Großanlagenbau in schwierigen Zeiten Anlagenbau auf Talfahrt: Auch 2017 keine Trendwende in Sicht

Redakteur: Dominik Stephan

2016 war kein gutes Jahr für den deutschen Großanlagenbau: Mit einem Auftragsrückgang von drei Prozent sind die Bestellungen auf dem tiefsten Wert seit 2004. Zwar konnten sich die Inlandsnachfrage und die Wirtschaftslage wichtiger Industrienationen stabilisieren, dafür enttäuschten wesentliche Schlüsselmärkte. Auch für 2017 sehen Experten lediglich eine Stabilisierung, und keine grundlegende Trendwende. Ist die Talsohle erreicht?

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„Bei uns liegen Wohl und Wehe nah beieinander: Ein einziger Auftrag kann das Blatt bereits wenden“, berichtet Jürgen Nowicki, Vorsitzender der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (mitte).
„Bei uns liegen Wohl und Wehe nah beieinander: Ein einziger Auftrag kann das Blatt bereits wenden“, berichtet Jürgen Nowicki, Vorsitzender der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (mitte).
(Bild: PROCESS)

So schwach wie seit über zehn Jahren nicht mehr: Mit 18,9 Milliarden Euro waren die Auftragseingänge der Mitgliedsunternehmen der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau 2016 auf ähnlichem Tiefstand wie zuletzt 2004. Drei Prozent weniger Bestellungen verglichen mit dem ohnehin enttäuschenden Vorjahr und einen Rückgang der Beschäftigtenzahlen um zwei Prozent auf 57.600 Mitarbeiter (2015: 58.800) sprachen eine deutliche Sprache.

Entsprechend nüchtern fällt die Bestandsaufnahme des Verbands aus: „Angesichts des herausfordernden Umfelds, das von niedrigen Rohstoffpreisen, Überkapazitäten, starkem Preis- und Wettbewerbsdruck sowie vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Risiken geprägt ist, werten wir es als Zeichen hoher Wettbewerbsfähigkeit, dass der Großanlagenbau sich insgesamt nahezu stabil in seinen Märkten behaupten konnte“, erklärte Jürgen Nowicki, Sprecher der Geschäftsleitung von Linde Engineering und Sprecher der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau.

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Optimismus klingt anders – Auch im laufenden Jahr sei mit keiner Trendwende rechnen, so der VDMA. Laut einer aktuellen Mitgliederumfrage erwartet die überwiegende Mehrheit der Unternehmen bestenfalls stagnierende Umsätze sowie rückläufige Beschäftigtenzahlen im Inland. Nowicki: „Immerhin erhofft sich rund die Hälfte der Befragten leicht steigende Auftragseingänge.“

Stabilisiert, wenn auch auf niedrigerem Niveau, präsentiert sich 2016 das Sorgenkind Binnenmarkt: Mit Bestellungen von 3,7 Milliarden Euro blieb der Auftragseingang zwar unter dem langjährigen Durchschnitt (2007 bis 2016: 4,6 Milliarden Euro), konnte aber gegenüber 2015 zulegen.

Inland stabil, Ausland schwach

Ganz anders das Auslandsgeschäft: Mit einem Rückgang um 10 Prozent auf 15,2 Milliarden Euro (2015: 16,9 Milliarden Euro) schlägt die schwache Entwicklung wesentlicher Schlüsselmärkte auch auf die Investitionsprojekte durch. Betroffen waren nahezu alle Regionen. Besonders deutlich war der Einbruch im Mittleren Osten, wo die Kunden des Anlagenbaus angesichts des niedrigen Ölpreises Investitionen zurückstellten. Doch auch in Schwellenländern wie etwa Brasilien, Indien und Mexiko war die Entwicklung enttäuschend. Immerhin stabilisierte sich die Nachfrage in den Industrieländern und im asiatisch-pazifischen Raum mit China als wichtigstem Markt.

„Eine Reihe von Megaprojekten in Ägypten und Russland sorgte dafür, dass das Auslandsgeschäft nicht noch weiter schrumpfte. Gleichzeitig verharrte die Zahl der für den Großanlagenbau typischen und für die Auslastung der Unternehmen wichtigen Projekte in der Größenordnung von 125 bis 500 Millionen Euro auf niedrigem Niveau“, erläuterte Nowicki. Dabei käme es auf jedes einzlene Projekt an: „Bei uns liegen Wohl und Wehe nah beieinander: Ein einziger Auftrag kann das Blatt bereits wenden", so Nowicki in Frankfurt.

Auch wenn derartige Megaplants und Großprojekte weiterhin heiß begehrt sind: Die Zukunft gehört mittleren Projektgrößen unter 100 Millionen Euro. Getrieben wird diese Entwicklung auch von veränderten Kundenbedürfnissen: Die Käufer wünschten sich die Lieferung modularer Anlagen, die mit digitalen Schnittstellen ausgestattet sind und auf denen sich kleine Losgrößen flexibel herstellen lassen, beobachtet der VDMA. Zu sehen ist dieser Trend insbesondere in der Stahl- und in der Papierherstellung sowie in der Holzindustrie und der Energieerzeugung.

