellung ist eine heiße Debatte entbrannt und war deshalb das Topthema auf dem Pharma-Kongress Produktion & Technik. Der Nachbericht von Fachbereichsleiter Dr. Andreas Mangel beleuchtet den momentanen Stand der Diskussion.

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Branchentreffpunkt Nummer 1: Der Pharmakongress Produktion & Technik in Düsseldorf/Neuss
Branchentreffpunkt Nummer 1: Der Pharmakongress Produktion & Technik in Düsseldorf/Neuss
(Bilder: Concept)

Der Pharma-Kongress Produktion & Technik mit Referenten namhafter Pharmaunternehmen und Inspektoren ist die größte Fachtagung ihrer Art in Europa. Auch dieses Jahr hat der Branchentreffpunkt mit insgesamt zehn GMP-/FDA-Konferenzen (die Hälfte davon in englischer Konferenzsprache) am 24. und 25. März jeweils über 500 Fach-und Führungskräfte aus insgesamt 20 Ländern nach Düsseldorf gelockt. Und auch die parallele Fachmesse „Pharma Technica“ war wieder mit 80 Ausstellungsständen ausgebucht.

Für die Key-Note-Präsentation zur Eröffnung des Pharma-Kongress 2015 hatte der Veranstalter Concept Heidelberg wieder ein heiß diskutiertes Thema ausgesucht: Die Revision des EU GMP Annex 1 zur Sterilherstellung.

Revision unter Zeitdruck

In der Einleitung zur Key Note betonte Oliver Schmidt, Geschäftsführender Gesellschafter Concept Heidelberg, die Bedeutung des EU GMP Annex 1 für die Branche. Anfang Februar diesen Jahres veröffentlichte die EU-Kommission ein so genanntes Concept Paper, welches die Revision des Annex 1 einleitet. Dieses Concept Paper stellt die wesentlichen Ziele für eine Revision vor und ermöglicht den Interessenvertretern der Verbände, eine Stellungnahme abzugeben.

Dazu hatte die EU-Kommission allerdings lediglich bis zum 31. März Zeit eingeräumt – für Schmidt ein „sehr eng gefasster Zeitrahmen“. Der offizielle Entwurf zum EU GMP Annex 1 soll dann bereits im Oktober diesen Jahres veröffentlicht werden – wenig Zeit, um sich vorzubereiten.

Für die Key Note konnte Concept Heidelberg gemeinsam mit dem Co-Sponsor des Pharma-Kongress 2015, der ECA Academy, einen Top-Referenten gewinnen: Dr. Jean Denis Mallet war lange Jahre Leiter der GMP-Überwachung in Frankreich. Dadurch hat er umfangreiche Kenntnisse aus dem Behördenumfeld.

Was soll erreicht werden?

Heute ist Mallet Mitglied des Foundation Boards der ECA-Stiftung. In dieser Funktion ist er auch an der Kommentierung des EU GMP Annex 1 beteiligt. Die ECA hatte dazu eine Task Force mit Vertretern gebildet – u.a. von Boehringer Ingelheim, Roche Diagnostics, UCB, Baxter und anderen Pharma-Firmen. In seinem Vortrag informierte er über die zu erwartenden Änderungen und über die Herausforderungen, die sich hieraus für die Pharma-Industrie ergeben.

Mallet erläuterte die drei wesentlichen Gründe für die geplante Revision des Annex 1:

1) Die Einbeziehung der ICH-Prinzipien, insbesondere von ICH Q 9 und Q 10 (Quality Risk Management und Pharmaceutical Quality System);

2) Neue Technologien und deren spezielle Anforderungen müssen integriert werden;

3) Die Klärung nicht eindeutig formulierter Anforderungen und die Harmonisierung mit amerikanischen Vorgaben.

In seinem Vortrag ging Mallet auf die verschiedenen Entwicklungsstufen des aktuell gültigen Annex 1 ein. Dabei beleuchtete er Schwachstellen und Unklarheiten in der aktuellen Fassung. Genannt wurden die Fokussierung des aktuellen Annex 1 auf kleinvolumige Injectabilia als auch die Tatsache, dass im Bereich Räumlichkeiten und Ausrüstung keine aktuellen Technologien (Simulationen, Restricted Access Barrier System – RABS) adressiert werden.

Basierend auf der Struktur des aktuellen Annex 1 führte Mallet Beispiele auf, die bei der Revision des Annex 1 dringend aufgenommen werden sollten, u.a:

  • Einbeziehen von Augentropfen und großvolumiger Parenteralia,
  • Identifikation und Monitoring von Risiken,
  • Brillen (Goggles) und Ausbildung beim Personal,
  • Gasförmige Dekontaminationsverfahren und Monitoring von Räumen,
  • Single Use Disposables.

Im Concept Paper zur Revision des Annex 1 wird ebenfalls darauf hingewiesen, dass der Annex 1 – obwohl dieser die Herstellung steriler Arzneimittel adressiert – auch als Quelle für die Umgebungsbedingungen bei nicht-sterilen Arzneimitteln als auch bei biologisch hergestellten Wirkstoffen verwendet wird.

Neue Arzneiformen

Laut Mallet wäre es sinnvoll, eine neue Nummerierung der Paragraphen zu verwenden, auch um neue Arzneiformen wie Augentropfen, Implantate, Großvolumige Parenteralia, Lyophilisate usw. zu betrachten. Anforderungen an nicht-sterile Arzneiformen sollten in einem separaten Anhang aufgenommen werden.

Immer wieder wird auch darüber diskutiert, dezidiert neue Technologien im Annex 1 zu beschreiben. Dr. Mallet mahnte jedoch an, dass dies auch ein Nachteil sein könnte. Denn Technologien, die aktuell noch nicht bekannt sind, können nach Verabschiedung des Annex 1 nicht mehr berücksichtigt werden, und dadurch könnten Diskussionen über deren Akzeptanz bzw. deren Umsetzung in die Praxis entstehen.

Generell sinnvoll wäre aber eine Erweiterung der 100-Prozent-Online-Prüfung anstelle eines finalen Tests. Ebenso sollten neue mikrobiologische Methoden und insbesondere Echtzeit-Techniken und Echtzeit-Messungen adressiert werden. Auch das Thema Outsourcing sollte einfließen. Schließlich werden immer mehr kritische Prozesse an Lieferanten vergeben. Viele sterile Komponenten werden heute von Lieferanten „verbrauchsfertig“ geliefert.

Weitere Schritte

Die verschiedenen Industriekommentare beispielsweise von A3P (Association in Frankreich), von EFPIA (europäischer Pharmaverband) und von der ECA Working Group „EU GMP Annex 1“ wird die EU-Kommission im Mai oder Juni veröffentlichen.

Anschließend werden die Papiere der Interessengruppen durch die Inspektoren gesichtet, die an der Ausarbeitung der Revision des Annex 1 beteiligt sind. Schon im Oktober dürfte dann der Entwurf der Inspektoren durch die EU-Kommission publiziert werden.

* * A. Mangel ist Fachbereichsleiter bei Concept Heidelberg, Kontakt: Tel. +49-6221-8444-0

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