Abwasser-Monitoring Abwasser als Frühindikator für die Corona-Lage: Zu zaghafte Anwendung einer vielversprechenden Methode?

Autor / Redakteur: Sandra Trauner / Alexander Stark

Dass Kläranlagen ein schnelles, zuverlässiges und auch günstiges Frühwarnsystem für die Verbreitung des Coronavirus in der Bevölkerung sind, haben Forscher weltweit bereits unter Beweis gestellt. Sie bemängeln aber den schleppenden Einsatz bei der Anwendung dieser Methode.

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Abwasser zeigt die Entwicklungen der Corona-Lage deutlich früher auf als medizinische Tests.
Abwasser zeigt die Entwicklungen der Corona-Lage deutlich früher auf als medizinische Tests.
(Bild: gemeinfrei / Unsplash)

Wiesbaden (dpa/lhe) - Der Weg zu Corona-Infektionszahlen führt nicht unbedingt durch Mund und Nase. Auch das Abwasser kann helfen, die Entwicklung der Pandemie einzuschätzen. Aus Sicht von Wissenschaftlern wird diese Möglichkeit zu wenig genutzt. Nach einem erfolgreichen Projekt in Frankfurt wird die Technik derzeit in Wiesbaden getestet, koordiniert von der TU Darmstadt.

„Die Technik ist ausgereift, die Methoden stehen - das System könnte jederzeit etabliert werden. Es fehlt eigentlich nur am politischen Willen“, sagt Susanne Lackner, Professorin für Abwasserwirtschaft an der TU Darmstadt, Leiterin des Projekts „Abwa-Sars“. Weltweit hätten Forscher bewiesen, dass es möglich ist, Kläranlagen als Frühwarnsystem zu nutzen. „Grundsätzlich sieht man im Abwasser die Entwicklung früher als im medizinischen Bereich“, sagte Lackner. „Der Vorsprung beträgt je nach Technik zwischen vier und zehn Tage.“

Sehen kann man Lackner zufolge vor allem zwei Dinge: Das eine ist die Zunahme oder Abnahme der Virenkonzentration, also ob mehr oder weniger Menschen infiziert sind. Das andere ist, welche Varianten des Coronavirus im Umlauf sind. Die Labore nutzen dafür Proben, die in allen Kläranlagen routinemäßig aus dem Zufluss entnommen werden, die sogenannten 24-Stunden-Mischproben. Aus der Kläranlage in Wiesbaden bekommt die TU einen Liter pro Woche, in Frankfurt waren es zwei.

Im Labor wird die Probe aufbereitet und dann mittels PCR (für die Virenkonzentration) und Genomsequenzierung (für die Virusvarianten) analysiert. Würde man Proben direkt aus dem Kanal entnehmen, könnte man die Ergebnisse Lackner zufolge sogar auf Stadtteile oder gar auf Häuserblocks herunterbrechen. Dass man diese Möglichkeit nicht nutze, sei „ein Armutszeugnis“, kritisiert die Expertin. Die Methode ist übrigens nicht neu: Solche Ansätze wurden in der Vergangenheit auch schon erfolgreich für das Monitoring von Polio-Viren eingesetzt, wie Lackner erklärt.

Die Landesregierung beurteilt die Idee positiv, wie die Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken Ende Mai 2021 zeigt: „Der Nachweis von Sars-CoV-2 im Abwasser hat grundsätzlich das Potenzial als Frühwarnsystem oder zur Überwachung des Epidemie-Verlaufs genutzt zu werden“, beantwortete Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) die Anfrage. Der Test in Frankfurt „hat das große Potenzial eines abwasserbasierten Monitorings eindrucksvoll aufgezeigt“.

Auch die EU macht Druck: In einer Empfehlung der Kommission vom März heißt es: „Die Mitgliedstaaten werden nachdrücklich aufgefordert, so bald wie möglich, spätestens jedoch bis zum 1. Oktober 2021 ein nationales Abwasserüberwachungssystem“ zur Corona-Früherkennung einzurichten.“ Die Überwachung sei eine kostengünstige, schnelle und zuverlässige Informationsquelle über die Ausbreitung des Virus.

Das Bundesforschungsministerium (BMBF) sieht weitere Vorteile gegenüber der bisher üblichen Beurteilung anhand von Tests: Man könne die Gesamtbevölkerung einschließlich asymptomatisch Infizierter erfassen - und zwar unabhängig von der Bereitschaft, sich testen zu lassen. Es gibt aber auch kritische Stimmen: „Einzelmessungen fluktuieren derzeit noch zu stark, um tatsächlich eine Grundlage für politische Entscheidungen darzustellen“, schränkt eine Sprecherin des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig ein.

Ein weiterer fehlender Puzzlestein ist, dass man nicht weiß, wie viele Viren ein Infizierter zu welchem Zeitpunkt des Infektionsverlaufs ausscheidet. Auch Lackner sieht weiteren Forschungsbedarf, „aber den gibt es doch immer. An Impfstoffen wird ja auch weiter geforscht und trotzdem setzen wir sie schon ein.“ Der Test in Wiesbaden läuft nach Angaben des Gesundheitsdezernats noch bis Mitte Juni. Danach würden die Ergebnisse ausgewertet, einen Abschlussbericht werde es frühestens Ende des Monats geben.

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