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Der Großanlagenbau reagiert auf die neuen Markterfordernisse, indem er die auf das Großprojektgeschäft ausgelegten Managementprozesse an die neuen Rahmenbedingungen anpasst. Nowicki: „Flexibilität und Reaktionsschnelligkeit sind in diesem Umfeld die neuen Trümpfe.“

Branche setzt auf Stärkung der EPC-Fähigkeit

Obwohl die Nachfrage nach Megaanlagen tendenziell sinkt, bleibt die Übernahme der Gesamtverantwortung für Projekte – kurz EPC-Fähigkeit genannt – ganz oben auf der Agenda des Großanlagenbaus. Denn immer mehr Kunden fordern Komplettpakete und damit auch die Übernahme der Verantwortung für die Gesamtabwicklung.

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau reagieren auf diesen Trend, indem sie ihre Kompetenzen im Risiko- und Projektmanagement, aber auch im Contract- und Claimsmanagement von hohem Niveau ausgehend weiter ausbauen.

Die Unternehmen stärken überdies ihr Wissen im Bau- und Montagemanagement. In diesem Zusammenhang nimmt vor allem das Thema HSE – also die Verantwortlichkeit des Anlagenbaus für Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter sowie für den Umweltschutz – an Bedeutung zu. Um den steigenden gesetzlichen Vorgaben und den umfangreichen Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden, hat der VDMA Großanlagenbau auch in diesem Bereich Personal und Wissen ausgebaut.

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„Schließlich umfasst der Verantwortungsbereich des Anlagenbaus speziell auf Baustellen neben dem eigenen Personal auch die Sicherheit der Mitarbeiter von Unterlieferanten sowie von freien Mitarbeitern. Diese Aufgabe nehmen wir sehr ernst“, erläuterte Nowicki.

2017: Optimismus dank Innovations- und Technologiestärke

Angesichts fehlender Wachstumsimpulse in vielen Industrie- und Schwellenländern bemüht sich die Branche um Optimismus: Neue Märkte in Afrika, Süd- und Zentralasien sowie das Geschäft mit Großprojekten in den USA und im Iran sollen zusammen mit Technologieexpertise die Trendwende bringen. „Der VDMA Großanlagenbau ist nach wie vor Innovations- und Technologieführer im globalen Markt. Eine hohe Service- und Ausbildungskompetenz sowie die Fähigkeit, Anlagen zu betreiben und sie mit digitaler Intelligenz auf- und nachzurüsten sind weitere spezifische Stärken der Branche. Insofern schauen die Unternehmen mit Optimismus in die Zukunft“, lautete das Fazit von Großanlagenbau-Sprecher Nowicki.

Ein wichtiger Wachstumsimpuls kommt dabei von der Bundesregierung: Im Großanlagenbau spielt die Absicherung der Exportgeschäfte durch die sogenannten Hermes-Deckungen eine wichtige Rolle. Der Bund hat jüngst Bestimmungen zur Deckungsfähigkeit ausländischer Lieferungen und Leistungen vereinfacht und den Genehmigungsprozess transparenter gestaltet, wenn die ausländischen Anteile 49 Prozent des abzusichernden Exportauftrags übersteigen. Dies war nach Ansicht des VDMA Großanlagenbaus ein wichtiger und richtiger Schritt.

Allerdings, Märkte und Wertschöpfungsketten verändern sich und immer mehr, Ausschreibungen in Entwicklungs- und Schwellenländern sehen stärkere lokale Lieferanteile vor. Schon allein dadurch sind die an das OECD-Regelwerk gebundenen deutschen Anbieter gegenüber der asiatischen Konkurrenz im Nachteil, da die Absicherung lokaler Leistungen durch das OECD-Regelwerk stark beschränkt ist. Der Großanlagenbau fordert den Bund daher auf, sich auch in der kommenden Legislaturperiode für ein „Level Playing Field“, insbesondere für eine Ausweitung der Absicherung lokaler Kosten, einzusetzen.

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Wachsendes Risiko von Doppelbesteuerungen

Ausgehend von einer hohen Exportquote von mehr als 80 Prozent ist das Projektgeschäft der Mitglieder des VDMA Großanlagenbaus von langen Montagetätigkeiten im Ausland geprägt. Aufgrund dessen müssen die Unternehmen zunehmend eine doppelte Besteuerung des anteiligen Betriebsstättengewinns verkraften – das heißt, derselbe Gewinn wird sowohl im Land der Auslandstätigkeit als auch in Deutschland besteuert. Gründe liegen häufig in fehlenden Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) mit den betroffenen Staaten, der fehlenden Harmonisierung der Gewinnermittlung und in der abnehmenden Vertragstreue bei vorliegenden DBAs.

Gleichzeitig gewinnen die Märkte in Afrika an Bedeutung. Allerdings haben dort 54 Staaten 54 unterschiedliche, nicht ansatzweise harmonisierte Steuersysteme. Deutschland unterhält jedoch im Jahr 2017 lediglich mit zwölf afrikanischen Staaten ein Doppelbesteuerungsabkommen. Der VDMA Großanlagenbau plädiert deshalb für mehr solcher Abkommen sowie für praxisnahe Lösungen bei Doppelbesteuerungen.

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